Johnny müsste eigentlich im Rollstuhl sitzen – stattdessen fährt er Longboard

Johnny müsste laut seiner Diagnose den ganzen Tag liegen und komplett auf Hilfe angewiesen sein. Doch er studiert Sport und fährt seit ein paar Monaten sogar Longboard. 2020 will er bei den Paralympics im Surfen starten.

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Noch muss Johnny einen seiner Helfer beim Skaten mitnehmen, der ihn steuert, doch er möchte eine Fernbedienung entwickeln, die er selbst auf dem Longboard bedienen kann. Foto: © Julia Seeger

Blick geradeaus, entspannte Haltung, verwehte Haare. Johannes Grasser, genannt Johnny, skatet in Richtung Mensa. Ein Student auf einem Longboard – ein völlig alltägliches Bild. Doch nicht in diesem Fall. Denn eigentlich sitzt Johnny im Rollstuhl und muss die paar Meter von seinem Wohnheim zur Mensa geschoben werden.

Johnny, 29 Jahre, dunkle wuschelige Haare und ein schiefes Grinsen im Gesicht, wurde zu früh geboren und hat deshalb eine Infantilen Zerebralparese in Form einer Tetraspastik. Das heißt: „Theoretisch dürfte man mit dieser Art von Behinderung weder sitzen noch stehen noch essen noch irgendwas können und müsste dauernd vor sich hinzucken“, erklärt er. Die Grundspannung in Johnnys Muskeln ist zu hoch. Im Grunde eine Fehlsteuerung seines Gehirns. Doch Johnny kann sitzen, und stehen, sogar noch mehr: Er studiert Sport.

Ich war schon immer ein bisschen verrückt.

Johnny

Als einziger europaweit mit einer so schweren Behinderung von Anfang an, sagt er. Einen Bachelor- und einen Masterabschluss hat er bereits. Zurzeit macht er seinen zweiten Bachelor an der Sporthochschule Köln. Eigentlich wollte er Medizin studieren und in der Neuroforschung arbeiten. Doch das scheiterte am Praktischen Jahr. In Deutschland muss jede*r Medizinstudierende am Ende seines Studiums ein Jahr in einem Krankenhaus arbeiten. Johnny hätte das nicht leisten können. Sein Vorschlag, das Praktische Jahr in der Forschung zu absolvieren, weil er ja sowieso nicht als Arzt arbeiten wollte, wurde abgelehnt. „Mein Physiotherapeut meinte dann: Studier was, wo du dein ganzes Training integrieren kannst“, erzählt Johnny.

Im Schwimmbad mit Rollstuhl vom 7,5-Meter-Turm gesprungen

Seit er denken kann, trainiert er. Jeden Tag. Stundenlang. Das ist der Grund dafür, dass er heute so fit ist. „Der Sport ist meine Medizin“, sagt er. Seine Eltern wollten es ihm trotz seiner Diagnose ermöglichen, irgendwann ein eigenständiges Leben zu führen. Deshalb trainierten sie mit ihm, schon als kleines Baby. „Teilweise war das schon grenzwertig. Wenn es dann bei den Treppen vor der Haustür heißt: Überleg dir, wie du hochkommst!“

Aber Johnny ist froh, dass seine Eltern so hart mit ihm waren. Heute trainiert er drei bis vier Stunden pro Tag. Und er lässt sich dabei von nichts aufhalten. „Ich war schon immer ein bisschen verrückt. Ich habe immer Dinge ausprobiert, die eigentlich keiner von mir erwartet. Ich bin halt so ein Typ: Geht nicht, gibt’s nicht!“ Johnny fährt Fahrrad, klettert und geht schwimmen. Er hat sogar schon einen Weltrekord aufgestellt. Er ist im Schwimmbad mit seinem Rolli vom 7,5-Meter-Turm gesprungen. Und jetzt skatet er eben.

Die Idee dazu kam ihm bei den Deutschen Hochschulmeisterschaften im Surfen 2016. Er fuhr mit einer Gruppe von Studierenden zum Zuschauen hin und kam zurück mit dem Gedanken: Das will ich auch! Eine*r seiner Helfer*innen schlug ihm dann vor einem Jahr vor, erst mal das Skaten auszuprobieren. Zu Trainingszwecken.

Noch am selben Abend entwickelte Johnny einen Plan wie das Skateboard aussehen müsste. Zusammen mit seinen Helfer*innen bastelte er eine Konstruktion aus Holzlatten und Sprungfedern, die es ihm ermöglicht, beim Skaten seine Krücken mitzunehmen. Der erste Prototyp war im Juni fertig und er funktionierte. „Der war allerdings sehr instabil.“ Zufällig sah ihn ein Schreiner der Uni damit fahren und bot ihm an, die Konstruktion zu optimieren. „Zwei Tage später rief er an. Und dann hatte er das ganze Ding neu gemacht. Und dann war das viel stabiler.“

In Deutschland ist es nicht gewollt, dass Inklusion wirklich funktioniert.

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Ein einfaches Viereck aus Holz, aufgebaut auf einem Longboard. An zwei Ecken sind zusätzliche Stützräder angebracht. Auf einer Seite stecken zwei Metallstäbe in der Vorrichtung. Darauf steckt Johnny seine Gehstöcke, auf die er sich beim Fahren aufstützt. Die Sprungfedern über den Stützrädern erlauben es Johnny, sein Gewicht nach vorne und hinten zu verlagern, ohne umzufallen. Unter dem Longboard ist ein Motor mit Fernsteuerung befestigt.

Noch muss Johnny eine*n seiner Helfer*innen beim Skaten mitnehmen, der ihn steuert. Aber er möchte eine Fernbedienung entwickeln, die er selbst auf dem Longboard bedienen kann. Dann wäre er endlich ein Stück unabhängig. Er könnte kurze Strecken vom Wohnheim zur Uni selbst fahren und mit den Stöcken dann auch vor Ort selbst in den Hörsaal gehen.

Weil er im Rollstuhl sitzt, wird er oft nicht für voll genommen

Noch ist er für all das auf Hilfe angewiesen. Denn seinen Rollstuhl kann er nicht selbst fahren. „Wenn ich die Arme weit nach hinten nehmen muss, dann wird die Spannung so hoch, dass ich einfach viel zu viel Kraft brauche, und dann nicht wirklich vorwärts komme“. Ein Problem, das ihn nicht nur körperlich einschränkt, sondern auch sozial. „Es ist halt immer so, wenn du im Rolli sitzt, halten dich die Leute auch geistig für doof“, sagt er. Dass er geschoben werden muss und immer Helfer braucht, verstärke diesen Eindruck.

Skaten ist einfach geil!

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Fremde würden oft zuerst mit seinem*r Helfer*in sprechen, anstatt mit ihm. Johnny verletzt das. Und es macht ihn einsam. Am liebsten, sagt er, würde er sich T-Shirts drucken lassen. Mit Sprüchen wie: „Ich trinke aus medizinischen Gründen“ oder eines mit Strichfiguren beim Sex und dazu „Yes, I Can“. „Weil ich mir denke, wenn ihr’s nicht anders rafft, dann muss man es halt so machen.“

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Foto: © Julia Seeger

Er schimpft auf die deutschen Behörden, die ihm das Leben schwer machen. „Wenn man durch sein Training besser wird, als man eigentlich ist, dann hast du hier in Deutschland komplett verloren.“ Dass er so viel alleine kann, ist für die deutsche Behörden kein Erfolg, sondern ein Grund, ihm die staatliche Unterstützung teilweise zu streichen. Doch Johnny braucht trotz seines Trainings Hilfe im Alltag. „In Deutschland ist es nicht gewollt, dass Inklusion wirklich funktioniert“, sagt er. Immerzu müsse er für sich kämpfen. Auch an der Uni, sagt er. Das ermüdet. Johnny spricht vom Auswandern. Nach Australien will er. In Brisbane hat er sein schönstes Uni-Jahr verbracht. Und Surfen kann man da besonders gut.

Sein Surfbrett soll so ähnlich wie sein Skateboard aussehen, mit zwei Stangen, auf die er sich aufstützen kann. Eine deutsche Firma in Portugal habe schon Interesse geäußert, ihm so ein Brett zu bauen, sagt er. Nächstes Jahr will er selbst bei den Deutschen Hochschulmeisterschaften im Surfen antreten.

Sein Ziel: Olympia 2020. Johnny will als erster Deutscher in seiner Kategorie bei den Paralympics im Surfen starten. „Und ich trete nicht an, um zu verlieren!“ Doch selbst, wenn das alles nicht klappt. Sein Longboard hat Johnny jetzt schon. Und das gibt ihm ein völlig neues Lebensgefühl: „Skaten ist einfach geil!“