Junge vergisst Kamera am Strand in England und sie schwimmt bis Schleswig-Holstein

Nachdem die Kamera ihren eigenen Untergang filmte, wird sie Monate später auf einer Insel an der Nordsee angespült. Nun suchen die Bewohner*innen den Eigentümer, um sie ihm zurückzugeben.

„Vielleicht bekommt der kleine Junge am Ende ja sogar seine Kamera wieder." © Holger Spreer/ dpa

Es ist die Geschichte von einer Flaschenpost der besonderen Art. Sie beginnt ihre Reise an der britischen Küste nahe East Yorkshire, wo ein kleiner Junge mit einer Kamera am Strand spielt. Er spricht Englisch und filmt sich dabei, wie er vom Fischfang erzählt. Er stellt die Kamera auf einem Stein ab, spielt mit seiner Schwester und scheint die Kamera ganz vergessen zu haben.

Schließlich geht er und lässt die Kamera am Strand zurück. Danach wird sie von den Wellen ins Wasser gezogen und tritt ihre Reise an. Bis sie schließlich auf der friesischen Insel Hallig Süderoog nahe Schleswig-Holstein angeschwemmt wird.

Schnackendes Strandgut

Das gab es mit ziemlicher Sicherheit noch nie :-)Auf Süderoog ist ganz besonderes Strandgut angekommen.Eine Kamera, welche genau berichtet, wie es dazu kam, dass sie am 01.09.17 (vermutlich an der Küste Großbritanniens) in der Nordsee gelandet ist, um ca. zwei Monate später hier auf der Hallig Süderoog anzukommen.Da sie in ein wasserdichtes Gehäuse verpackt war, ist sie immer noch funktionstüchtig und so konnten wir uns die aufgenommenen Filme von der Speicherkarte anschauen.Wie sich herausstellte, gehört die kleine schwarze Kamera wohl einem ca. 10 bis 12- jährigen, englischen Jungen, der sich und seine Familie gerne mal filmte. Dabei spionierte er ab und an sein Schwesterchen aus, nahm die Eltern beim Herumlungern auf der Couch auf oder auch die Großeltern beim Besuch. Eigene Aktivitäten, wie Tretrollerfahren in einer Indoorhalle oder Rumtoberei mit der Schwester auf dem Trampolin im Garten mussten natürlich auch festgehalten werden. Die Videos des Strandbesuchs, welche ihr hier in gekürzter Fassung zu sehen bekommt, sollten vorerst die letzten sein, die er mit seiner Kamera aufgenommen hat. Beim Spielen stellte er sie auf einem Stein ab, beschäftigte sich dann weiter mit Eimer und Schwester, vergaß wohl die noch laufende Kamera und entfernte sich immer weiter. Langsam kam allerdings die Flut und eine kleine Welle schubste sie dann ins Meer. All das und noch einiges mehr ist somit gut dokumentiert. ;-)Gefunden hat die Kamera übrigns bereits am 02.11.17 mein Vater, der das Strandgutsammeln noch sehr gut aus seiner Kindheit kennt. Geboren (1950) und aufgewachsen ist er nämlich bei Dranske auf Rügen. Damals, meint er, konnte man die meisten Dinge, die das Meer brachte (hauptsächlich Holz, wie Balken und Bretter, aber auch mal Apfelsinen usw.) noch gebrauchen. Zu dieser Zeit war Strandgut noch gut. Heute ist es fast ausschließlich Müll. :-( Dieser Fund hier, so meint auch er, ist schon etwas ganz besonderes. Man fragt sich so oft: „Wo kommt das bloß wieder her?“ oder „Wie ist das wohl im Meer gelandet?“Endlich „schnackt“ ein Stück Müll mal mit uns.Die Uni Oldenburg macht ähnliche Experimente (nur nicht so ganz unfreiwillig wie diese Kamera) mit Driftern. Diese Holzklötze, welche auch schon zahlreich bei uns angekommen sind, werden mit einer Nummer und einem Hinweis versehen und in Massen an verschiedenen Orten ins Meer geworfen. Wer einen, z.B. beim Strandspaziergang, findet, kann dann die Nummer, Fundort und Zeit auf der Internetseite www.macroplastics.de eingeben. Durch die somit gewonnenen Daten versucht man sich ein Bild zu machen, wie sich der Müll in den Meeren verteilt und welche Zeit er für welchen Weg benötigt.Vielleicht ist der Weg dieser Kamera ja auch interessant für die Uni. ;-)Schön zu wissen wäre jetzt aber natürlich auch, ob jemand diesen im Video zu sehenden Jungen oder markant wirkenden Küstenabschnitt wiedererkennt. Für Eure Hinweise und Hilfe der Verbreitung sind wir sehr dankbar!Und wer weiß . . . , vielleicht bekommt der kleine Junge am Ende ja sogar seine Kamera wieder!? ;-)Grüße von der Hallig SüderoogFenja, Nele und Holger :-)

Posted by Hallig Süderoog on Mittwoch, 22. November 2017

Der Hallig-Bewohner Roland Spreer findet die Kamera und fischt sie aus dem Wasser. Seine Kinder entdecken, dass die Kamera fünf Stunden im Meer aufgezeichnet hat. Knapp zwei Monate war sie in der Nordsee unterwegs, wie der Timecode im Video verrät.

Um den Jungen zu finden, veröffentlicht Holger Spreer, der Sohn des Finders, einen Zusammenschnitt der Odyssee bei Facebook. Mehr als 36.000-mal wurde das Video bereits angeklickt, der dazugehörige Junge aber noch nicht gefunden.

Posted by Hallig Süderoog on Donnerstag, 23. November 2017

Schließlich steigt auch ein Mitarbeiter der Deutschen Gesellschaft zur Rettung Schiffbrüchiger (DGzRS) in die vermeintliche Detektivgeschichte ein. Er kontaktiert seine britischen Kolleg*innen und diese sind sich sicher: Die letzten Bilder vom Festland stammen aus der Thornwick Bay in East Yorkshire. Das bedeutet, die Kamera hat einen Weg von 800 bis 900 Kilometer zurückgelegt. Ein Facebook-User wiederum findet auf Google Earth sogar den konkreten Strand.

Posted by Armin Klos on Donnerstag, 23. November 2017

Mithilfe einer Software, welche sonst die Suchgebiete von Schiffbrüchigen berechnet, konnte auch die exakte Route der Kamera nachvollzogen werden. Auf der Reise machte sie auch einen Abstecher über Dänemark. „Über einen so langen Zeitraum den Weg zu berechnen, das hatten wir noch nie gemacht“, erklärt Christian Stipeldey von der DGzRS. Auch dass die Kamera ausgerechnet auf der Hallig Süderoog entdeckt wurde, stellt ein kleines Wunder dar, denn dort leben ständig nur zwei Bewohner*innen. „Vielleicht bekommt der kleine Junge am Ende ja sogar seine Kamera wieder“, hofft Hallig-Bewohner Roland Spreer. Nun muss die Flaschenpost der etwas anderen Art aber erst mal seinen Weg zu seinem Eigentümer zurückfinden – vielleicht ja als ein Weihnachtsgeschenk.

Deutschlandfunk Nova stellt in einem Radiobeitrag dazu die Frage in den Raum, ob die Geschichte vielleicht zu schön ist, um wahr zu sein, und es sich um eine geschickte Guerilla-Vermarktung des Kameraherstellers handeln könnte. Mit Sicherheit kann das natürlich nicht ausgeschlossen werden. Es bleibt also nur zu hoffen, dass diese wunderbare Geschichte wirklich so passiert ist.