Kann man von Dreck im Büro krank werden?

Manche Leute benehmen sich auf der Arbeit wie die Ferkel. Doch der Dreck ist nicht nur lästig, sondern kann auch gesundheitsschädlich sein.

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Ganz schön viele Keimquellen. Foto: Robert Bye / Unsplash | CC0

Am schlimmsten war es in meinem bisherigen Berufsleben immer in Büros ohne feste Arbeitsplätze: Wer Pech hatte, endete auf dem Platz, der zuletzt von Kolleg*in Dreckspatz benutzt wurde. Nicht nur blieben halb ausgetrunkene Kaffeebecher stehen, beim Umdrehen der Tastatur kullerten auch stets ausreichend Krümel für ein neues Brötchen auf den Schreibtisch.

Und dann die Kühlschränke! Vergessene Wurstscheiben, die ihre trockenen Ränder nach oben rollen; vernachlässigter Käse mit Pelz, kurz davor, selbstständig von Innen die Tür zu öffnen. Vom Büroklo gar nicht erst zu reden – jede*r dürfte mit Variationen von „Ich bin eine Klobürste, du darfst mich benutzen“ vertraut sein.

Kurz gesagt: In nahezu jedem Job gibt es Menschen, die richtig Dreck im Büro verursachen und sich einen Scheiß darum kümmern. Aber woran liegt das eigentlich und vor allem: Was macht das mit uns?

Keime, Keime, Keime überall!

Eine aktuelle Umfrage aus Großbritannien hat unlängst gezeigt, dass Dreck im Büro nicht nur zu erbittertem Streit führen, sondern offenbar auch Krankheiten verursachen kann. Eine Haushaltsgerätefirma hat über 1.000 Angestellte zu Dreck im Büro und damit einhergehenden Problemen befragt. Und fast die Hälfte der Befragten hat den Verdacht geäußert, schon mal wegen mangelnder Hygiene am Arbeitsplatz krank geworden zu sein.

Bestimme Orte stehen demnach besonders unter Verdacht. Ganz vorne dabei: die Büroküche mit nicht richtig gewaschenem Besteck sowie Bechern und Teller voller Schmutz und Schmodder. Dr. Charles Gerba von der University of Arizona hat schon vor Jahren nachgewiesen, dass 90 Prozent der Kaffeebecher in Büroküchen von Keimen besiedelt sind, ein Teil davon Fäkalbakterien.

Die beliebten und für den Bürofrieden oft überlebensnotwendigen Kaffeemaschinen sind ebenfalls regelrechte Petrischalen – und zwar für Abflussbakterien. „Im Büro lauern die Keime fast an jeder Ecke, seien es Türklinken, die jeder Kollege benutzt, das Gemeinschaftsbad oder die Tastatur, die sicher viel zu selten gereinigt wird“, sagt Roxanna Pelka, ausgebildete hauswirtschaftliche Betriebsleiterin und Reinigungsexpertin beim Putzportal Helpling. „Auch der eigene Schreibtisch strotzt vor Keimen.“ Mit über zehn Millionen Bakterien beherberge er 400-mal mehr Keime als die Toilettenbrille. „Mindestens einmal die Woche alles mit Essigreiniger abwischen“, rät die Expertin deshalb.

Zu den schmutzigsten Orten im Büro gehört laut Roxanna Pelka übrigens nicht die Toilette selbst, sondern der Wasserhahn: „Das liegt vor allem daran, dass wir ihn unmittelbar nach dem Toilettengang anfassen.“ Sie rät, ihn mit einem Papiertuch zu benutzen: „Sonst war das lange Händewaschen für die Katz‘.“

Drucker und Kopierer sind ebenfalls ordentlich besiedelt. „Die Geräte sind durch den ständigen Betrieb warm – perfekt für die Vermehrung von Bakterien“, sagt Pelka. Überraschenderweise sind Kopfhörer eine kleine Bazillen-Brutstätte: „Bereits nach nur einer Stunde tragen kann die Anzahl der Bakterien im Ohr um das siebenhundertfache ansteigen.“ Also lieber nicht mit Kolleg*innen teilen und die Hörer einmal pro Woche mit einem in Alkohol getränkten Wattestäbchen reinigen.

Macht Dreck im Büro wirklich krank?

Es wimmelt also nur so vor Bakterien und Dreck im Büro – so weit, so schlecht. Aber können wir davon wirklich ernsthaft krank werden, wie die befragten Brit*innen vermuten?

„Grundsätzlich ist es zwar möglich, sich im Büro zu infizieren, jedoch ist das Risiko bei einer infektionsfreien Belegschaft sehr, sehr gering, denn Büros werden regelmäßig gereinigt“, erklärt Jörg Feldmann von der Bundesanstalt für Arbeitsschutz. „Die Keime, die sich im Dreck auf Tastaturen oder Telefonen finden, besiedeln auch die menschliche Haut oder den Darm.“ Das mag zwar eklig sein, ist aber im Allgemeinen nicht gefährlich; sie gehören nämlich zu unserem mikrobiellen Inventar.

Ganz anders sieht es allerdings aus, wenn sich kranke Angestellte zur Arbeit schleppen, dort fröhlich ihre Keime verteilen und dann die Kaffeebecher nicht richtig abwaschen. „Gefährlich kann es werden, wenn jemand unter einer Infektion des Magen-Darm-Traktes oder der Atemwege leidet“, sagt Jörg Feldmann. „Diese Erkrankungen werden überwiegend durch Viren verursacht, die ich mir über Türklinken oder andere gemeinsam genutzte Geräte hole.“

Es kommt also zusammengefasst nicht auf die Menge der Bazillen an, sondern auf die Art.

Das sieht auch Reinigungsexpertin Roxanna Pelka so: „Am schnellsten verbreiten sich Erkältungsviren und Darmbakterien wie E.Coli. Das bedeutet nicht, dass wir zwangsweise häufiger krank werden, wenn wir im Büro arbeiten, aber die Ansteckungsgefahr ist höher.“

Warum sind Menschen im Büro so schlampig?

Auch, wenn wir uns nicht zwangsläufig durch Dreck im Büro die Beulenpest einfangen – ärgerlich sind Unordnung und Nachlässigkeit trotzdem. Verschmutzte Toilette, verdorbenes Essen im Kühlschrank und eine verdreckte Küche stehen ganz oben auf die Liste der Dinge, die die Deutschen im Arbeitsumfeld nerven.

Wenn also die große Mehrheit eindeutig von Dreck im Büro genervt ist – warum zum Teufel sieht es denn dann überhaupt aus wie Sau?

Der Arbeitspsychologe Professor Tim Hagemann von der Fachhochschule Diakonie erklärt: „Ein Problem ist, dass oft die Verantwortung nicht klar ist. Zu Hause ist das natürlich anders. Da weiß man in der Regel, wer’s war – und derjenige muss es dann sauber machen.“

Logisch, wenn schon zwei halbleere Becher in der Küche stehen, ist es leicht, den eigenen einfach noch dazuzustellen und dann zu vergessen. Das sagt auch Professor Hagemann: „Unordnung steckt an, das ist umfangreich untersucht worden. Wenn jemand etwas liegen lässt, dann ist die Wahrscheinlichkeit hoch, dass der nächste auch etwas liegen lässt.“

Dahinter steckt offenbar ein psychologischer Mechanismus. „Wir sind soziale Wesen und versuchen, unsere Verhaltensweisen dem Umfeld anzupassen. Und dann kommt noch Bequemlichkeit dazu. So schaukelt sich das mit dem Dreck hoch“, sagt Arbeitspsychologe Hagemann. „Wenn eine gewisse Schwelle überschritten ist, denken viele: ‚Meins macht den Kohl jetzt auch nicht mehr fett‘.“ Und ZACK – sieht die Küche aus wie Sau.

Hände waschen nicht vergessen

Wer es im Job mit Kolleg*innen zu tun hat, die öfter Dreck im Büro verursachen, kann tatsächlich ein paar Dinge tun, um nicht krank zu werden. Dazu gehört in erster Linie selber sauber sein und bleiben. Das heißt: wöchentlich Computer, Tastatur, Telefon und Kopfhörer reinigen, den Kaffeebecher immer in den Geschirrspüler stellen und heiß ausspülen, Hände waschen und alles wegräumen und möglichst nicht mit den Händen in Gesicht und Mund rumfummeln.

„Werden die Grundregeln der Hygiene eingehalten – also Händewaschen vor dem Essen, nach dem Toilettengang oder auch wenn ich fremde Telefone oder Tastaturen benutzt habe – senke ich das Infektionsrisiko massiv“, sagt auch Jörg Feldmann von der Bundesanstalt für Arbeitsschutz. Wichtig sei zudem, dass kranke Kolleg*innen zu Hause bleiben, allein schon aus Rücksicht auf den Rest des Teams. Doch auch Führungskräfte können und sollten sich laut Feldmann in regelmäßigen Abständen für das Thema Sauberkeit und Hygiene einsetzen.

Und was ist mit Kolleg*in Dreckspatz und den widerlichen Krümeln aus den Tiefen der Tastatur? Da nützt laut Jörg Feldmann nur die klare Ansage: „Teilt man sich einen Arbeitsplatz, darf man ruhig und bestimmt einfordern, dass man ihn gern so zurück hätte, wie man ihn hinterlassen hat.“