Kid Pex, Mascha und Co. – Diese österreichischen Musiker*innen kämpfen gegen Rechts

Sie singen Andreas Gabalier an die Wand, zerlegen mit Pop das Patriarchat und kämpfen für ein gemeinsames Österreich.

Diese österreichischen Musiker*innen kämpfen gegen den Rechtsruck an

Sie alle versuchen mit ihrer Musik Österreich wachzurütteln. Foto: David Prokop, Florian Schwalsberger, Fabian Kasper, Laura Koller

„Samma si ehrlich, eigentlich gehört er dasch…“ – mit dieser Textzeile über Andreas Gabalier sorgten die österreichischen Musiker Kid Pex und Kroko Jack im Februar dieses Jahres für Schlagzeilen. Zu den Worten formte Kroko Jack im Video von So viel Polizei mit seiner Hand eine Pistole und hielt sie einer Gabalier-Pappmaske an den Kopf. Der Schlagersänger zeigte sie daraufhin wegen gefährlicher Drohung an. Die Rapper Kid Pex und Kroko Jack wurden vorgeladen.

Die Staatsanwaltschaft sah den Tatbestand nicht erfüllt und stellte das Verfahren im März ein. Mit der Erklärung, dass die Stilrichtung Rap von „sehr harten Worten und Gesten geprägt ist, sodass der Kontext allein die Ernstlichkeit relativiere“. Deutlich sei, dass die beiden Interpreten ihn nicht verletzen wollen.

Gabalier ist in der Vergangenheit immer wieder mit konservativen bis mutmaßlich rechten Statements und Aktionen aufgefallen. Unter anderem ist der selbsternannte Volksrock’n’Roller heftig für ein Albumcover kritisiert worden. Darauf ist er in einer Pose zu sehen, die an ein Hakenkreuz erinnert. Beim Formel-1-Grand-Prix in Österreich sang er die österreichische Nationalhymne, ließ allerdings in der Zeile „Heimat großer Söhne und Töchter“ die „Töchter“ weg, weil er die 2012 überarbeitete Fassung der Hymne nicht in der Schule gelernt habe. Zudem fällt Gabalier immer wieder durch ein veraltetes Frauenbild auf, etwa, wenn er Liedzeilen wie „Zuckerpuppen kess mit ihrem Schulterblattl zucken“ verteidigt.

Mit diesem Weltbild bin ich konfrontiert, seit ich in Österreich lebe.

Kid Pex

Gegen Gabalier persönliche habe er nichts, sagt der Rapper im Gespräch mit ze.tt. Das Weltbild des erfolgreichen Schlagersängers sei jedoch ein Problem. Es sei rassistisch, sexistisch und homofeindlich. „Mit diesem Weltbild bin ich konfrontiert, seit ich in Österreich lebe“, sagt Kid Pex. Als Kind zog er mit seiner Familie von Kroatien nach Österreich, Rassismus begleitet ihn seitdem. Er weiß, was es bedeutet, aus einer Gesellschaft ausgegrenzt zu werden und setzt sich heute bewusst für ein „multikulturelles und buntes Österreich“ ein.

In seinem neuen Song Hulapolizei disst er Gabalier wieder, ohne Furcht vor einer weiteren Anzeige. Rapper Kid Pex ist ein Beispiel für politische Musiker*innen, die in Österreich immer lauter werden. Sie positionieren sich gegen rechts und erklären mit ihren Texten die Tanzfläche zur politischen Bühne. Warum erheben sie jetzt ihre Stimme? Und was kann Musik erreichen? Wir haben mit einigen dieser österreichischen Musiker*innen gesprochen.

Mascha macht Pop gegen das Patriarchat

„Wir sind die eklige und sinnbefreite Art von Männern – online meistens. Haben Angst vor einer Frau, die uns stellt zur Schau. Wir haben Angst vor Sigi Maurer.“ Das sang die Musikerin Mascha vor einem Jahr. Mit dem Sigi Maurer-Protestsong wurde sie schlagartig via YouTube bekannt. Wenige Monate nach dem viralen Hit nahm sich Mascha Peleshko erneut einem polarisierenden Thema an: häusliche Gewalt. Im Video zu Liebe siegt zeigt sie sich blutüberströmt im Dirndl auf der Alm. Tracht, Alpen und Gewalt – diese Direktheit ging einigen Österreicher*innen zu weit. Mascha bekam unzählige Hassnachrichten und Drohungen. Die 26-Jährige ließ sich davon nicht abschrecken und startete eine Spendenaktion für autonome Frauenhäuser in Österreich.

Angst davor, Stress von den Menschen, die ihr Hass und Drohungen im Internet schicken, bei ihren Auftritten zu bekommen, hat sie nicht. Freund*innen begleiten sie bei jedem Auftritt. Mascha nennt sie #Teambären, in Anlehnung an die russische Animationsserie Mascha und der Bär. Demnach sei sie zwar „nur ein Mädchen aus dem Wald“, habe aber ihre Bären bei sich.

Der Ausbruch von Rechtspopulismus hängt für mich sehr stark mit diesen patriarchalen Strukturen zusammen.

Mascha

Auf die Frage, warum sich die gebürtige Ukrainerin gerade feministischen Themen annimmt, sagt sie: „Weil ich nicht anders kann. Es gehört für mich dazu, manchmal politische Themen zu verarbeiten.“ Mit Liebe siegt und dem Sigi Maurer-Song setzte sie sich für frauenspezifische Themen ein. „Der Ausbruch von Rechtspopulismus hängt für mich sehr stark mit diesen patriarchalen Strukturen zusammen.“ Rechtspopulismus verlange nach autoritären, männlichen Führungspersönlichkeiten und propagiere klassische Familien- und Geschlechterrollen, in denen die Frau vordergründig Mutter und Hausfrau sei. „Ich kann damit sehr wenig anfangen, weil das meiner Meinung nach antike und sogar schädliche Rollenbilder sind.“

Politischer Techno: Im Club duldet Gerald VDH keine Diskussion

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Foto: Laura Koller

Gerald VDH zählt zu den wenigen österreichischen DJs, die im Berliner Berghain auflegen. Seit über zehn Jahren veranstaltet er auch Events in Wien. Seine Techno-Veranstaltungen für die LGBTQ-Szene zählen heute zu den erfolgreichsten Partys in Wien. Die Hausregeln dafür ließ er sogar auf T-Shirts drucken: „No homophobia, no sexism, no racism, no discussion“ steht in großen Lettern auf schwarzen T-Shirts. Wem diese Regeln nicht passen, habe auf seinen Veranstaltungen nichts verloren, sagt er. „Ich setze mich für eine Welt ohne Grenzen ein, bei der alle Menschen gleich sind. Ich sehe Menschenrechte als den kleinsten gemeinsamen Nenner, der nie infrage gestellt werden darf. Ich kämpfe für eine Welt, in der Homophobie, Sexismus und Rassismus keine Basis mehr haben. Wir wollen keine Toleranz mehr, wir wollen Akzeptanz.“

Musik ist immer politisch, da sie von Menschen konsumiert wird und somit eine soziale und kulturelle Komponente hat.

Gerald VDH

Österreich sei ein sehr wertekonservatives Land, sagt Gerald im Interview. Da die Hälfte der Menschen eine rechte Partei wählten, sei es besonders wichtig, mit Musik einen Gegenpol zu schaffen. „Musik ist immer politisch, da sie von Menschen konsumiert wird und somit eine soziale und kulturelle Komponente hat.“

Er betont, dass es in Österreich schon immer eine große linkspolitische Kunst- und Kulturszene gab. „Ich denke da an Bands wie EAV, Drahdiwaberl oder die Schmetterlinge.“ Heute würden einige Musiker*innen ihre Kritik eher verpacken und indirekter vermitteln.

Schapka verbreiten „queere Propaganda“ mit Geschrei und Gestöhne

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Foto: Fabian Kasper

Schapka bedeutet auf russisch Mütze, die Band fällt durch Ironie, Punk, Tabubruch, Geschrei und Gestöhne auf. Am Tag als Pussy Riot ihren Prozess verloren, gründeten Marie Luise Lehner, Laura Maria Veronika Brigitte Gstättner, Lilian Mira Kaufmann und Dora Lea De Goederen ihre Band. Sie alle sind Anfang 20. Ihre Songs heißen Straßenstrich, Squirten, NoNoNo und Kämpferinnen und machen ihre Richtung klar. „Wir singen und schreien über Feminismus, Bodypolitics, Gleichberechtigung aller Menschen, Queerness, Sexarbeit, Körperflüssigkeiten. Wir sind queere Propaganda“, sagen sie im Interview.

Als sie im vergangenen Jahr am Wiener Popfest auf die Red Bull Stage eingeladen wurden, entschieden sie sich zwar aufzutreten, aber die Bühne zu benutzen, um sich über den Gründer von Red Bull, Dietrich Mateschitz, zu äußern. Dort thematisierten sie beispielsweise seine zynischen Aussagen zur Asylpolitik. „Es ist nicht nur in Österreich wichtig, sich politisch zu äußern, sondern überall. Wir wollen über Tabuthemen reden und schreien und speziell im konservativen, katholischen, ewiggestrigen Österreich möchten wir die Menschen aufrütteln.“

Wir wollen über Tabuthemen reden und schreien und speziell im konservativen, katholischen, ewiggestrigen Österreich möchten wir die Menschen aufrütteln.

Schapka

Sie betonen, dass es wichtig sei, dass sich bekannte Künstler*innen politisch äußerten, weil diese mehr Menschen erreichten. Als Beispiel nennen sie die Schlagersängerin Helene Fischer: „Sie macht an sich unpolitische Musik, nutzt aber die Bühne, um sich öffentlich gegen rechts auszusprechen und will nicht, dass Nazis ihre Musik hören.“

Rap gegen das System

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Foto: Florian Schwalsberger

Overflow und Disorder rappen in breitem Dialekt über das System, Zivilcourage und gegen den Rechtsruck. Ihre Erkennungsfarben sind Rot und Schwarz. Auf ihren T-Shirts steht „antifaschistische Aktion“. Ihre Texte polarisieren. Sie texten Zeilen wie „Wir radikalisieren dem Rechtsruck entgegen“ oder „Schläft die SPÖ, dann bilden wir die Opposition“. Sie sind sich einig, dass in Österreich längst der Alltagsrassismus regiert. „Wenn ich in meinen Texten erzähle, dass ich Monat für Monat Vollzeit arbeite und irgendein Aktionär fürs Nichtstun das Hundertfache verdient, muss ich mich auch fragen: Warum? Und da kommt dann die Politik ins Spiel“, sagt der Rapper Disorder zu ze.tt.

Wir radikalisieren dem Rechtsruck entgegen.

Overflow und Disorder

Rap ist von seinen Wurzeln her politisch und begann als Sprachrohr der Unterdrückten. „Damals hat man sich in der Seitengasse getroffen und nicht über Drogen und Sex, sondern über rassistische Polizeirepression und Perspektivlosigkeit gerappt. Durch Gangsterrap und Cloudrap wurde Politik eher zur Seltenheit im Rap“, so  Overflow. Es gebe nur eine überschaubare Anzahl an Rapper*innen, die sich politisch äußerten. „Obwohl viele Rapper als Privatpersonen zum Beispiel links stehen, positionieren sie sich in ihrer Musik trotzdem nicht, weil sie Angst haben, Fans zu verlieren.“

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Foto: Kid Pex

Alpenrock und Austropop gegen rechts

Auch sehr prominente Musiker wie Hubert von Goisern, Rainhard Fendrich oder Wolfgang Ambros haben sich in der Vergangenheit gegen rechts positioniert. Hubert von Goisern forderte die FPÖ und ihre Haus-und-Hof-Band auf, seine Lieder bei Parteiveranstaltungen nicht mehr zu spielen. Austropop-Sänger Wolfgang Ambros sprach in einem Interview über „viele braune Haufen in der FPÖ“  und dass ihm „Angst und Bange“ werde, wenn er daran denke, „was die österreichische Regierung in den nächsten drei Jahren noch so alles anstellen wird“. Daraus entstand ein Schlagabtausch zwischen der FPÖ und Ambros. Auch der Begründer des Austropop, Rainhard Fendrich, dessen Lied I am from Austria gern von der FPÖ gespielt wird, unterstützte Ambros und kritisierte die Regierung. Die FPÖ ruderte zurück und lud Ambros zur Wiedergutmachung zum Gulasch ein. Er lehnte ab.

Neben den Austro-Stars gibt es aber eben auch viele kleine Künstler*innen, die ihre Musik dem politischen Protest widmen. Rapper Kid Pex sagt am Ende des Interviews: „Am meisten würde sich verändern, wenn Andreas Gabalier mal die FPÖ kritisieren würde.“ Er weiß, dass das nicht passieren wird. Aber wenn ein Musiker, der als Schlagerstar Österreichs gefeiert wird, sich für ein Miteinander und gegen Rassismus ausspräche, das würde Wellen schlagen.


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