Kevin Kühnert im Interview: Warum die SPD jetzt lauter werden und mehr polarisieren muss

Kevin Kühnert ist mit 28 Jahren der geschäftigste Juso-Bundesvorsitzende seit Langem. Mit der No-Groko-Kampagne machte er auf sich aufmerksam, nun setzt er alles daran, seine Partei neu aufzustellen und die SPD dazu zu bewegen, mehr Haltung zu zeigen. Wie und mit wem kann das gelingen?

Kevin Kühnert erzählt im Interview, wie sich die SPD jetzt positionieren sollte.

Kevin Kühnert erzählt im Interview, wie sich die SPD jetzt positionieren sollte. © Isabel Schneider

ze.tt: Kevin, wir haben eine große Koalition, Horst Seehofer ist Innenminister und nun hat die CSU ihren Masterplan Migration aufgestellt und befindet sich einmal mehr im Grundsatzstreit mit der Schwesterpartei. Dein Statement dazu?

Kevin Kühnert: Zunächst mal kennen wir ja Horst Seehofers Masterplan, den er seit über drei Monaten ankündigt, alle nicht. Was wir aber zur Genüge kennen ist die CSU und ihre Art, Politik zu machen. Es kann einen nicht ernsthaft überraschen, was von dieser Partei kommt und ich finde es an allererster Stelle wichtig, dass dem deutlich widersprochen wird. Und zwar auch aus der Koalition heraus. Denn unabhängig davon, ob die CSU eine Mehrheit für so eine Politik hat, Sprache schafft Tatsachen. Und wo etwas unwidersprochen in der Öffentlichkeit immer und immer wieder wiederholt wird, da setzt es sich irgendwann fest und die Menschen glauben daran. Wenn jemand sagt Asylbewerberleistungen seien Asylgehalt, stellt das die Grundprinzipien unseres Staates derart auf den Kopf, dass ich es für absolut gefährlich halte, das so ohne Widerspruch stehen zu lassen.

Themen, die wir nicht ansprechen, hinterlassen Leerstellen, die andere Parteien mit ihren Themen besetzen.“ – Kevin Kühnert

Wie schwer ist es, gegen so eine bewusst lautstarke und pointierte Politik durchzudringen?

Für meine Partei ist es total schwer, dagegen richtig durchzudringen, weil bei uns viele eine Vorstellung von guter Politik haben, die lautet: solide die Themen abarbeiten und dann werden die Leute am Ende schon honorieren, dass wir diejenigen sind, die sich um die wichtigen Alltagssachen kümmern. Das ist auch total ehrenwert und dafür mag ich meine Partei, aber es reicht eben nicht. Wir sind heute eine Gesellschaft in der permanenten Aufmerksamkeitsspirale. Da spielt auch Effekthascherei eine Rolle. Das kann man bedauern, aber es bringt nichts, das auszublenden und so zu tun, als wäre es anders. Themen, die wir nicht ansprechen, hinterlassen Leerstellen, die andere Parteien mit ihren Themen besetzen. Und deswegen muss die SPD lauter und deutlicher in der Kommunikation eigener Ideen werden.

Die SPD hat vor Kurzem ihren Bericht zur Fehleranalyse im Wahlkampf vorgestellt. Was ist für dich die Haupterkenntnis des Berichts und welche Schlüsse zieht die SPD nun daraus?

Die Haupterkenntnis ist, dass Parteien, die nicht klar erkennen lassen, wofür sie eigentlich stehen, nicht gewählt werden. Sinngemäß steht da: Wer versucht, es allen recht zu machen, wird es am Ende niemandem recht machen und damit dann auch völlig zu Recht auf die Nase fallen. Das ist das, was wir Jusos auch seit langer Zeit schon sagen. Natürlich ist es gut, möglichst viele Menschen anzusprechen, aber das funktioniert nur, wenn es auch Teile einer Gesellschaft gibt, denen man klar sagt, dass ihre Interessen nicht unsere Interessen sind. Und dass sie Privilegien haben, die nicht gerechtfertigt sind und die wir ihnen nicht weiter zugestehen wollen. So sollte politische Auseinandersetzung laufen und ich hoffe, das haben nach diesem Bericht jetzt auch mal alle verstanden.

Der Bericht gibt auch die starke Medienreichweite der AfD zu bedenken. Wie groß ist die Angst vor einer AfD, die die SPD überholt, nicht nur in den Umfragen, aber vielleicht auch was das politische Agenda-Setting betrifft?

Das muss uns nicht ängstigen, denn ich glaube, man kann dem etwas entgegensetzen. Wenn ich mir ansehe, wie die demokratischen Parteien und auch die SPD in Sachen Social Media aufgestellt sind, ist einfach noch fürchterlich viel Luft nach oben, unabhängig davon, was die AfD in den sozialen Medien macht. Das heißt, wir können dort spontaner werden. Wir müssen begreifen, dass das für immer mehr Menschen eine Primärquelle für Informationen ist. Und dass dort nicht einfach nur Zweitverwertung stattfindet, sondern dass viele nur noch dorthin schauen, wenn es darum geht, wie sie Nachrichten wahrnehmen. Die AfD hat das von anderen rechten Bewegungen gelernt und handelt auch danach. Was man nicht übernehmen sollte sind natürlich all die Stilelemente rund um den Vorwurf der Lügenpresse, um Fake News, um Verkürzungen und darum, Leuten falsche Zitate in den Mund zu legen und Ähnliches. Dagegen muss man offensiv ankämpfen. Aber mehr Zuspitzung und auch Polarisierung zu wagen in der politischen Debatte, ist etwas, was wir uns auch selber mehr vornehmen sollten.

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Wie geeignet hältst du Andrea Nahles mittlerweile für den Parteivorsitz?

Die hat aktuell, glaube ich, einen Job, den niemand mit ihr tauschen möchte. Was auch immer sie tut, es geht nicht schnell genug und irgendjemand findet sowieso immer, dass es falsch ist. Manchmal auch ich. Andererseits wollte sie diese Rolle haben, damit muss sie dann auch umgehen können. Ich schätze an Andrea Nahles, dass sie ihre Meinung offensiv vertritt. Sie redet nicht jedem nach dem Mund. Da weiß man, woran man ist.

Also war sie die richtige Wahl?

Es standen zwei Personen zur Wahl, zwischen denen man sich entscheiden musste. In dem Sinne ist es jetzt keine euphorische Entscheidung für sie gewesen, sondern aus meiner Sicht eine nüchterne Abwägung. Mir geht es darum, ihre Arbeit kritisch zu begleiten, aber ihr auch nicht aus Prinzip Steine in den Weg zu legen, nur damit ich dann sagen kann, ich hätte schon immer gewusst, dass das nicht funktionieren kann. Das hielte ich dann auch für unsolidarisch. Daher versuche ich zu helfen, es besser zu machen und bin dabei aber sicherlich auch unbequem.

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„Sich für andere einsetzen zieht sich wie ein roter Faden durch mein Leben“ hast du kürzlich in einem Interview gesagt. Hast du das Gefühl, dass dich das absetzt von anderen in deinem Alter, wo wir doch jetzt in der sogenannten Leistungsgesellschaft leben, die sich sehr auf die Selbstoptimierung des*r einzelnen fokussiert?

Ja, ich merke das sogar bei den Jusos und ich will das auch keinem vorwerfen. Ich erlebe da Leute, die zu Beginn des Studiums oder noch während der Abi-Zeit zu uns kommen und anfangen sich zu engagieren und dann rund um Bachelor- oder Masterarbeit sagen „Sorry, ich muss mich jetzt rausziehen“, weil das andere dann wichtiger wird. Weder kann noch will ich jemanden dafür verurteilen, weil ich auch gar nicht weiß, wie es in deren konkretem Leben genau aussieht, aber für mich wäre das nie eine Option gewesen. Ich wäre unglücklich geworden, wenn ich Politik als etwas, was mich antreibt, was mein Hobby ist, zwei, drei Jahre hintenangestellt hätte, um in der Zeit dann etwas anderes tun zu können, was gesellschaftlich von mir erwartet wird. Das wäre nicht gegangen.

Glaubst du, wir sind antisolidarisch geworden und konzentrieren uns heute eher auf uns selbst als auf das Miteinander?

Das wäre, glaube ich, zu einfach, aber die Taktung ist einfach krasser geworden. Manche jungen Menschen kommen mit 17 aus der Schule raus, haben mit 22 ihren Master abgeschlossen. Es gibt eine große Erwartungshaltung, schnell auf dem Arbeitsmarkt zu sein, verwertbar zu sein, Karriere zu machen, sich zu beweisen. Dazu gibt es eine sehr ungleiche Anerkennung von dem, was man im Job, also gegen Bezahlung macht, und dem, was man daneben noch in seinem Alltag leistet. Gesellschaftlich wertvolle Arbeit ist nach Auffassung vieler nur das, was ich in meinem Beruf mache, und das andere sind so Späßchen nebenbei. Die kann man sich erlauben, wenn man die Zeit dafür hat, aber das bekommt man eigentlich nicht gedankt und das ist glaube ich eine falsche Gewichtung.

Wie sehr verlangt das Arbeiten in der politischen Elite eine Veränderung oder eine Reduzierung der eigenen Persönlichkeit? Oder anders gefragt: Welche Eigenschaften hat der öffentliche Kevin, die der private nicht hat und umgekehrt?

Ich versuche nicht, öffentlich eine Rolle zu spielen und irgendetwas zu sein, das ich nicht bin. Aber wenn man sich medial an ein größeres Publikum wendet, dann gibt es da ein paar Dinge, die funktionieren eben schlecht. Ironie ist ein klassisches Beispiel. Benutze ich persönlich total gerne im Freundeskreis. Funktioniert in einer Talkshow aber eher schlecht, weil ein gewisser Anteil des Publikums es vielleicht nicht versteht oder irritierend finden wird. Also versuche ich, so was bleiben zu lassen. Humor und Ironie sind die ersten, die unter die Räder kommen und die man auf ein Mindestmaß reduziert, wenn man als Politiker im öffentlichen Raum unterwegs ist. Leider.

Du bist erst seit einem guten halben Jahr Juso-Bundesvorsitzender und hast in dieser Zeit wahrscheinlich schon ein Pensum absolviert, was sonst für mehrere Jahre Vorsitz ausreicht. Hast du nicht ab und zu das Gefühl „Ich kann nicht mehr“?

Ich weiß nicht, ob der Punkt kommt, aber im Moment geht’s eigentlich noch ziemlich gut. Ich muss mich manchmal auch kneifen, wenn ich mir vor Augen führe, dass das jetzt noch nicht mal sieben Monate waren und es sich vom Volumen her eigentlich anfühlt, als wären es zwei Jahre gewesen. Aber ich habe jetzt aktuell nicht das Gefühl, darunter zusammenzubrechen. Natürlich ist das alles auch sehr von Adrenalin getragen, weil es ja schon spannend ist. Man ist live dabei beim Zeitgeschehen und kann Dinge mitgestalten. Für mich ist das etwas Antreibendes, was die Müdigkeit auch mal unterdrücken kann. Sicherlich wird irgendwann auch der Zeitpunkt kommen, an dem ich mal eine Pause brauch. Ich habe mich auch selten so sehr auf meinen Sommerurlaub gefreut wie dieses Jahr.

In der Time wurdest du dieses Jahr als aufstrebende Führungsfigur vorgestellt. Ziehst du in Betracht, irgendwann einmal Parteivorsitzender zu werden? Oder vielleicht sogar Bundeskanzler?

Ich zieh mich nicht an solchen Vorstellungen hoch. Das kann man mir glauben oder nicht, aber ich gebe auch nichts auf solche Rankings und habe die auch vorher nie gelesen als ich davon noch nicht selbst betroffen war. So was habe ich immer eher belächelt und das ändert sich jetzt auch nicht automatisch, nur weil ich mal in so einer Shortlist auftauche. Meine Erfahrung nach dreizehn Jahren Politik ist: Dinge passieren, wenn man sich nicht allzu blöd anstellt. Und es macht unauthentisch, wenn man anfängt, krampfhaft auf irgendetwas hinzuarbeiten.

Der Gedanke, in einer anderen Partei politisch zu arbeiten, ist einer, gegen den sich in mir alles wehrt.“ – Kevin Kühnert

Aber es ist ja schon so, dass du deine politischen Vorstellungen gerne in die Tat umgesetzt sehen möchtest – und dafür ist politische Macht in Form eines Amtes doch unabdingbar?

Absolut. Ich sehe es auch als falsche Zurückhaltung an, vorzugeben, dass man Verantwortung auf keinen Fall übernehmen möchte. Nur als Juso-Bundesvorsitzender wird man auf Dauer eben auch nicht so viel bewirken können, wie es vielleicht nötig wäre. Und dabei ist das schon eine verhältnismäßig wichtige Stelle, die man da innehat. Aber am Ende geht es natürlich um Parlamente, um Regierungen, um Mehrheiten. Wenn man es sich nicht zumindest vorstellen kann, dort irgendwann Verantwortung zu übernehmen, dann werden es andere tun. Und wenn man nicht davon überzeugt ist, dass andere es unbedingt besser machen würden, dann sollte man sich zumindest mit dem Gedanken auseinandersetzten, ob man da nicht auch irgendwann hinsollte.

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Falls es für die Erneuerung der SPD entgegen deiner Erwartung doch schon zu spät ist: Gibt es für dich eine politische Zukunft auch ohne die SPD?

Das kann ich mir nur sehr schwer vorstellen, weil die SPD für mich viel mehr ist als nur eine Hülle, mit der man politisch arbeitet, sondern eben ein sehr identifikationsstiftender Ort. Das schweißt auch mit anderen zusammen, ganz unabhängig davon, was die SPD in der Tagespolitik fabriziert. Dementsprechend ist der Gedanke, in einer anderen Partei politisch zu arbeiten, einer, gegen den sich in mir alles wehrt.