Kein Widerspruch: Diese Frau ist Kapitänin auf Kreuzfahrtschiffen und bei der Seenotrettung

Bärbel Beuse wollte schon als kleines Mädchen zur See fahren. Heute ist sie Kapitänin – auf Kreuzfahrten und bei Seenotrettungsmissionen.

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Bärbel Beuse engagiert sich ehrenamtlich bei der Seenotrettungsorganisation Sea-Eye. © Cédric Fettouche


Bärbel Beuse hat einen eigenen Fanklub. Vielleicht nicht offiziell, doch es gibt einige Menschen, die gerne Mitglied einer Vereinigung wären, die ihren Namen trägt. Gorden Isler zum Beispiel, Vereinsvorsitzender von Sea-Eye. Dass er ein „Fan“ der Mittfünfzigerin ist, ist das Erste, was er über sie zu sagen hat. Die Seenotrettungsorganisation mit Sitz im bayerischen Regensburg wurde 2015 gegründet. Bei den Missionen auf dem Mittelmeer sind Isler und Sea-Eye auf Ehrenamtliche angewiesen, um Menschen in Not zu helfen.

Ich wollte schon als kleines Mädchen zur See fahren. Schiffe fand ich immer toll.

„Ich wollte schon als kleines Mädchen zur See fahren. Schiffe fand ich immer toll“, sagt Bärbel Beuse am Telefon. Es ist Anfang Mai und sie an Bord der Alan Kurdi, die zu dem Zeitpunkt im Hafen von Palermo liegt. Über Monate halten die italienischen Behörden das Rettungsschiff im Hafen fest. Die Begründung: gravierende Sicherheitsmängel. Nach zähen Verhandlungen wird das Schiff Ende Juni freigelassen. Beuse ist da schon längst wieder zu Hause und bald wieder als Kapitänin auf einem anderen Schiff unterwegs. Sie hat die vielleicht komplizierteste Sea-Eye-Mission aller Zeiten hinter sich.

Viele Probleme, große Verantwortung

Die Probleme fingen an, bevor es überhaupt losgehen konnte, erzählt sie. Ein Ersatzteil für das Schiff konnte wegen der Corona-Pandemie nur mit großer Verspätung geliefert werden: „Alleine das hat unseren Start um zehn Tage verschoben.“ Zwei Wochen später als geplant verließ die Alan Kurdi schließlich den italienischen Hafen. So konnte die Crew immerhin sichergehen, dass sich niemand bei der Anreise mit dem Virus infiziert hatte.

Doch auch eine der beiden Rettungen im Mittelmeer lief besonders dramatisch ab. Ein libysches Schiff habe sich einem Holzboot, voll besetzt mit Geflüchteten, genähert und Schüsse in die Luft gefeuert. Panik sei ausgebrochen und viele der 68 Personen seien ins Wasser gesprungen, erzählt Bärbel Beuse. Diese Art des Einschüchterns kennt sie schon von ihrem ersten Einsatz für die Organisation Sea-Eye im Herbst 2019. Dass die Kapitänin danach überhaupt nochmal auf Mission ging, war nicht selbstverständlich.

„Als ich die Schüsse hörte, war das wie ein Déjà-vu“, erzählt Beuse, „da wurde mir schon erstmal anders.“ In solchen Situationen würden ihr jedoch nicht nur die Bewaffneten Sorge bereiten, sondern auch der Fakt, dass die Flüchtenden meist kopflos vor Angst ins Wasser springen würden. „Du stehst dann da und denkst: ‚Bitte nicht springen!‘ Aber die sind in der Situation natürlich panisch und denken, sie könnten bis zu uns schwimmen.“ Zum Glück sei diesmal nur ein Boot der libyschen Küstenwache aufgetaucht.

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© Cédric Fettouche
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© Cédric Fettouche

Nach der Rettung gingen die Probleme an Bord weiter. Auf dem 40 Meter langen Schiff mussten 150 Menschen auf einmal Platz finden – mehr als jemals zuvor. Die Alan Kurdi stieß an Grenzen. „Es war sehr, sehr, sehr eng an Bord“, betont Beuse. Die Geretteten mussten draußen auf den Decks schlafen. Aber selbst dort war so wenig Platz, dass sich nicht mal alle gleichzeitig hinlegen konnten. Die Menschen mit gleich drei Mahlzeiten zu versorgen, das habe auch die Crew irgendwann überfordert. Schlaf fanden die Freiwilligen kaum noch. „Wir saßen zwölf Tage lang in dieser Situation fest“, sagt Beuse.

In dieser herausfordernden Zeit versuchte einer der Flüchtenden, sich umzubringen. Ein anderer begann, sich selbst zu verletzen. Viele hatten offenbar Traumatisches erlebt – und Folterspuren an den Händen und im Gesicht. Beuse erinnert sich daran, dass das lange Warten und die quälende Unsicherheit, wie es für sie weitergehen würde, nur schwer auszuhalten gewesen sei. Die Beengtheit und die fehlende Privatsphäre an Bord hätten ihr übriges getan. „Das war eine heikle Situation für alle.“

Bärbel Beuse war diejenige, die die Verantwortung für alles trug, was an Bord geschah. „Als zwei Männer von Bord sprangen, habe ich über Funk die Seenotrettungsstelle in Palermo kontaktiert und denen gesagt, dass wir Probleme an Bord haben. Aus Rom wurde uns schließlich mitgeteilt, dass wir in internationalen Gewässern sind und das unser Problem sei.“ Die Verantwortung für alle Menschen an Bord zu tragen, das sei keine leichte Aufgabe, meint sie, sondern etwas, das sie habe lernen müssen. „Es gehört eben zum Job als Kapitänin, dass ich die Verantwortung an niemanden abgeben kann.“

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© Cédric Fettouche

Trotz all der Sorgen habe es an Bord aber auch schöne Momente gegeben, erzählt Beuse. „Es haben ja alle so ihren Spleen. Meiner ist der Nagellack. Ich habe immer welchen dabei.“ Einmal sei eine der beiden geretteten Frauen zu ihr auf die Brücke gekommen. „Wir haben uns dann zusammen die Nägel lackiert“, sagt sie lachend. Dass die Frauen sich nur mit Händen und Füßen haben verständigen können, sei kein Problem gewesen. Ein kleines Fläschchen Farbe sei so zu einer willkommenen Abwechslung inmitten der alltäglichen Schwierigkeiten geworden.

Erst nach zwölf Tagen, am 17. April 2020, erklärten die italienischen Behörden, wie es mit den Geretteten weitergehen sollte. Wegen der Gefahren des Coronavirus sollte die Crew die geflüchteten Menschen nicht ans Festland transportieren, sondern an eine Fähre übergeben. Auf der verbrachten sie zwei Wochen Quarantäne, während die Crew an Bord der Alan Kurdi in Isolation blieb. Mittlerweile ist das über zwei Monate her. Was mit den Geretteten geschehen soll, haben die europäischen Regierenden noch immer nicht entschieden. Stattdessen schlossen Italien und Malta ihre Häfen zum Mittelmeer.

Corona-Pandemie trifft Flüchtende besonders hart

In der Zeit des strikten Lockdowns war die Alan Kurdi das einzige Seenotrettungsschiff auf hoher See – und das in einer Zeit, in der noch genauso viele Menschen flüchten wie zuvor. Vier Holzboote sollen von der libyschen Küste in Richtung Europa gestartet sein, als Sea-Eye im Hafen festgehalten wurde. Mindestens zwölf Menschen starben.

Zuletzt wurden viele Geflüchtete von den libyschen Booten abgefangen. Deren Besatzung zwingt Menschen dazu, wieder umzukehren. Von Küstenwache ist in dem Zusammenhang immer wieder die Rede, dabei sind es vor allem Angehörige verschiedener Milizen, denen auch Menschenschmuggel vorgeworfen wird. Denn Libyen steckt mitten im Krieg. Eine einheitliche Regierung gibt es nicht. Und trotzdem rüstet die EU diese Milizen aus, um zu verhindern, dass Flüchtende nach Europa gelangen. Viele werden in Lager gebracht, die von gewaltsamen Gruppen kontrolliert werden. Vergewaltigung, Kidnapping, Erpressung und oder Zwangsarbeit sind keine Seltenheit.

Laut Angaben der Flüchtlingshilfsorganisation der Vereinten Nationen UNHCR haben die libyschen Boote allein Ende Mai 315 Menschen zurückgebracht. Zwei Personen kamen dabei ums Leben. Dabei trifft die Corona-Pandemie Flüchtende besonders hart. Auch die, die es nach Europa schaffen. Die Organisation SOS Mediterranée hatte Anfang Juni berichtet, dass allein 400 Menschen auf Kreuzfahrtschiffen vor Malta festsaßen – einige von ihnen länger als einen Monat.

Wir ziehen die Menschen aus dem Wasser, aber eigentlich ist das Problem viel größer.

„Wir ziehen die Menschen aus dem Wasser, aber eigentlich ist das Problem viel größer“, so Bärbel Beuse. Die Politik sieht sie in der Pflicht, Dinge zu ändern. Beuse ist Mitglied bei den Grünen, aber sie würde gerne mehr machen, erklärt sie. Ganz leicht aber ist das nicht – vor allem deshalb nicht, weil sie zuletzt oft als Kapitänin unterwegs war und an Bord von Schiffen geholfen hat. Dabei war sie anfangs gar nicht wirklich überzeugt. Sie habe sich an Bord ein eigenes Bild von der Seenotrettung machen wollen: „Ich hatte so viele Sachen gehört. Und gerade in den neuen Bundesländern sind die negativen Stimmen besonders laut.“

An Bord habe sie schnell festgestellt, wie wichtig der Einsatz auf dem Mittelmeer ist: „Als ich die Menschen kennengelernt und ihre Geschichten gehört habe, war mir sofort klar, dass wir denen helfen müssen.“ Verständnis für Kritik und Gejammer habe sie inzwischen wenig: „Wenn sich jemand beschwert, weil die Wohnung zu klein ist oder irgendein Essen nicht schmeckt, sage ich immer: ‚Beschwer dich nicht!‘ Uns geht es so gut hier.'“

Seenotrettung und Kreuzfahrten ist für Beuse kein Widerspruch

Dass nicht alle ihren Enthusiasmus für die Seenotrettung teilen, weiß Bärbel Beuse. Auch in ihrer Heimat Rostock gebe es eine starke rechte Szene, sagt sie. „Wer weiß denn, wer in der Nachbarschaft mit denen sympathisiert.“ Sie suche zwar nicht unbedingt das Gespräch, werde aber oft von anderen Menschen auf ihr Engagement angesprochen. „Die haben das in der Tagesschau gesehen und kommen dann natürlich zu mir. Und wenn ich erkläre, warum ich das gut finde, hören die meisten auch zu.“ Beuse begreife sich zwar selbst als politisch, aber nicht als Aktivistin.

Ich habe schon Millionäre übers Meer gefahren, Schulkinder auf einer Ferienreise und auch alle möglichen anderen Ladungen.

Kapitänin ist sie nicht nur bei Sea-Eye. „Ich habe schon Millionäre übers Meer gefahren, Schulkinder auf einer Ferienreise und auch alle möglichen anderen Ladungen“, erzählt sie. Seenotrettung und Kreuzfahrten, für Beuse ist das kein Widerspruch: „Wenn es auf einem Kreuzfahrtschiff meine Aufgabe ist, den Gästen Wünsche von den Augen abzulesen, dann mache ich das. Das heißt aber nicht, dass ich mit denen nicht auch über die Seenotrettung spreche.“ Beuse ist froh, auf der Alan Kurdi „etwas Sinnvolles“ tun zu können. Doch es sei die Abwechslung, die sie an ihrem Job besonders schätze. „Auf der Brücke gibt es mehr Technik als in einem Flugzeugcockpit. Außerdem arbeite ich eng mit der Crew zusammen. Das sind immer wieder neue Leute aus allen Ecken der Welt.“

Und sie sei fasziniert von der Natur: „Delfine, die ums Schiff springen, Sonnenuntergänge und im Winter das Eis“, zählt sie auf. „Bei gutem Wind auf einem großen Segelschiff mit einer netten Crew unterwegs zu sein, das ist das Schönste, was ich mir vorstellen kann.“

Seefahrt als großer Traum

Schon als kleines Mädchen machte Beuse mit ihrer Familie regelmäßig Urlaub am Meer. Ihre Liebe zu den großen Schiffen, die gab es damals schon. Macht das Zur-See-fahren sie so glücklich, wie sie sich das immer vorgestellt hat? Beuse muss kurz überlegen. „Nicht immer“, sagt sie, „aber oft.“

Als Bärbel Beuse in den Siebzigern noch eine junge Frau war, war eine Karriere in der Schifffahrt für Frauen keine Option. Sie heiratete früh und wurde Mutter. Als sie 34 Jahre alt war, erlitt der Bruder ihres Mannes einen Schlaganfall. Die Familie traf daraufhin eine Entscheidung: Jedes Familienmitglied sollte sich einen großen Traum erfüllen können. Ein paar Monate später fuhr Beuse als Auszubildende auf einem großen Segelschiff mit.

Seitdem war sie viel unterwegs auf hoher See. Und sie habe bald gewusst, dass sie genau das für immer machen wolle. Mit ihrem 40. Geburtstag sollte sich noch einmal alles ändern. Beuse verlor ihren Job und ihre Ehe zerbrach. Schließlich begann sie ein Nautik-Studium, um auf See die Chance auf bessere Jobs zu haben. Sie sei eine der ältesten Studierenden gewesen und habe sich „wie ein Dinosaurier gefühlt“. Das Studium hat sie durchgezogen – und das mit größerer Hingabe als die Jüngeren, erzählt sie. „Ich wollte das unbedingt.“

Bei der Seenotrettung war es ganz ähnlich. Die müsse unterstützt werden, fordert Beuse, nicht kriminalisiert. „Die Flüchtenden, das sind junge Leute, die bei uns lernen, arbeiten und ein bisschen Geld nach Hause schicken wollen“, sagt sie. „Aber wir brauchen sie ja genauso. Bei uns gibt es so viele offene Stellen.“ Es müssten Möglichkeiten geschaffen werden, dass die Menschen legal nach Europa kommen können, fordert Beuse. Sie sieht es als Pflicht der Politik, sich des Themas anzunehmen und sich zu kümmern.

„Die Alan Kurdi hat allein im letzten Jahr 500 Menschen gerettet“, sagt Beuse zum Ende. „Unter den aktuellen Bedingungen ist das aber nur ein Tropfen auf den heißen Stein.“


Dieser Text von Alisa Sonntag mit Fotos von Cédric Fettouche erschien zuerst in der gedruckten Ausgabe des Veto Magazins und online.

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