Kill Bill und Geistergeld: Das bedeuten die Memes der Demonstrierenden in Hongkong

Die Proteste in Hongkong finden auch digital statt. Wir erklären die wichtigsten Memes.

Proteste in Hongkong: Was die Memes der Demonstrierenden bedeuten

Wir haben einige Memes aus den vergangenen zwei Monaten für euch ausgewählt und erklärt. Memes: Unbekannt

In Hongkong protestieren seit dem 9. Juni Tausende Menschen gegen ein Auslieferungsgesetz. Die Regierung von Hongkong hatte geplant, Auslieferungen nach China zu ermöglichen. Auf Ansuchen könnten Behörden Verdächtige dann an die kommunistische Volksrepublik überstellen.

Inzwischen hat sich die Protestbewegung inhaltlich weiterentwickelt. Zu den wichtigsten Anliegen der Demonstrierenden gehört nun die Forderung nach einer unabhängigen Kommission, die die Polizeigewalt der letzten Wochen unter die Lupe nimmt, freie Wahlen sowie der Rücktritt von Regierungschefin Carrie Lam. Zuletzt ist die Polizei mit Schlagstöcken und Pfefferspray gegen Barrikaden in dem von Regierungskritiker*innen besetzten Flughafen in Hongkong vorgegangen.

Memes für den Protest

Neben den Straßenprotesten und Sit-ins führen die Demonstrierenden auch einen Kampf um die Aufmerksamkeit. Sie wollen einerseits den Stadtbewohner*innen erklären, warum sie immer noch protestieren und diese für ihre Sache gewinnen. Andererseits brauchen sie die internationale Aufmerksamkeit und versuchen damit der Propaganda aus Peking entgegenzuwirken, die sie als Terrorist*innen darstellt.

Die überwiegend jungen, internetaffinen Demonstrierenden nutzen für ihren Protest auch das Internet und Memes. Sie verbreiten diese über Telegram, Twitter oder Apple Airdrop. Die Memes sollen Menschen zum Protest mobilisieren, Sympathie erzeugen oder einfach informieren.

Wir haben einige Memes aus den vergangenen zwei Monaten für euch ausgewählt und erklärt. An ihnen lässt sich die Entwicklung der Bewegung nacherzählen:

Die welkende Blume als Symbol

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Meme: Unbekannt

Hongkong ist offiziell Teil der Volksrepublik China. Seit dem Übergang aus dem britischen Kolonialreich in die Hände Chinas im Jahr 1997 ist die Stadt jedoch eine Sonderverwaltungszone. Bis auf Außen- und Sicherheitspolitik ist die Millionenstadt selbstverwaltet und hat auch eine eigene Flagge: eine weiße Bauhinie (Art von Orchidee) auf rotem Grund.

Zu Beginn der Proteste wurde das Bild der welkenden Blume auf schwarzem Grund schnell zu einem der wichtigsten Symbole der Bewegung. Sie soll das Ende eines Hongkongs symbolisieren, wie es bisher war. Demnach verwelke die politische Freiheit und eigene Kultur.

Demonstrierende an der Front und ihre Ausrüstung

Während der Proteste im Herbst 2014 nutzten die Demonstrierenden vor allem Regenschirme, um sich vor Pfefferspray und Sonne zu schützen. Der Protest wurde darum Regenschirmrevolution genannt. Mittlerweile haben die Demonstrierenden ihre Ausrüstung deutlich professionalisiert. Das neue Symbol der Bewegung sind die gelben Schutzhelme, zusammen mit einigen anderen Must-haves für Demonstrierende: Mundschutz gegen Gesichtserkennung, Plastikbrille gegen Tränengas und schwarze T-Shirts als Uniform.

Wahlweise wird auch ein Plastikregenmantel empfohlen, nachdem es kurz Gerüchte gab, dass die Polizei gefärbtes Wasser einsetzen wollte, um Demonstrierende durch den Einsatz von Wasserwerfern zu markieren. Mit Slogans wie „Eine Person, ein Helm“ und auch auf zahllosen anderen Postern taucht die*der symbolische Demonstrierende seitdem immer wieder auf.

„Wir gehen zusammen“

Am 1. Juli brach eine Gruppe Demonstrierende nach einer größeren Demonstration in den Hongkonger Legislativrat ein, der auch schon während der Regenschirmbewegung 2014 kurz besetzt worden war. Direkt vor Ort kam es zu Diskussionen zwischen den Demonstrierenden: Sollten sie schnell nach Hause, um eine Festnahme zu vermeiden, oder erneut versuchen, das Gebäude zu besetzen? Letztendlich wurde eine Mehrheitsentscheidung gegen eine neue Besetzung gefällt. Doch einige Demonstrierende wollten das Gebäude nicht verlassen – und wurden schlicht vom Rest mit aus dem Legislativrat herausgetragen. Das Motto findet sich auf den Memes wieder: „We leave together – Wir gehen zusammen“.

Kill Bill or Kill das Auslieferungsgesetz

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Meme: Unbekannt

Am 9. Juli sagte die Hongkonger Regierungschefin Carrie Lam nach einem Monat wiederholter Proteste, dass das Auslieferungsgesetz tot sei– „The bill is dead“. Doch auf rechtlicher Ebene ist das Gesetz nur auf Eis gelegt, nicht vollkommen zurückgenommen. Seitdem ist eine Forderung der Demonstrierenden, dass das Gesetz komplett zurückgenommen werden soll. Ob das überhaupt in der Macht der Hongkonger Regierung steht oder sie hierfür eine Erlaubnis aus Peking braucht, ist unklar. So kam schnell ein neues Meme in Anlehnung an Quention Tarantinos Klassiker zustande: Kill Bill, in diesem Fall: Tötet das Auslieferungsgesetz – endgültig.

Polizei und Triaden kooperieren (vielleicht) in Yuen Long

Ein Wendepunkt für die Demonstrationen war der 21. Juli. Während in einem Teil der Stadt große Gruppen von Demonstrierenden mit Tränengas beschossen wurden, attackierte eine Gruppe von Männern in weißen T-Shirts willkürlich Zivilist*innen in einer U-Bahn-Station. Der gesamte Angriff wurde von einer Reporterin live auf Facebook gestreamt, sodass mehr als zehntausend Menschen fassungslos zuschauen konnten, wie die Männer in weiß brutal Leute in der U-Bahn verprügelten.

Die Polizei war nirgends zu sehen, Anrufe an die Notrufnummer wurden ignoriert und Polizeistationen in der Gegend wurden geschlossen, während draußen Anwohner*innen an die Türen hämmerten und riefen, sie wollten eine Anzeige erstatten. Als die Polizei nach fast einer Stunde endlich kam, wurde niemand festgenommen. Später am Abend gab es Bilder von Polizist*innen, die scheinbar unbeeindruckt neben Männern in weißen Hemden und Schlagstöcken stehen. Das entfachte die Theorie: Die Männer gehörten zu pro-chinesischen Triaden und die Polizei hatte die Attacken willentlich hingenommen. Auch dieses Ereignis wurde in Memes verarbeitet – in Warnschildern, Karikaturen, die Polizei und Gangster beim Händeschütteln zeigen, oder dem blutverschmierten Logo der Hongkonger U-Bahn.

Neue chinesische Zeichen

Nachdem am 21. Juli große Teile der Bevölkerung das Vertrauen in die Hongkonger Polizei verloren, erfand jemand zwei neue chinesische Zeichen, um diese neuen politischen Phänomene zu bezeichnen: Das erste kombiniert einen Teil des Zeichens für „Polizei“ mit dem Zeichen für „schwarz“, hier kurz für den kriminellen Untergrund. Die Neuschöpfung soll zeigen, dass die Triaden und die Polizei quasi wie eins zusammenarbeiten, sodass der Polizei nicht zu trauen ist.

Das zweite Zeichen kombiniert einen Teil des Zeichens für „Aufstand“ oder „Aufruhr“ mit dem Zeichen für „Regierung“. Der rechtliche Tatbestand, an einem Aufstand teilzunehmen, kann in Hongkong mit bis zu zehn Jahren Haft bestraft werden – und dieser Anklage sehen sich viele der verhafteten Demonstrierenden gegenüber. Doch einer der Slogans der Bewegung lautet „Keine Aufständischen, nur Tyrannie“ – das eigentliche Verbrechen, so die Bedeutung, werde von der Regierung begangen.

Chinesische Götter und Tränengas

Anfang August kam es im Hongkonger Stadtteil Wong Tai Sin wiederholt zu Zusammenstößen zwischen Demonstrierenden und Anwohner*innen auf der einen und der Polizei auf der anderen Seite. Auch hier wurde Tränengas in einem Teil der Stadt gefeuert, der nach einer taoistischen Gottheit und ihrem Tempel benannt ist. Kurz darauf begannen User*innen Memes zu posten, die Gottheiten aus der chinesischen Geschichte sowie aus verschiedenen Religionen zeigen. Mit Gasmasken schützen sie sich vor dem Tränengas. In einem Comic fragt Wong Tai Sin seinen Kollegen Guan Yu, eine Schutzgottheit der Polizei: „Beschützt du immer noch korrupte Polizist*innen?“, woraufhin Guan Yu antwortet: „Aber nein, die habe ich schon lange abgeschnitten.“

Generalstreik am 5. August

Die Demonstrierenden riefen am 5. August zu einem Generalstreik  auf. Der Slogan lautete „Drei Streiks – Arbeit, Unterricht, Stadt“. Leute sollten von der Arbeit, Uni und Schule fernbleiben und soweit wie möglich nicht konsumieren. Eines der Memes zu diesem Anlass ist in der Form eines Kalenders, der für jeden Tag des Jahres ein Horoskop vorgibt. Für den 5. August steht dort unter gut: „Arbeit bestreiken, Unterricht bestreiken, die Stadt bestreiken“. Unter schlecht oder Unglück bringenden Aktivitäten stehen „arbeiten, zum Unterricht gehen, essen oder trinken“. Auf vielen anderen Postern war einfach prominent das Zeichen für „Streik“ zu sehen – es ging hierbei in erster Linie darum, so viele Leute wie möglich für den Streik zu mobilisieren und überhaupt darüber zu informieren.

Laserwaffen in Hongkong

Am 8. August wurde der Vorsitzende einer Studierendenvertretung für den Besitz einer Waffe festgenommen – Laserpointer ohne Batterien. Diese Anschuldigung sorgte in der Protestbewegung für viel Heiterkeit und führte zu mehreren Gegenprotesten in Sham Shui Po und einer Laserparty in Tsim Sha Tsui. Die Star Wars-Memes mit Laserwaffen schrieben sich quasi selber.

Geistergeld für gutes Glück

Im chinesischen Mondkalender befinden wir uns gerade im sogenannten Geistermonat, während dem sich der Legende zufolge die Tore zu Himmel und Hölle öffnen und die Geister der Verstorbenen zurück auf die Erde kommen. Gute Nachfahr*innen kümmern sich unter anderem um ihre verstorbenen Ahn*innen, indem sie Papiergeld, sogenanntes Geistergeld, verbrennen. Da in Hongkong mittlerweile fast alles ein Protest sein kann, wurde am 10. August auch aus einer Aktion, um Geistergeld für die Ahnen zu verbrennen, ein Protest. Unter anderem hatten Demonstrierende extra Geldscheine mit dem Gesicht der verhassten Regierungschefin Carrie Lam angefertig, die vor Ort für die Ahn*innen verbrannt wurden – für gutes Glück natürlich.

Die aktuellen Forderungen

Die aktuellen Forderungen der Bewegung gehen mittlerweile über die Rücknahme des Auslieferungsgesetzes hinaus, aber werden auch immer wieder in grafischer Form verarbeitet. Hier eine aktuelle Version mit chinesischer Kalligrafie:

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