John Wick 3: Wie viel Gewalt braucht ein Actionfilm?

Jetzt mordet Auftragskiller John Wick nicht nur mit Messern und Schusswaffen, sondern sogar mit Büchern. Muss das denn sein? Wir haben mit Regisseur Chad Stahelski über Gewalt gesprochen.

Keanu Reeves stars as 'John Wick' in JOHN WICK: CHAPTER 3 - PARABELLUM.

John Wick mordet immer brutaler. Foto: Mark Rogers

Gewaltdarstellungen im Film sind so konsistent wie Liebeswirrungen in romantischen Komödien. Beides wird benötigt, um das jeweilige Genre-Publikum zufriedenzustellen. Doch während sich der Kitsch in Romanzen seit Jahren auf einem ähnlichen Niveau hält, scheint die Akzeptanz von Gewalt als filmisches Element im Actionfilm immer größer zu werden. Diese Entwicklung lässt sich beispielsweise an den beiden Deadpool-Filmen beobachten, an der The Purge-Reihe oder an der finalen Staffel von Game of Thrones, in der eine ganze Stadt in Schutt und Asche gelegt wird.

Die Hemmschwelle scheint zu sinken, die Sensationsgier, gepaart mit dem Verlangen nach einer ordentlichen Portion Action, steigt. Insbesondere die Fanbase der John Wick-Reihe schätzt das Rohe in den Actionszenen. Gab die Freiwillige Selbstkontrolle der Filmwirtschaft (FSK) dem ersten Teil noch eine Freigabe ab 16 Jahren, sind Teil zwei und drei als ab 18 klassifiziert, weil Chad Stahelski seinen Protagonisten (gespielt von Keanu Reeves) immer martialischer morden lässt. Muss das denn sein?

„Nur Nasen oder Rippen zu brechen, wäre langweilig“

Stahelski, der bei allen John Wick-Filmen Regie führte, ist überzeugt davon, dass die Gewalt okay ist, solange Kinogänger*innen klar wird, dass die Welt des Auftragskillers nicht real ist. „John Wick ist kein Jason Bourne“, sagt Stahelski im Interview mit ze.tt. „Mir ist wichtig, dass dem Zuschauer klar wird, dass wir übertreiben. Und ich denke, dass ihm das spätestens, ohne zu viel verraten zu wollen, in der Szene mit den Pferden bewusst wird.“

Tatsächlich ist der dritte Teil der Reihe der härteste. Schnell geschnittene Actionszenen mit einer ordentlichen Portion an Nahkampf und Einsatz von allerlei Waffen, darunter Bücher, halbautomatische Handfeuerwaffen und jede Menge Messer, lassen Wick-Fanherzen höher schlagen. Aber gerade in Bezug auf Übertreibungen halten sich weder Keanu Reeves noch Chad Stahelski zurück. Immer krassere Ideen werden umgesetzt. Als besonderen Clou hat sich Stahelski im dritten Part auf ein ganz neues Arbeitsfeld eingelassen: Tiere, insbesondere Pferde und Hunde, werden Teil der Gewaltchoreografie. „Uns geht es nicht um viel Blut. Mir geht es vor allem um Choreografie. Nur Nasen oder Rippen zu brechen, wäre langweilig. Eine gewisse Ästhetik ist dabei extrem wichtig. Egal ob mit Schuss- und Stichwaffen oder im Nahkampf. Auf die szenische Umsetzung kommt es an.“

JW3_DAY024_061018_0532056.arw
Regisseur Chad Stahelski (links) am Set von John Wick. Foto: Niko Tavernise

Die Ästhetik der Gewalt

Stahelski sei nicht nur der ästhetische Aspekt wichtig, auf dem bereits seit dem ersten Teil der Fokus liegt und die Reihe auch mitunter so beliebt macht. Er lege bei der Arbeit vor allem Wert auf die Überhöhung der Choreografie. Das Absurde sei wichtig, damit dem Publikum deutlich vor Augen geführt wird, dass es sich nur um ein fiktives Szenario handelt. Wenn John Wick mit zahlreichen Messern seine Gegner kampfunfähig macht und einen der geschickteren Antagonisten anschließend mit einem Tomahawk niederstreckt, dann soll das bei dem*der Zuschauer*in vor allem eins erzeugen: Lachen. Diese Momente der Überspitzung und Übertreibung sind essenziell, denn sonst wäre John Wick nur ein weiterer Psychopath oder Auftragskiller, der Freude daran hat, anderen Leid zuzufügen.

Doch durch die maßlose Übertreibung will Stahelski immer wieder einen sogenannten Relief-Moment erzeugen, der sich bei den Zuschauer*innen als befreiendes Lachen entlädt und den Fakt unterstützt, dass es sich bei dem ganzen nur um Fiktion handelt. Gewalt wird somit ein Mittel der gesamtkonzeptorischen Inszenierung.

„Ich brauche mehr Feuerkraft“

Die Frage, die sich dennoch aufdrängt, ist, ob so ein Film in Zeiten, in denen in den USA im Schnitt täglich 100 Menschen durch Schusswaffen sterben und Lehrer*innen in Florida zum Schutz der Schüler*innen Waffen tragen, nicht unpassend ist. Chad Stahelski ist nicht dieser Meinung: „Es wird immer Menschen geben, die nur rein für die Gewaltszenen in die Filme gehen, aber wir machen die Filme vor allem aus einem Grund: zur Unterhaltung.“

Als Zuschauer*in kann man zwar einerseits die kreative Umsetzung und Inszenierung der Reihe honorieren, sich andererseits aber auch der fortwährenden Steigerung von Brutalität bewusst werden. Wann es damit endgültig zu viel wird? In Teil vier, der vor Kurzem bestätigt wurde, wird Chad Stahelski diese Frage sehr wahrscheinlich mit „erst mal nicht“ beantworten.

Außerdem auf ze.tt