K.o.-Tropfen-Armband: Hört auf, Frauen für ihre eigene Sicherheit verantwortlich zu machen

K.-o.-Tropfen-Sexismus

Anstoßen, Spaß haben – aber niemals das Getränk aus den Augen lassen. Foto: Kelsey Chance / Unsplash | CC0

Als Frau lernt man früh, auf sich aufzupassen. Oder vielmehr, auf sich aufpassen zu müssen. Auch ich habe diese Sätze schon als junges Mädchen gehört: „Ruf an, wenn du da bist“, „Sag Bescheid, wenn du los gehst“, „Ruf mich immer an, wenn du dich unwohl fühlst, ich hole dich ab“ oder auch: „Bitte zieh dir noch was über das Top, ich will nicht, dass du alleine nachts so durch die Gegend läufst.“ Was bei dem Satz nie mit angefügt wurde: „Denn damit bringst du dich in Gefahr“.

Pass auf dich auf

Interessanterweise hat es diesen Satz auch gar nicht gebraucht. Ich wusste, wovor ich gewarnt wurde. Ich wusste, wovor ich Angst haben muss. Und ich wusste, dass andere meinen Körper als Einladung sehen dürfen, mir etwas anzutun – und dass mir, wenn ich ihn nicht ausreichend verhülle, eine Teilschuld gegeben wird, wenn mir etwas zustoßen sollte. Einfach nur, weil ich ein Mädchen war, eine Frau bin.

An dem Wissen, dass ich mich schützen muss, hat sich nichts geändert. Auch heute noch habe ich meine ganz eigenen Maßnahmen, um sicher nachts alleine nach Hause zu kommen. Manchmal funktionieren sie. Manchmal passiert mir dennoch etwas. Wie auch nicht. Es ist eine Illusion, sich selbst immer schützen zu können, egal was man tut. Was mir passiert, habe ich nur sehr bedingt in der eigenen Hand. Vor allem aber, liegt es nicht in meiner Verantwortung, sondern immer in der Verantwortung der Täter*innen, die mir oder einem anderen Menschen etwas antun.

Produkte für mehr Schutz

Deshalb sehe ich all die Produkte, die nun rund um die Sicherheit von Frauen mal wieder auf den Markt kommen, wie das K.o.-Tropfen-Armband von dm, mit ähnlicher Skepsis wie die Journalistin Nhi Le. Sie schrieb dazu auf Twitter:

Ja klar, kann man erstmal sagen, dass es gut ist, dass es diese Produkte gibt. Wir könnten aber auch sagen: Wir sehen an genau diesen Produkten, dass wir als Gesellschaft versagen. Wir könnten empört sein, dass es sie immer noch braucht. Denn diese Produkte schützen nicht vor Übergriffen, schon alleine ein versuchter Angriff oder aber das versuchte Verabreichen von K.o.-Tropfen ist ein Übergriff an sich. Wenn dann verhindert es vielleicht, was danach kommt. Wir aber ruhen uns trotzdem mehrheitlich auf der Mär aus, dass sich Frauen so gut wie möglich selbst schützen können und müssen. Genauso wie wir uns weiter darauf ausruhen, dass Vereinbarkeit heißt, dass die Mutter im Zweifelsfall schon irgendwie einspringt. Geht eben nicht anders, war doch schon immer so.

Ach ja, es kann sich nichts ändern? Natürlich ginge das! Wo sind die Kurse für Jungs und Mädchen, die sich mit Konsens beschäftigen oder mit toxischer Männlichkeit? Oder wo sind die Schulungen für Mädchen, die ihnen beibringen: Ihr seid an gar nichts schuld, nie! Auch nicht, wenn ihr nackt über die Straße und in die dunkelste Gasse geht.

Schluss mit Symptombehandlung

Wo ist das harte Durchgreifen bei häuslicher Gewalt, die sich mehrheitlich gegen Frauen richtet? Wo wenigstens nur eine Sprache, die die Realität nicht verharmlost, wie etwa in Medien, in denen Vergewaltigungen und sexualisierte Übergriffe routiniert als Beziehungstat oder Sex-Skandal abgetan werden? Wo ist irgendeine Idee, die wirklich etwas verändern will? Die wenigstens den Boden dafür bereitet, dass wir an die Wurzel dessen kommen, warum Frauen nachts alleine nicht ohne ein ungutes Gefühl im Bauch nach Hause gehen können?

Wir bringen noch nicht mal das Minimum auf, um etwas zu bewegen. Stattdessen schmeißen Firmen aber Produkte auf den Markt, die Frauen Sicherheit suggerieren sollen, wo keine ist. Ja, es kann auch keine ultimative Sicherheit geben, aber wir müssen doch als Gesellschaft wenigstens den Anspruch haben, dass wir nicht nur Symptome bekämpfen, sondern uns an die Krankheit an sich machen. Wir brauchen diese Tools vorerst, mag sein. Vor allem brauchen wir aber eine Gesellschaft, die sie abschaffen will. Und von diesem Willen merkt man immer noch herzlich wenig.


Von Silvia Follmann auf EDITION F.

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