Katha mischt die deutsche Bundesliga im Blindenfußball auf

In der Blindenfußball-Bundesliga wird nach Gehör gespielt – und in gemischten Teams. Katha ist Profi. Sie wünscht sich mehr Verständnis – und mehr Frauen auf dem Platz.

Blindenfußball: Katha mischt die deutsche Bundesliga auf

Katha auf dem etwa 20 mal 40 Meter großen Spielfeld Foto: © Ricarda Häusler

Ein Mann im dunkelblauen Trikot dribbelt den Fußball übers Feld. Seine Gegenspieler rufen „Voy“. Ein Menschenpulk bildet sich um ihn. Knapp hinter der Mittellinie gelingt es einer jungen Frau, ihm den Ball abzuluchsen. Unter ihrem Kopfschutz schauen zwei blonde, geflochtene Zöpfe hervor. Sie wechselt mit dem Ball die Richtung und gewinnt an Tempo. Sie ist auf dem Weg zum Tor. Im Slalom weicht sie zwei Spielern in dunkelblau aus. Doch diesmal lassen ihre Gegner sie nicht zum Schuss kommen.

Katharina Kühnlein spielt in diesem Jahr ihre zweite Saison in der Bundesliga des Blindenfußballs. Sie kickt für die Sportfreunde Blau-Gelb Marburg. Mit drei Jahren stand sie zum ersten Mal auf einem Spielfeld.

Als sie in ihrer Schulzeit im Sportverein spielte, hatte sie 25 Prozent Sehrest auf beiden Augen. Gemerkt haben ihre Gegner*innen auf dem Spielfeld das nicht. Mit 18 sieht sie an einem Morgen nach dem Aufwachen nur verschwommen. Zuerst schiebt sie es auf ihre Kontaktlinsen. Nachdem ihr Sehvermögen sich schlagartig verschlechtert, überredet ihr Religionslehrer sie, mit zum Blindenfußball zu kommen.

Wo es rasselt, ist der Ball

Im Blindenfußball wird nach Gehör gespielt. Im Ball sind Rasseln eingesetzt, sodass die Spieler*innen immer hören, wo er sich gerade befindet. Wer sich den Spieler*innen mit dem Ball nähert, ruft laut Voy, Spanisch für „ich komme“. Wer das Voy vergisst, begeht ein Foul. Anweisungen bekommen die Spieler*innen von einem sogenannten Guide, ihren Trainer*innen und den sehenden Torhüter*innen zugerufen. Das Kommando „Acht-Zwei“ bedeutet zum Beispiel, dass es noch acht Meter bis zum Tor sind und sich zwei Gegenspieler*innen auf dem Weg dorthin befinden.

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Als blind gilt nach deutschem Gesetz eine Person mit weniger als zwei Prozent Sehvermögen, als sehbehindert eine mit weniger als 30 Prozent. International dürfen im Blindenfußball nur erstere antreten. Um Unterschiede im Sehvermögen auszugleichen, tragen außerdem alle Spieler*innen abgedunkelte Masken über den Augen. Damit Auswechselspieler*innen und Zuschauende mitbekommen, was auf dem Platz passiert, wird jedes Spiel von zwei Reporter*innen kommentiert.

Das Tor ist so groß wie ein Hockeytor, das Spielfeld mit 20 mal 40 Metern vergleichsweise klein und von einer Bande umgeben. Ein Seitenaus gibt es nicht.

Katha ist sportlich erfolgreich, aber das ist nicht, was zählt

Blindenfußball: Katha mischt die deutsche Bundesliga auf
@ Ricarda Häusler

Was es im Blindenfußball auch nicht oder sehr selten gibt: Frauen. „Viele Teams sehen einfach noch nicht, dass sie Frauen auf dem Platz brauchen. Letztes Jahr war ich als einzige Deutsche bei einem Trainingslager und Turnier nur für Frauen in Wien, aber in der Bundesliga stand ich noch nie gegen eine andere Frau auf dem Feld“, sagt Katha.

Fällt es ihr schwer, mit den Männern mitzuhalten? Klar, es gäbe Spieler, deren Schultern so breit seien, dass sie die Sportlerin locker umrennen könnten. „Wenn wir gegen eine Mannschaft spielen, deren Männer alle einen Kopf kleiner sind als ich, fragt die aber auch niemand, ob sie sich mir gegenüber benachteiligt fühlen“, sagt Katha. In der Bundesliga ist sie froh über die gemischten Teams, damit ihre Gegner*innen eine Herausforderung für sie bleiben. Eine Chance, es in die Nationalmannschaft zu schaffen, sieht sie für deutsche Spielerinnen aber nicht – solange es keine Frauennationalmannschaft gibt.

Ihren größten sportlichen Erfolg erreichte sie auf dem Bukovice Blind Football Cup 2017 in Tschechien – bei dem sie mit angebrochener Rippe antrat. „Mit Ach und Krach haben wir es geschafft, Dritte zu werden“, sagt sie. „Unser Kapitän hat den Pokal bekommen und gesagt ,Der ist für Katha, weil die sich heute aufgeopfert hat‘. Das war für mich das Schönste, da wusste ich, dass ich in dem Team voll angekommen bin.“ Im selben Jahr wird ihre Mannschaft deutscher Vizemeister.

Wenn Katha davon erzählt, klingt es nicht, als wäre der Pokal ihr sehr wichtig. „Klar gewinne ich gerne, aber wichtiger als Leistung ist, dass ich etwas habe, wo ich jede Woche hingehe und Spaß habe“, sagt sie. „Wenn ich mit Freunden feiern gehe und am nächsten Tag beim Training nicht alles geben kann, will ich mir aber auch keine Sorgen machen müssen.“

Verständnis und Gleichberechtigung

Von Chemnitz bis Stuttgart sind sieben Teams in der Bundesliga dabei. Es ist die einzige deutsche Blindenfußballliga. In Deutschland etabliert sich der Sport gerade, international sieht das schon anders aus: In Brasilien wird die Nationalmannschaft beispielsweise für den Sport bezahlt.

„Damit er sich hier professionalisiert, müssten mehr Menschen davon mitbekommen und offener dafür werden“, sagt Katha. Vor der Fußball-WM trafen sich Thomas Müller und Matthias Ginter mit der Blindenfußball-Nationalmannschaft. Katha verfolgte die Pressekonferenz per Livestream. „Ich fand die Kommentare darunter richtig schrecklich – einige schrieben, warum die Spieler denn so komisch gucken oder wie Blinde sich überhaupt bewegen können“, sagt sie.

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„Da dachte ich mir, nur weil jemand eine Behinderung hat, ist er doch nicht wertlos. Da fehlt viel Verständnis und Gleichberechtigung.“ Aus ihrem Freundeskreis kennt sie das nicht. „Die Leute, mit denen ich am liebsten abhänge, sind die, die ständig vergessen, dass ich blind bin. Das ist ein Teil von mir, aber so wichtig ist der auch wieder nicht.“

Freitagabends spielt sie immer auf einem Platz der Kölner Sporthochschule. Sie ist nicht die einzige aus dem Marburger Team, die inzwischen in die Domstadt gezogen ist – in ihrem Fall für die Uni. Damit sie nicht mehrmals wöchentlich nach Marburg fahren müssen, trainieren sie hier. Wie heute Abend: Katha zupft ihre schwarzen Stutzen zurecht, streift sich Kopfschutz und Augenmaske über ihre Zöpfe und lässt den Fußball mit einem Rasseln vor sich auf den Boden fallen. Und dann heißt wieder: passen, dribbeln und schießen.