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Kann auch dein Haustier Depressionen haben?

Manchmal zeigen Tiere Symptome wie depressive Menschen. Zwei Tierpsychologinnen erklären, inwieweit sich das vergleichen und was sich dagegen tun lässt.

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Halter*innen sollten Verhaltensänderungen ihrer Tiere genau beobachten. Foto: Ryan Stone / Unsplash | CC0

Der Goldfisch schwimmt nur noch trüb vor sich hin, die Katze verweigert den Thunfisch, der Hund ignoriert sein Lieblingsspielzeug – das ähnelt durchaus den Symptomen, die Menschen bei einer Depression zeigen. Aber inwieweit lässt sich das tatsächlich vergleichen? Und noch wichtiger: Was können Halter*innen dann tun?

In deutschen Haushalten leben knapp 15 Millionen Katzen und 9,5 Millionen Hunde sowie über fünf Millionen Kleintiere – fast die Hälfte der Haushalte hat also mindestens ein Haustier. Kein Zweifel: Die flauschigen oder gefiederten Familienmitglieder liegen uns am Herzen. Anders gesagt: Ist die Katze gesund, freut sich der Mensch. Doch nicht immer geht es Haustieren blendend.

Wenn ein munteres, agiles Tier plötzlich das Interesse an zuvor beliebten Aktivitäten verliert, apathisch wirkt, sich zurückzieht und keine Lust auf Bewegung hat, sollten Halter*innen aufmerksam werden, meint Tierpsychologin Sarah Bullwinkel aus Düsseldorf, die sich auf Hunde und Katzen spezialisiert hat.

Diese Symptome legen nah, dass ein Haustier Depressionen hat

Auch Reizbarkeit, extreme Anhänglichkeit oder totale Ablehnung, Unsicherheit und gesteigertes Angstverhalten können auf psychische Probleme beim Haustier hindeuten.

„Dazu kommen ein leerer Blick, abgeschlagen wirkende Gestik und Mimik, Futterverweigerung oder übermäßiges Fressen, zwanghafte oder vernachlässigte Fellpflege, Unsauberkeit, Schlafstörungen oder Dauerdösen“, sagt die Tierpsychologin. „Beobachten Halter oder Halterinnen solche Symptome über einen längeren Zeitraum bei ihrem Tier, kann das ein Hinweis auf eine Depression sein“, sagt Sarah Bullwinkel.

Doch das hängt auch immer vom Einzelfall ab; eine Bulldogge ist vom Temperament her nun mal anders veranlagt als ein Jack-Russell-Terrier, ein jüngeres Tier agiler als ein älteres. „Bei der Einordnung sind die regulären Verhaltensweisen des jeweiligen Tieres, das Alter und charakterliche Eigenschaften miteinzubeziehen“, sagt Sarah Bullwinkel. „Hier ist eine aufmerksame Beobachtung des Tieres gefragt.“

Nur der*die Halter*in kann sagen, ob sich beim felligen Gefährten etwas merklich verändert hat und das möglicherweise auf eine Depression hindeuten könnte. Vorausgesetzt, es ist körperlich alles in Ordnung mit Mucki und Fluffi. Und das muss der*die Tierärzt*in abklären.

Was steckt bei Tieren dahinter?

Ein Grund dafür, dass Haustiere bei körperlicher Gesundheit die oben genannten Symptome zeigen, ist zum Beispiel – wie bei Menschen – Trauer und Verlust. „Aus einem niedergeschlagenen oder trauernden Zustand kann auch beim Tier eine Depression werden“, erklärt Sarah Bullwinkel. Das ist beispielsweise dann der Fall, wenn ein weiteres im Haushalt lebendes Tier gestorben oder eine Bezugsperson nicht mehr da ist.

Es gibt noch weitere mögliche Auslöser für depressionsähnliche Symptome bei Haustieren. „Zu wenig Beschäftigung, Aufmerksamkeit und Zuwendung, zu langes Alleinsein, Langeweile und Unterforderung – aber auch Stress und Überforderung“, sagt Sarah Bullwinkel. Zum Beispiel durch Lärm und Unruhe. Oder wenn sich im Umfeld und in den Lebensumständen oder Tagesabläufen etwas gravierend verändert und Bedürfnisse einschränkt, wie es unter anderem durch einen Umzug oder die Umstellung von Freigang auf Wohnungshaltung der Fall ist.

Auch Konflikte unter mehreren im Haushalt lebenden Tieren oder mit Neuzugängen können psychische Probleme bei Haustieren verursachen.

Ähnlich wie bei Menschen können Tiere außerdem Traumata erleben und dadurch Symptome einer Depression entwicklen. Dazu zählen Misshandlungen, Unfälle und Krankheiten, Tierheimaufenthalte und nicht artgerechte Haltung, wie beispielsweise im Zwinger oder in Animal-Hording-Zuständen.

„Oft entwickelt sich eine Depression aus einer Angststörung heraus, oder weil das Tier permanent in einer restriktiven, reizarmen Umgebung gehalten wird und sich an diese Lebensumstände nicht anpassen kann“, sagt die Tierpsychologin Beatrice Gröfke, die norddeutschlandweit Katzen und Pferde betreut.

Auch falscher Umgang und Fehlverhalten von Halter*innen können sich auf die Tierpsyche auswirken. „Häufige Strafen, ohne ein akzeptables Alternativverhalten erlernen zu dürfen, führen zur sogenannten erlernten Hilflosigkeit und die wiederum zur Depression“, erläutert Beatrice Gröfke. Das haben US-Psycholog*innen schon Anfang der 1970er-Jahre an Hunden untersucht und festgestellt.

Letztlich kann demnach aber auch eine Depression von Halter*innen das psychische Wohlbefinden eines Haustieres beeinträchtigen.

Inwieweit ist das vergleichbar?

Auch bei Menschen zeigen sich Depressionen zum Beispiel anhand von Antriebs-, Appetit-, Lust- und Schlaflosigkeit. „Viele der Symptome lassen sich vom Grundkonstrukt her auf den menschlichen Bereich übertragen und dort im Rahmen einer Depression feststellen“, sagt Tierpsychologin Sarah Bullwinkel.

Anders als Tiere können Menschen ihren Gefühlen jedoch verbal Ausdruck verleihen und damit ihr Innenleben anderen offenbaren. „Das Einzige, was beim Menschen als Diagnosekriterium gilt und uns ein Tier nicht mitteilen kann, sind die subjektiven Gefühle von Leere, Perspektivlosigkeit oder Schuld“, sagt Beatrice Gröfke. Das sei zwar ein wichtiger Unterschied – aber nur, weil Tiere nicht mit uns sprechen können, heißt das nicht, dass sie keine Gefühle haben und dass sie nicht leiden: „Der Verlust der Lebensfreude zeichnet sich auch beim Tier sichtbar ab.“

Das liege laut Gröfke an der vergleichbaren biologischen Bauweise bei Säugetieren: „Uns muss bewusst sein, dass unsere Gehirne prinzipiell sehr ähnlich funktionieren. Da ist es nur naheliegend, dass Tiere mit entsprechenden Symptomen auch den gleichen Leidensdruck verspüren.“

So sieht es auch Sarah Bullwinkel und erklärt: „Wenn das Tier permanent einer traurigen, stressigen, beängstigenden oder bedrohlichen Situation ausgesetzt ist, kann im limbischen System – dem für Gefühle zuständigen Areal im Gehirn – eine Störung im Austausch von Botenstoffen entstehen. Und damit eine Depression.“

Doch auch, wenn sich die Symptome von Mensch und Tier ähneln: Inwieweit die Ursache dafür tatsächlich das ist, was wir bei Menschen Depression nennen, darüber herrscht keine hundertprozentige Einigkeit. Die Organisation Ärzte gegen Tierversuche argumentiert beispielsweise vor dem Hintergrund von Tierversuchen für Psychopharmaka, dass menschliche und tierische Gehirne sich im Detail zu sehr unterscheiden, um wirklich auf belastbare Weise vergleichbar zu sein.

Ungeachtet dessen existieren Symptome wie Antriebs- und Appetitlosigkeit aber nun mal eindeutig auch bei Haustieren und deuten damit auf Probleme hin.

Was tun, wenn dein Haustier Symptome zeigt?

Der erste Schritt ist in so einem Fall immer und unbedingt: Ab zum*r Tierärzt*in. „Eine depressive Symptomatik kann nämlich auch die Begleiterscheidung einer organischen Erkrankung sein“, warnt Beatrice Gröfke. „Das sollte als erstes abgeklärt werden.“

Erst, wenn der*die Veterinär*in kein Krankheit feststellen kann, beginnt die psychische Ursachenforschung. „Hier ist es ratsam, eine*n Tierpsycholog*in hinzuzuziehen, der oder die sich das Lebensumfeld des Haustieres anschaut und mit dem Halter oder der Halterin ein ausführliches Gespräch führt“, rät Sarah Bullwinkel.

Denn nur durch ein umfassendes Bild der üblichen Verhaltensweisen, des Charakters, der Vorgeschichte, der Haltungsbedingungen und der Beziehung zwischen Tier und Halter*in können die auslösenden Umstände festgestellt werden. Und anschließend entsprechende Gegenmaßnahmen ergriffen werden.

Nicht alles lässt sich jedoch ändern – wie der Verlust eines mit im Haushalt lebenden Tieres – dann helfen Tierpsycholog*innen bei der Anpassung, unterstützen beim Vertrauens- und Beziehungsaufbau zwischen Haustier und Halter*in und verhelfen so dem betroffenen Tier wieder zu mehr Wohlbefinden und Lebensfreude.

Ein Tier, das leidet, braucht Hilfe

Depressiv wirkenden Haustieren einfach ein schickes neues Spielzeug vor die Nase zu halten, das ist ungefähr so ähnlich, wie zu einem an einer Depression erkrankten Menschen „Du musst mehr schöne Dinge unternehmen“ oder „Mach doch mehr Sport“ zu sagen. „Auslösende Faktoren müssen bearbeitet oder verändert werden“, meint auch Beatrice Gröfke.

Denn selbst, wenn nicht eindeutig geklärt ist, inwieweit sich eine Depression bei Mensch und Tieren tatsächlich vergleichen lässt, ob ein Haustier Depressionen exakt nach unserer menschlichen Definition haben kann oder nicht: Wenn ein Tier die Lebensfreude verliert und sichtbar leidet, dann braucht es Hilfe. Da sind Mensch und Tier dann doch gar nicht so unterschiedlich.

Außerdem auf ze.tt: Verbringst du viel Zeit mit deinem Hund, siehst du bald so aus wie er

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