Junge Jüdinnen nach Anschlag in Halle: „Ich will mich nicht wegekeln lassen aus meinem Land“

An Jom Kippur, dem heiligsten jüdischen Feiertag, schießt ein Attentäter auf eine Synagoge und tötet zwei Menschen. Wir haben mit drei jungen Jüdinnen über Antisemitismus in Deutschland gesprochen.

Avital-Grinberg

"Solidarität allein reicht nicht", sagt Avital. Foto: Rina Gechtina

Heiko Maas ist entsetzt, Annegret Kramp-Karrenbauer alarmiert und Frank-Walter Steinmeier findet es unvorstellbar: Gestern, an Jom Kippur, dem heiligsten Feiertag im Judentum, wurde in Halle ein Anschlag auf eine Synagoge verübt. Für Jüd*innen hingegen gehört die zunehmende Bedrohung von rechts seit Jahren zum Leben in Deutschland dazu. Die Anzahl der Übergriffe steigt, laut Bundeskriminalamt um fast 20 Prozent vom Jahr 2017 zum Jahr 2018. Die meisten Übergriffe wurden in Berlin registriert.

In Wahrheit dürften die Zahlen weitaus höher liegen, denn polizeiliche Statistiken erfassen keine Dunkelziffer. Nicht jede Beleidigung oder Straftat wird von den Betroffenen angezeigt, beziehungsweise von der Polizei selbst zur Anzeige gebracht.

Diese Lücke möchte die Recherche- und Informationsstelle Antisemitismus Berlin (RIAS) schließen. Sie bietet ein Online-Meldeportal an, in dem antisemitische Vorfälle gemeldet werden können. Bislang liegt lediglich für das Land Berlin ein umfassender Bericht vor. Die Zahlen darin sind deutlich höher als die des Bundeskriminalamts. Sie enthalten allerdings auch Vorfälle, die keinen juristischen Straftatbestand erfüllen.

RIAS schreibt, dass der Antisemitismus zunehmend gefährlicher werde: „Wir stellen im Vergleich zu den vergangenen Jahren eine zunehmende Bereitschaft fest, antisemitische Aussagen mit konkreten Gewaltandrohungen zu verbinden oder ihnen gar Gewalt folgen zu lassen“, wird Berlin-Projektleiter Benjamin Steinitz auf der Webseite von RIAS zitiert.

Wir haben mit drei Jüdinnen darüber gesprochen, wie der Terroranschlag und die steigende Zahl der Übergriffe ihr Leben beeinflussen und ob sie sich in Deutschland sicher fühlen.

Avital, 23, Vorstandsmitglied der Jüdischen Studierendenunion Deutschland: „Ich will mich nicht wegekeln lassen aus meinem Heimatland“

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Avital. Foto: Rina Gechtina

Zu Jom Kippur schalten Jüd*innen ihr Handy aus und nutzen keine Elektrizität. Das habe ich gestern auch getan. Im Laufe des Gebets hat mich eine Bekannte nach dem Attentat gefragt, aber erst am Abend nach Jom Kippur habe ich mehr dazu erfahren. Ich finde es falsch, diese Tat als eine Einzeltat oder Überraschung darzustellen, denn der Antisemitismus ist in den vergangenen Jahren gewachsen, es gab schon viele rechtsradikale Anschläge und viele Attentäter*innen. Zum Beispiel Christchurch, wo es genauso eine Live-Übertragung gab und es genauso um Weltverschwörungstheorien ging. Es reicht nicht zu sagen: „Wir sind bestürzt.“ Mit tatenlosen Solidaritätsbekundungen kann ich mittlerweile wenig anfangen.

Ich bin damit aufgewachsen, dass jüdische Institutionen selbstverständlich bewacht werden, dass vor jeder jüdischen Institution, ob Kindergarten oder Synagoge, Sicherheitspersonal steht. Der zunehmende Rechtsradikalismus wird aber vieles für die gesamte Gesellschaft verändern. Ich sehe darin nicht nur eine Tat gegen Jüd*innen, sondern gegen alle Demokrat*innen.

Es reicht nicht zu sagen: Wir sind bestürzt.

Das Wichtigste ist, dass wir keine Angst haben. Angst macht fahrlässig, aber wir müssen achtsam sein. Ich will mich nicht wegekeln lassen aus meinem Heimatland. Gleichzeitig kann ich verstehen, wenn jüdische Menschen sich unsicher fühlen und enttäuscht sind. Für mich ist Wegziehen keine Lösung. Auch wenn an einem Tag wie heute die Rede nur von dieser Tat ist, bewegt uns mehr als Antisemitismus. Ich wünsche mir, dass rechtsradikale Strukturen stärker überwacht werden, auch auf Plattformen wie Twitch und Telegram. Viele Taten sind absehbar. Ich bin auch enttäuscht von der Polizei, die erst nach 30 Minuten in Halle vor Ort war. Die Taten müssen verstärkt verfolgt werden.

Hannah, 28, Doktorandin: „Ich kann verstehen, dass Menschen Angst um ihre Zukunft in Deutschland haben“

Ich hatte nach dem Gottesdienst mehrere Anrufe auf dem Handy und habe dann Nachrichten gelesen. Bis zum frühen Abend hatten wir keine Nachrichten von den Menschen in der Synagoge in Halle, darunter auch Bekannte und Freund*innen. Gleichzeitig habe ich sehr viel Solidarität erfahren. Zahlreiche Kundgebungen und Mahnwachen wurden organisiert, gerade auch in ostdeutschen Städten. Diese Solidarität ist unheimlich wichtig.

Meinem Eindruck nach sind die Mehrheit der in Deutschland lebenden Jüd*innen schockiert, aber nicht überrascht. Wir sind alle gewohnt, dass die meisten jüdischen Einrichtungen unter Polizeischutz stehen – aus gutem Grund. Rechtsterrorismus ist kein neues Phänomen, sondern hat eine lange Geschichte seit 1945. Diese Kontinuität wird nach wie vor von Politiker*innen auf allen Ebenen geleugnet. Dazu gehört unter anderem, dass von einem Einzeltäter gesprochen wird. Wir reden hier von organisierter neonazistischer Gewalt, mit internationalen Bezügen. Antisemitische und rassistische Ideologien finden sich überall in der Gesellschaft: im Bundestag, in den Institutionen, in den Behörden, den Schulen, den Kneipen, im Alltag. Der Täter hat vielleicht allein geschossen, er ist aber nicht allein. Heute überrascht zu sein, bedeutet, rechten Terror nicht ernst zu nehmen. Das ist immer auch ein Schlag ins Gesicht der Opfer und Betroffenen.

Der Täter hat vielleicht allein geschossen, er ist aber nicht allein.

Hannah

Ich kann verstehen, dass Menschen Angst um ihre Zukunft in Deutschland haben. Aber ich sehe derzeit nicht, dass dies ein deutscher Zustand ist. Pittsburgh, Christchurch und viele andere Orte und Anschläge sowie Wahlerfolge der Rechten beunruhigen in der ganzen Welt. Wichtig sind doch die solidarischen Kräfte. Die Haltung muss sein: Jetzt erst recht. Gemeinsam und solidarisch mit allen Betroffenen neonazistischer Gewalt und mit allen Demokrat*innen.

Rachel, 25, Studentin in Köln: „Man sollte verstärkt etwas gegen Nazis tun und aufhören, mit ihnen reden zu wollen“

An Jom Kippur, dem heiligsten jüdischen Feiertag, schießt ein Attentäter auf eine Synagoge und tötet zwei Menschen. Wie sicher fühlen sich junge Jüdinnen nach dem Terrorangriff in Deutschland?
Rachel. Foto: Privat

Ich habe durch eine Bekannte von dem Attentat erfahren, die mich auf Social Media angeschrieben hat und mich gefragt hat, ob es mir gut geht. Sie ist ebenfalls jüdisch und sie schrieb mir: „In Zeiten wie diesen ist es wichtig, aufeinander aufzupassen.“ Der Rest des Tages war ganz merkwürdig. Ich kannte Deutschland bislang als meine einzige Heimat. Natürlich ist es beängstigend, dass der Ort, den ich für 25 Jahre meine Heimat genannt habe, eventuell bald nicht mehr das sein kann. Einfach aus dem Grund, dass mein Leben, weil ich Jüdin bin, hier bedroht ist.

Mir wurde von klein auf beigebracht, mein Jüdischseinin der Öffentlichkeit zu verstecken. Dass ich auf der Straße keinen Davidstern tragen sollte, dass man, wenn man in eine Synagoge geht, so schnell wie möglich reingehen sollte. Ich bin damit aufgewachsen, dass es immer strenge Sicherheitsvorkehrungen gab. Ich hab das zum Beispiel bei Schulausflügen nie erlebt, dass wir Security und Begleitschutz hatten. Das ist für mich Normalität gewesen. Jetzt muss ich sogar innerhalb meines Bekanntenkreises vorsichtig sein, wem ich meine jüdische Identität offenbare.

Mir wurde von klein auf beigebracht, mein Jüdischsein in der Öffentlichkeit zu verstecken.

Rachel

Man sollte verstärkt etwas gegen Neonazis tun und aufhören, mit ihnen reden zu wollen. Es geht mir massiv auf die Nerven, wie Politik und Gesellschaft gleichermaßen das Problem verharmlosen und Menschen mit rechter Ideologie nach wie vor eine Plattform gegeben wird, anstatt uns, die von rechter Gewalt betroffen sind, in Schutz zu nehmen.