Karriere: Lass das Schuften, es bringt dich nicht weiter

Wer auf der Karriereleiter nach oben will, muss richtig ranklotzen? Nicht wirklich.

Für die Karriere lange zu schuften, lohnt sich häufig nicht.

Für die Karriere lange zu schuften, lohnt sich häufig nicht. Foto: Kat Jayne / Pexels | CC0

Durchgearbeitete Nächte, kein Wochenende, immer auf Abruf und allzeit bereit mit vollem Einsatz – das ist der Arbeitsethos, der uns eingehämmert wurde. So geht Karriere und nicht anders!

Forscher*innen der City University London haben für eine Untersuchung Daten von 51.895 Angestellten in 36 europäischen Ländern ausgewertet. Ergebnis: Diejenigen, die besonders lange, hart und schnell arbeiten, haben mitnichten die steilere Karriere.

Die Wissenschaftler*innen haben die Auswirkungen der Arbeitsanstrengungen auf das Wohlbefinden einerseits und auch auf die Karrierechancen der Angestellten andererseits unter die Lupe genommen. „Wir waren irgendwie überrascht herauszufinden, dass Arbeitseifer, egal ob Überstunden oder Intensität, so gar keine positive Auswirkungen für die Angestellten hatte“, sagt Dr. Argyro Avgoustaki, eine beteiligte Forscherin.

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Der Arbeitswahn hatte ihrer Untersuchung zufolge durch die Bank weg sogar negative Folgen. Und zwar unabhängig von Alter, Geschlecht, Bildung, Branche und Position. Die Angestellten, die sich extrem auspowerten, bekamen allesamt weniger Anerkennung und hatten geringere Aufstiegsmöglichkeiten. Wie kann das sein?

Dafür gibt es gute Gründe

Viele Überstunden verringern die Erholungszeit zwischen den einzelnen Arbeitstagen; hohe Arbeitsintensität reduziert die Möglichkeit, im Laufe des Tages kurz zu verschnaufen. Beides drückt die Performance. Die Angestellten sind gestresst und erschöpft, dadurch unkonzentriert und in der Folge passieren öfter Fehler. Die falsche Rechtschreibung in der nach 22 Uhr arbeitswütig zusammengekloppten Präsentation sieht kein*e Vorgesetzte*r gern.

Dabei ist dauerhaft hohe Arbeitsintensität sogar noch gravierender als lange Überstunden – und das hat die Forscher*innen ziemlich erstaunt. Über weniger Überstunden und Teilzeit würde viel diskutiert, aber über Bedenken wegen hoher Arbeitsintensität werde selten berichtet, schreibt Dr. Argyro Avgoustaki. „Wir finden, dass das anders sein sollte.“

Pausen steigern die Produktivität

Überarbeitete sind außerdem deutlich weniger zufrieden mit ihrem Job und dadurch auch weniger engagiert. Folglich sinkt die Qualität ihrer Arbeit weiter. Auch die Kreativität leidet, überarbeitete Angestellte überzeugen Vorgesetzte nicht mehr mit flotten, frischen Ideen. Wie denn auch mit Augenringen bis zu den Kniekehlen?

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Kreativität gedeiht in Denkpausen. Das ist der Grund, warum wir beim Zähneputzen die besten Einfälle haben – weil das Gehirn dann auf Autopilot läuft und endlich mal Zeit hat, Eindrücke zu verarbeiten, Dinge miteinander zu verknüpfen und neue Gedanken zu entwickeln. Das funktioniert nicht, wenn permanent Impulse von außen unsere Synapsen strapazieren.

Dass Pausen bei der Arbeit wichtig sind, sagen auch Chronobiolog*innen. Jahrtausendelang richteten Menschen ihren Tagesablauf nach der Natur; erst seit der Industrialisierung im 19. Jahrhundert ist das anders. Mensch und Maschine sollen seither möglichst dauernd laufen und viel produzieren. Doch das beißt sich nun mal mit unserem Biorhythmus.

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„Sogar in Branchen, in denen harte Arbeit zum Standard gehört und Leute dauernd damit prahlen, zeigt unsere Forschung: Es ist nicht schlau, sich selbst zu noch härterer Arbeit zu pushen“, sagt Dr. Avgoustaki zum Thema Karriere.

Anders ausgedrückt: In der Ruhe liegt die Kraft. Und es ist ja auch einleuchtend. Wir sind schließlich Menschen, keine Maschinen.