Judith wollte weg aus der sächsischen Provinz – jetzt leitet sie dort ein Kulturzentrum

Das Treibhaus in Döbeln macht alternative Jugendarbeit und Kulturprogramm im ländlichen Raum. Doch der Verein um Judith Schilling kämpft mit Geldproblemen und Angriffen von rechts.

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"Nur das Treibhaus hält mich in Döbeln", sagt Judith Schilling. Foto: Benjamin Jenak

Als das Treibhaus in Döbeln 1997 gegründet wurde, war Judith Schilling gerade einmal fünf Jahre alt. Der neue Verein wollte vor allem den rechtsextremen Umtrieben in der sächsischen Kleinstadt etwas entgegensetzen und ein alternatives Angebot für junge Menschen schaffen. Mittlerweile beleben die Engagierten hier ein ganzes Haus, einen mehrstöckigen, sanierten Backsteinbau, der in privater Hand ist.

Im Erdgeschoss des Gebäudes liegt das Café Courage. Während ihrer Schulzeit ist auch Schilling irgendwann in diesem Jugendtreff gelandet. Nicht lange habe es gedauert, bis sie Bardienste übernahm und erste kleinere Projekte organisierte. „Ich bin hier im Verein sozialisiert und auch politisiert worden“, sagt sie.

Als Schilling in die sechste Klasse kam, zogen ihre Eltern vom mittelfränkischen Ansbach bei Nürnberg aufs sächsische Land. Die Tochter ging fortan in Döbeln zur Schule und die 24.000-Seelen-Gemeinde wurde zu ihrem neuen Zuhause. Nur den Dialekt hat sie nicht übernommen. „Ich sage auch Viertel vor und Viertel nach.“ Das führe bei Terminen manchmal zu Missverständnissen.

Über Umwege zurück nach Döbeln

Nach dem Abitur machte Judith Schilling im Treibhaus ein Freiwilliges Soziales Jahr. Danach zog sie weg – so wie es viele andere junge Menschen nach der Schule auch tun. Von Döbeln ging es zum Studium nach Dresden. Keine kosmopolitische Metropole, zumindest aber eine mit sechsstelliger Bevölkerungszahl. Die Neugierde auf Neues trieb sie dann auch bei der Wahl ihrer Studienfächer: Sprach-, Literatur- und Kulturwissenschaften, Germanistik und Kunstgeschichte. Ein Auslandssemester verbrachte sie in Irlands Universitätsstadt Cork. Mit dem Uniabschluss in der Tasche führte Schillings Weg nach Leipzig – für viele der linksalternative Gegenentwurf zur eher konservativen Landeshauptstadt Sachsens. 

Ich bin hier im Verein sozialisiert und auch politisiert worden

Wie es der Zufall – oder besser das Schicksal – aber so wollte, kam die junge Frau von Döbeln nicht wirklich los. Im Treibhaus übernahm sie 2015 ein Projekt für Geflüchtete. Klassische interkulturelle Arbeit also: Migrationsberatung, Behördengänge, Patenschaften.

Damals eröffnete in der Stadt eine Erstaufnahmeeinrichtung. „Es gab viele Menschen, die sich einbringen wollten und wir hatten Erfahrung darin, dem Engagementwillen eine Struktur zu geben.“ Schilling fuhr täglich von Leipzig nach Döbeln, verbrachte mehr als zwei Stunden im Zug. 14-Stunden-Tage waren mehr die Regel als die Ausnahme. Und so kehrte sie entgegen ihrer Pläne doch wieder zurück. 

Suche nach kulturellen Freiräumen

Es war also eher ein pragmatischer Schritt: „Nur das Treibhaus hält mich in Döbeln. Es gibt für mich keinen anderen Grund, hier zu sein“, sagt Judith Schilling. Seit 2017 leitet sie die Geschicke des Döbelner Vereins als Geschäftsführerin. Eine Chance, die sie als großes Glück beschreibt. Inzwischen zählt das Treibhaus elf Mitarbeitende. Bei einem Verein mit dieser Größe brauche es neben neuen Projektideen genauso Verwaltung, Koordination oder Finanzcontrolling – jemanden mit Überblick also.

Nur das Treibhaus hält mich in Döbeln.

Angetreten ist das Treibhaus mit der Idee, antirassistische Initiativen in der Region zu vernetzen und Geflüchtete in unterschiedlichen Lebenslagen zu beraten. An diesem Gedanken hält der Verein auch weiterhin fest. Das unterscheide ihn von anderen soziokulturellen Zentren im Freistaat, meint Schilling.

Der Begriff Soziokultur beschreibt vor allem eine Kultur von allen und für alle. Ihren Ursprung findet die Idee in der 68er-Bewegung. Damals suchte deren Anhängerschaft nach Freiräumen, die sie meistens in alten, leerstehenden Fabriken fanden. Sie wollten ein neues Verständnis von Kultur schaffen – selbstverwaltet, basisdemokratisch und vor allem unabhängig von staatlicher Einflussnahme. Konzerte und Werkstätten statt Museen oder Galerien.

Kabarett, Konzerte, Karaoke-Abende

Im Osten jedoch ist die Geschichte eine andere. Denn während in Westdeutschland schon in den Siebzigern bereits die ersten freien Kulturzentren entstanden, gab es in der ehemaligen DDR zwar eine eindrucksvolle Zahl an Bühnen, Bibliotheken oder Klubs. Die waren aber in den allermeisten Fällen staatlich kontrolliert.

Das alles fiel nach der Wende weg, und in den Neunzigern entstanden auch in Ostdeutschland neue Kulturhäuser. Doch ohne die staatlichen Hilfen könnten viele Vereine, Zentren oder Initiativen heute gar nicht überleben. Dabei sind sie nicht nur Treffpunkte mit einem gastronomischen Angebot. Soziokultur meint viel mehr: lokale Geschichtsarbeit zum Beispiel oder nicht staatlich organisierte Kulturpädagogik und politische Bildung, Straßen- oder Stadtteilfeste.

Auch in Döbeln lebt die Idee bis heute weiter – und der Verein hat sein Portfolio angepasst, bietet heute zum Bespiel Video-Game-Nights, Karaoke-Abende, Konzerte, Partys, Kabarettaufführungen oder Quiz-Cafés in dem ehrenamtlich betriebenen Saal im untersten Geschoss an. Und auch eine Siebdruckmaschine und sogar eine Fahrradwerkstatt gibt es im Haus.

Das Treibhaus will anderen die Möglichkeit geben, sich auszuprobieren und mit Hilfe der Infrastruktur des Vereins eigene Projekte auf die Beine zu stellen, sagt Schilling. Die Jugendlichen würden selbst bestimmen, worauf sie Bock hätten. Momentan gebe es viele Kunstprojekte. „Uns geht es nicht nur ums Bespaßen, die Projekte sind immer mit einem politischem Anspruch verbunden.“

Veränderte Strategie der Neonazis

Das sei vor allem in einer Region nötig, die in Neunzigern schon ungewollt bekannt wurde. Ab 2006 trieb dort nämlich die Kameradschaft Sturm 34 ihr Unwesen. Deren Mitglieder maskierten sich mit Sturmhauben und schlugen mit quarzsandgefüllten Handschuhen zu. Einige Opfer überlebten nur knapp.

Die Gruppierung soll auch am Überfall auf das Café Courage im Februar 2007 beteiligt gewesen sein, bei dem vier Menschen verletzt wurden. Die Verhandlung jedoch endete mit einer Einstellung des Verfahrens, einem Freispruch und einer achtmonatigen Freiheitsstrafe, ausgesetzt auf zwei Jahre Bewährung für einen der Angeklagten. Darüber hinaus sollen Neonazis mehrere Brandstiftungen auf Autos von Mitarbeitenden und Mitgliedern des Treibhauses verübt haben.

Mehr als zehn Jahre später sei die Situation eine andere, beschreibt Judith Schilling das politische Klima in der Stadt. Höchstens Sprühereien am Gebäude des Vereins gebe es noch. Die Neonazis hätten sich selbst strategisch anders aufgestellt, um nicht weiter Anschluss zu verlieren. Heute würde sich die NPD und deren Nachwuchsorganisation, bemerkt Schilling, als „liebevolle, hilfsbereite Kümmerer inszenieren, die Spielplätze bauen, Spenden für Tierheime sammeln oder Kinderfeste in der Stadt organisieren.“

Die Akzeptanz in der Bevölkerung sei durch solche Aktionen gestiegen, der Zuspruch sei groß, obwohl viele Menschen eigentlich wenig mit den Inhalten der NPD anzufangen wüssten. Doch bei solchen eher harmloseren Aktionen bleibt es nicht.

Wie Rechte Patrouillen inszenieren

In Döbeln und Roßwein ist die NPD bereits 2018 mit einer sogenannten Schutzzonen-Kampagne in Erscheinung getreten. Fotos, die in den sozialen Netzwerken verbreitet wurden, zeigen angebliche Patrouillengänge in selbst ausgerufenen Schutzzonen. Wie eine SA – aber auf mickrigem Niveau, so beurteilte der Jenaer Soziologe Matthias Quendt die Kampagne der NPD.

Erst im Mai informierte Quent bei der Veranstaltung Hilfssheriffs oder inszenierte Provokation? im Döbelner Café Courage umfassend über diese rechtsextremen Bürgerwehren. Doch auch die Polizei war den Machenschaften der Neonazis früh auf der Spur – sprach in einer Nachbarstadt von Döbeln Platzverweise aus und beendete neulich gar eine solche inszenierte Streife.

Denn – und das ist auch die Meinung von Matthias Quent – diese Neonazi-Gruppen existierten ausschließlich im Internet. Es gehe vor allem darum, ein Versagen des Staates zu suggerieren. „Es geht ihnen nicht darum, Kriminalität zu bekämpfen, sondern die Polizei dumm aussehen zu lassen.“

Dennoch sieht der Jenaer Soziologe in diesen Bürgerwehren durchaus auch Gefahren, Beispiel: Gruppe Freital. Diese gab vor, in den Bussen der Linie 360 für Ordnung und Sicherheit zu sorgen, weil es dort Probleme mit Geflüchteten gegeben habe. Die Gruppe verübte auch mehrere Sprengstoffanschläge. Ähnlich war die Situation bei der Gruppe Revolution Chemnitz. Diese kontrollierte in der Stadt Ausweise und wurde auch übergriffig. Das Gewaltpotenzial müsse ernstgenommen werden, sagt Quent. 

Aufkleber, Antifaschismus, Anarchie

Einer der führenden Köpfe der Aktionen in Döbeln ist der frühere NPD-Stadtrat Stefan Trautmann. Während ihm aber der Wiedereinzug verwehrt blieb, sitzt die AfD seit den Kommunalwahlen Ende Mai mit nun fünf Abgeordneten im Döbelner Parlament.

Den Umgang mit der Rechtsaußenpartei bewertet Judith Schilling als schwierig. Denn die Partei stört sich bekanntermaßen an der Finanzierung solcher Initiativen und beklagt das auch in öffentlichen Verlautbarungen. Argumente allerdings liefert sie keine, dafür immer gleichlautende Unterstellungen, die Engagierten im Freistaat eine Nähe zu Gewalt und Extremismus zuschreiben. Kritik äußert die Partei an Antifa-Symbolen und Aufklebern mit anarchistischem Gedankengut.

Die Spur führt ins Innere des Hauses – zurück ins Café Courage. Hier sind die Wände und Tische großflächig mit Stickern und Plakaten tapeziert. „Nazi verpiss dich“, „Refugees welcome“, Poster längst vergangener Konzerte, Demo-Ankündigungen und die Termine fürs nächste Thaiboxtraining hängen dort. Die Fenster des Cafés, das meistens ehrenamtlich, wochentags am Nachmittag von einem Sozialarbeiter betreut wird, sind von außen vergittert. Die meisten Veranstaltungen des Vereins finden hier statt, einmal im Monat ist Plenum. Ausgelegt ist der ausladende Erdgeschosssaal mit einem dunklem Holzfußboden. Zu sehen gibt es einen meterlanger Tresen, einen Kicker, einen Billardtisch, eine Leinwand, Lichttechnik, eine kleine Bibliothek und gemütliche Sofaecken. 

Warum #wirsindmehr nicht zutrifft

Schilling kann über die Diffamierungsversuche der AfD hinwegsehen, ärgerlich findet sie sie dennoch: „Unser Verein hat wohl weitaus weniger Probleme mit dem Grundgesetz als die AfD selbst.“ Sorgen macht sie sich aber darüber, dass die Partei in Zukunft über Anträge des Vereins im Stadtrat mitentscheidet, Haushaltspläne einsehen kann und darüber mitbestimmt, wie viel Geld das Treibhaus in Zukunft bekommt. „Die Partei ist in Sachsen so aufgestellt, dass sie Vereine und Initiativen, die sich dem Rechtsruck entgegenstellen, so richtig in die Scheiße reiten kann.“ Hinzukomme, dass die NPD anders als in den Städten nicht einfach verschwinde, sondern hier mit der AfD in friedlich-freundschaftlicher Koexistenz lebe.

Das war auch mit Anlass dafür, dass Schillings Kollege Stephan Conrad im August 2018 vielbeachtete Kritik an dem Hashtag #wirsindmehr und dem großen Konzert mit den Toten Hosen in Chemnitz übte: „Wir brauchen keine Wochenendantifa, wir brauchen Hilfe. Egal wo.“ Sein Post wurde über tausendmal geteilt. #wirsindmehr hält der Jugendarbeiter für eine Illusion, denn dieser Slogan gelte vielleicht für Hamburg und Berlin, sagt Conrad, vielleicht noch für Leipzig, aber nicht in der ostdeutschen Provinz.

Schilling teilt dieses Urteil: „Es fühlt sich hier auch meistens nicht nach #wirsindmehr an, weil wir uns als Verein ständig für irgend etwas rechtfertigen müssen – für die einen sind wir zu politisch, für andere nicht genug.“

#wirsindmehr hält der Jugendarbeiter Stephan Conrad für eine Illusion.

Dem Verein fehlt die finanzielle Perspektive

Nette Worte von anderen Parteien brauche sie nicht, macht Schilling deutlich, sondern Veränderungen in der Verwaltung. „Wenn wir einen Zuwendungsbescheid erst im April bekommen, ist das ein Problem.“ Während kleinere Initiativen in solchen Situationen ihren Mitarbeitenden kündigen müssten, könne das Treibhaus seine Personalkosten zumindest über Darlehen auslegen, bis die Förderzusage des Freistaates dann doch noch irgendwann kommt. Mit Perspektive oder finanzieller Sicherheit habe das wenig zu tun, kritisiert Schilling. „Wir werden zu Aushängeschildern gemacht und viele tun so, als wäre das total wichtig, was wir tun. Und trotzdem ändert sich wenig.“

Was passieren würde, wenn es Vereine wie das Treibhaus nicht mehr gäbe? „Viele würde das gar nicht stören.“ Leiden würden darunter vor allem die jungen Geflüchteten in der Stadt, denen es dann nicht nur an Räumlichkeiten fehlen würde, sondern auch an Beratung. So gut wie niemand in der Stadt würde ihnen eine Stimme geben, ist sich Schilling sicher. Doch so weit soll es gar nicht erst kommen.

Mit Blick auf die bevorstehende Landtagswahl, bei der sich die AfD laut aktuellen Umfragen ein Kopf-an-Kopf-Rennen mit der CDU um den Wahlsieg liefern wird, ist Schilling zurückhaltend. Eine Regierungsbeteiligung der AfD, so viel ist zumindest sicher, würde die Anti-Rechts-Arbeit in Sachsen so gut wie unmöglich machen. Doch ein solches Bündnis schließt der amtierende Ministerpräsident Michael Kretschmer (CDU) weiterhin vehement aus.

Projekte nicht nur für Jugendliche

Außerdem gebe es für das Treibhaus viel Zuspruch aus der Stadtgesellschaft – auch von älteren Menschen. Gelungen sei dem Verein das durch eine kontinuierlich gute Arbeit, meint Schilling. Die Projekte würden sich auch nicht nur an junge Menschen richten. Ganz neu angeschafft haben das Treibhaus und die Caritas eine Rikscha – eine Art Lastenfahrrad, das in Großstädten bereits die Taxis ersetzt. Damit wollen beide Vereine die ältere Stadtbevölkerung, die nicht mehr gut zu Fuß ist, an liebgewonnene Orte fahren, die sie ohne Hilfe nicht mehr so gut erreichen können. Schilling hat Freude an solchen Neuerungen und sie spürt auch, dass junge Menschen Lust darauf haben, sich mit Politik zu beschäftigen.

Die Gedanken ans Weggehen sind trotz allem nicht verflogen – sie seien aber weniger geworden, meint sie. Schilling will etwas dafür tun, dass wieder mehr junge Menschen nach Döbeln kommen. „Eine Stadt lebt von ihrer Unterschiedlichkeit. Das macht so ein Zusammenleben doch überhaupt erst interessant und fördert den Austausch“, erklärt sie. An sich sei das Leben auf dem Land nicht nur negativ. „Es gibt hier zum Beispiel gut ausgebaute Radwege, ein Schwimmbad und ein Kino.“ Nur einen Spätshop und wieder mehr Konzerte würde sie sich noch wünschen, damit das Gefühl des Zuhauseseins noch größer werde. Und ein Auto will sie sich demnächst zulegen, um wieder mal Neues zu entdecken, andere Orte zu sehen – irgendwas außerhalb von Döbeln. 


Von Tom Waurig (Text) und Benjamin Jenak (Fotos) auf Veto.

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