Keine Ahnung vom ESC? Zehn Sätze für alle, die bei Eurovision Song Contest 2018 mitreden wollen

Du hast dich bisher null über die Kandidat*innen informiert? Hier kommen zehn Infos und Sätze, mit denen du 2018 jede ESC-Party überstehst.

Ihr kennt das: Eure Freund*innen feiern eine stattliche ESC-Sause. Ihr habt es verpasst, euch etwas Besseres vorzunehmen und nun habt ihr großartige Aussichten darauf, schmale vier Stunden eures Samstagabends an ungarische Heavy-Metal-Schulbands und zypriotische Beyoncé Rip-offs zu verschenken. Gleichzeitig sind die Freund*innen ja irgendwie nett und die Art, wie sie diesen Käseigel hergerichtet haben, ist zumindest liebenswert. Jetzt braucht es einen Schnellwaschkurs, um bei der größten TV-Show der Welt mitreden zu können. Wir haben zehn Sätze, mit denen ihr den Samstagabend in diesem Jahr immer wieder bereichern könnt, die Startreihenfolge gibt es hier, alle Videos hier.

Zum Einstimmen gibt’s hier einen Schnelldurchlauf.

Spanien (Startnummer 2) – „Die sind viel zu brav, vor 60 Jahren hatten ESC-Pärchen noch Wums”

Ihr habt die ersten Getränke und den etwas umständlichen portugiesischen Show Opener hinter euch, und schlechte Sprüche zur Kontaktlinse des Ukrainers auf der 1 gab es auch genug. Song Nummer 2 bietet eine hervorragende Gelegenheit, eine erste Auskennerduftmarke zu setzen. Amaia und Alfred (#Almaia — it’s a thing!) turteln wie im schlimmsten Teeniefilm-Finale auf offener Bühne herum, ihre La Boum-Tanzschritte aus der Vorentscheidung haben sie aber inzwischen abgeschafft. Zuckersüß kommen die Beiden mit ihrem Tu Canción daher, aber sie sind längst nicht das erste Pärchen auf der ESC-Bühne: In den späten 1980ern hatte Skandinavien häufiger Ehepaare geschickt und schon beim zweiten ESC überhaupt im Jahr 1957 gab es sogar einen Pärchenskandal: Birthe Wilke und Gustav Winckler haben sich für Dänemark ordentlich fake-verliebt angeschmachtet und schließlich sogar zwölf Sekunden lang geküsst, beherzter Griff in den Nacken des/der Anderen inklusive, — vor 60 Jahren noch Grund zur Aufregung. Für die Spanier wird der Abend kaum so spannend, denn Chancen haben die Beiden keine und von Startnummer 2 aus hat sowieso noch nie ein Lied gewonnen.

Österreich (Startnummer 5) – „Das Lied war auch den Briten angeboten worden, die wollten es aber nicht”

César Sampson stand schon zwei Mal für Bulgarien im Hintergrund auf der ESC-Bühne, jetzt ist er als Leadsänger für sein Heimatland Österreich dran. Nobody But You heißt sein Song, der in der Demoversion auch den Briten angeboten wurde. Die steuern mit dem dünnen Mitklatschquatsch Storm (gleich auf Startnummer 9) zielstrebig auf den letzten Platz im Finale zu. Gut für Sampson also, denn in den bei esctracker.com zusammengetragenen iTunes-Charts ist sein Song seit Anfang der Woche einer der erfolgreichsten Teilnehmersongs des Jahres — Startnummer 5 ist für einen solchen Midtempo-Song aber zu früh, um tatsächlich mit um den Sieg singen zu können.

Deutschland (Startnummer 11) – „Er muss ja nur 17. werden”

Es hat zuletzt nicht gut ausgesehen für Deutschland beim Song Contest. Das liegt nicht unbedingt am angeblich schlechten Ansehen im Ausland, schließlich hat Lena auch im Jahr 2010 auf dem Höhepunkt der EU-Schuldenkrise gewinnen können. In den letzten Jahren zeigt die Formkurve schlicht wegen egaler Songs nach unten, die Ränge 21, 18, 26, 26 und 25 waren die Folge. Die Chancen, dass Michael Schulte mit You Let Me Walk Alone den Trend umkehrt, mindestens auf Rang 17 landet, und so die beste deutsche Platzierung seit fünf Jahren holt, stehen ziemlich gut: In Lissabon kam das Lied bei den Proben sehr gut an, in den Wettquoten haben inzwischen viele Tipper*innen ihre Einsätze auf ihn umgelenkt. Noch vor einem Monat lag Schulte unter allen 42 Teilnehmer*innen im tiefen Mittelfeld, inzwischen sind er und seine ruhige Vaterballade bei einigen Wettanbietern in die Top 5 gekrochen.

Albanien (Startnummer 12) – „Beim Halbfinale hat das chinesische Fernsehen ihn nicht gezeigt — Tattoos!”

In China überträgt der Sender Mango TV den ESC, er hat allerdings im ersten Halbfinale zwei Lieder ausgeblendet: Irland hatte ein tanzendes Männerpärchen, immer noch ein Problem in China. Und Eugent Bushpepa hat die Oberarme ausgiebig tätowiert — auch das reicht anscheinend, um in China nicht auf den Sender zu kommen. Die European Broadcasting Union (EBU) hat kurzen Prozess gemacht und China sofort die Ausstrahlungsrechte entzogen. Abgesehen davon liefert der Mann souverän und zuverlässig eine der stimmlich besten Leistungen des gesamten Contests.

Frankreich (Startnummer 13) – „ESC-Lieder dürfen eigentlich gar nicht politisch sein”

Die Hälfte ist geschafft — und nach dem, was jetzt kommt, wird es auch deutlich flotter. Der französische Song ist nicht nur grenzwertig, weil man sich für die letzte Minute komplett gegen sinnvollen Text entschieden hat, sondern auch, weil es um ein politisches Thema geht. Madame Monsieur besingen ein Baby namens Mercy, das auf der Flucht geboren wird. Normalerweise gibt es eine strenge Regel, die allzu politische Themen verbietet, beispielsweise lehnte 2009 die EBU den georgischen Song We Don’t Wanna Put In ab. Das französische Duo singt sein minimalistisches Mittelmeerdrama sehr viel zurückgenommener und gehört zu den Top-Favorit*innen, aber eine Inszenierungsidee wäre doch auch hübsch gewesen.

Australien (Startnummer 16) – „Versteht keiner, aber am Ende geht’s darum, dass irgendwann Worldvision kommt”

Seit 2015 nimmt Australien am ESC teil, was zum Teil an der Begeisterung des Landes für diesen Wettbewerb liegt, aber geografisch doch milde verwundert. Generell ist die Regel einfach: Am ESC darf teilnehmen, wer im Vorjahr die Show gezeigt hat und Mitglied in der European Broadcasting Union ist, dem Zusammenschluss der europäischen Sender. Damit war 1980 auch die Teilnahme Marokkos möglich. Schon häufiger hat der bei der EBU für den Contest Verantwortliche Jon Ola Sand angedeutet, dass er sich einen weltweiten Wettbewerb vorstellen könnte — was du vermutlich an dieser Stelle nach ordentlich Alkohol bereits für eine ähnlich großartige Idee hältst wie wir! Macaronesia, 12 points!

Schweden (Startnummer 20) – „Der ist ja der Cousin von dem Techno-Ingrosso”

Benjamin Ingrosso hat mit seiner Timberlake-B-Seite Dance You Off nicht nur die dollste Lichtshow des Jahres, sondern auch die besten Verbindungen in die Branche: Sein Cousin Sebastian ist bei der Swedish House Mafia und tingelt mit Großraumdisco-Techno (Axwell Ingrosso) durch die Welt, seine Tante Charlotte hat den Contest 1999 gewonnen und seine Mutter Pernilla mühte sich bereits mehrfach vergeblich an der schwedischen Vorentscheidung ab. Er ist mit solchen Verbindungen nicht allein: Der Ire, der gleich noch auf Nummer 24 kommt, ist der Neffe des irischen Teilnehmers 2001, Gary O’Shaughnessy, — aber das wusstest du sicher.

Israel (Startnummer 21) – „Beim ESC ist ja sowieso immer nur der Gesang live”

An dieser Stelle haben wir in der letzten Viertelstunde einiges hinter uns gebracht, inklusive der moldawischen Spiegelkabinettnummer und den ungarischen Metalbuben. Jetzt drehen wir die Daumenschrauben noch eins an, denn es ist an der Zeit für eine Top-Favoritin: Netta aus Israel sah mit ihrem #Metoo-Stampfer Toy im Vorfeld lange Zeit wie die sichere Siegerin aus, aber in den Probenwochen hat ihr nun die Zypriotin auf Nummer 25 die Rolle strittig gemacht. Netta hat aber sicher den aufregenderen Song, im Kimono bekleidet arbeitet sie mit Loopmaschinen und allerlei Bühnenprops, bis hin zu diesen chinesischen Winkekatzen, weil Israel und China und Japan … ach, wir wissen doch auch nicht. Fest steht aber der Fun Fact hier: Alles auf dem Soundboard ist genauso Effekthascherei wie es eben noch die Drums bei den Ungarn waren. Lediglich der Gesang muss live sein, der Rest kommt laut Regeln des ESC vom Band.

Zypern (Startnummer 25) – „Die kommt übrigens gar nicht aus Zypern”

„Ayé, ayé, ayé! FUEGO!”, könnte der sinnfreie Pop-Schlachtruf des Sommers werden, denn seit dem ersten Halbfinale am Dienstag stehen die Zeichen für Eleni Foureira aus Zypern auf Sieg. Ihre Show zwischen Shakira und Beyoncé geht ordentlich ab, in den Wettquoten liegt sie nun auf Rang eins — und wir lernen ein neues Wort zur Degradierung von Popsternchen: Foureira beherrscht den „Slut Drop”, heißt es auf vielen Fanseiten, also den Tanzschritt, bei dem der Hintern plötzlich nach unten sackt und sich dann sofort wieder zusammen mit dem Restkörper nach oben räkelt. Foureira ist übrigens eine Albanerin, die mit einem englisch-spanischen Song, teils geschrieben von einem schwedischen Team, perfekt das Konzept dieses ganzen Wahnsinns zusammenköchelt. Eine Vorschrift, dass irgendjemand im Team aus dem Teilnehmerland stammen muss, gibt es nämlich nicht. Ihre schwedische Choreografin Sacha Jean-Baptiste hat auch die Show für die aufgedrehte Australierin und die düsteren Bulgaren entworfen, extrem clever in Sachen Produktpalette.

Bonus während der Wertungen

„Sollen wir als Trinkspiel immer einen trinken, wenn jemand die ‚fantastic show‘ lobt?” – Spätestens das dürfte dem Alkohollevel den Rest geben. In diesem Sinne ein dreifaches „Oh je, oh je, oh je! FEUER!“ Auf Europa!