Kind großziehen und studieren: Wie alleinerziehenden Müttern beides gelingt

Zehn Prozent der Studierenden mit Kind sind alleinerziehend. Während ihre Kommiliton*innen feiern gehen, müssen sie zu Hause bleiben und Windeln wechseln – oder?

Studieren mit Kind? Zwei Mütter erzählen, wie ihnen das gelingt.

Studieren mit Kind? Zwei Mütter erzählen, wie ihnen das gelingt. Foto: Shelby Deeter / Unsplash | a href="https://unsplash.com/license" target="_blank">CC0

Maxi Müller ist 19, als sie ungeplant schwanger wird. Gerade erst hat sie ihre Zusage fürs Studium erhalten, Philosophie und Deutsch auf Lehramt. „Außer mir“, so erzählt sie, „hat sich eigentlich niemand auf das Kind gefreut. Einige in meinem Umfeld wollten mich überzeugen, abzutreiben oder sind einfach davon ausgegangen, dass ich mich gegen das Kind entscheide.“ Immerhin hätten ihr gute Freund*innen zugesichert, unabhängig von ihrer Entscheidung, für sie da zu sein.

Als Maxi ihre Tochter bekommt, merkt sie schnell, wie wichtig diese Zusagen waren: „Ohne die Unterstützung meines Umfelds, das sich ab und zu um Marlie kümmert, wäre es deutlich schwieriger, mein Studium mit Kind auf die Reihe zu bekommen und vielleicht auch mal einen Abend frei zu haben.“

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Inzwischen ist Maxi 24 und lebt mit der heute fünfjährigen Marlie in Berlin. Sie ist eine von rund 131.000 Studierenden mit Kind in Deutschland und eine von circa 13 Prozent, die in dieser Situation auf sich allein gestellt sind. Die Studierenden mit Kind müssen nicht nur das Studium meistern, sondern auch ein Kind großziehen und den Haushalt schmeißen; nebenher noch arbeiten, um sich finanzieren zu können. Während der Großteil der Eltern im Studium ihr Kind gemeinsam großziehen – mehr als 50 Prozent von ihnen sind sogar verheiratet – haben sie keine*n Partner*in, mit denen sie die Aufgaben und Verantwortungen teilen können.

Wie geht man mit dieser Herausforderung um? Und welche Anlaufstellen gibt es, um sich Unterstützung zu holen?

Der Alltag ist klar getaktet – anders geht’s nicht

Der Alltag von Maxi und ihrer Tochter ist klar getaktet: Gegen sieben Uhr morgens stehen sie auf, um halb neun geht Marlie in die Kita. Bis spätestens 17 Uhr hat Maxi dann frei, um Kurse in der Uni zu besuchen, zu lernen oder zur Arbeit zu gehen. Den Abend und die Wochenenden verbringt sie dann mit ihrer Tochter – sobald ihr Kind im Bett ist, muss sie jedoch häufig wieder an den Schreibtisch.

Gerade die Phasen, in denen sie Hausarbeiten oder Klausuren schreiben muss, werden dann zur Zerreißprobe: „Mal wird das Kind krank, dann fällt die Kita aus – es gibt Umstände, die ich nicht einplanen kann und die das Lernen wirklich erschweren.“ Zwar gäbe es Dokumente wie beispielsweise einen Nachteilsausgleich, die man an der Uni beantragen kann, um Aufschub von Fristen zu erhalten. Häufig dauert die Bearbeitung aber, sodass die Bescheide um Aufschub teilweise zu knapp erteilt werden.

Wer alleinerziehend in sechs Semestern fertigstudieren möchte, muss von Anfang an eine klare Planung und ein Netzwerk haben, das einen unterstützt.“ – Maxie

Immerhin, so erzählt Maxi, gäbe es an ihrer Universität viele Beratungs- und Betreuungsangebote. Gerade für Fragen rund um die Finanzierung von Studium und Kind sind diese wichtig. So gibt es Leistungen vom Staat, die insbesondere alleinerziehende Mütter unterstützen, wie Arbeitslosengeld II, Sozialgeld fürs Kind, Wohngeld und Mutterschaftsgeld. Alleinerziehende Väter, die immerhin sieben Prozent der Studierenden mit Kind ausmachen, haben dabei aber häufig weniger Möglichkeiten, finanzielle Hilfe vom Staat zu erhalten, der Gelder teilweise explizit nur für Mütter vergibt.

Zusätzlich gibt es aber auch extra Stipendien, die allerdings hohe Standards setzen, wie das Studieren in Regelstudienzeit. Für Maxi, die außer Kindergeld sonst keine Förderung vom Staat erhält, sind solche Vorgaben unrealistisch: „Ich habe gelernt, mich zu strukturieren und zu organisieren, allerdings erst im Verlauf des Studiums. Wer alleinerziehend in sechs Semestern fertigstudieren möchte, muss von Anfang an eine klare Planung und ein Netzwerk haben, das einen unterstützt.“ Auch muss die Uni mitspielen, denn theoretisch gibt es keine vorgesehenen Erleichterungen für das Erbringen von Prüfungsleistungen. Ihre Profs, so erzählt Maxi, seien aber glücklicherweise in der Regel sehr verständnisvoll und gewähren Aufschübe oder Ersatzleistungen.

Was tun, wenn die Uni keine Flexibilität zulässt?

Doch nicht jede Universität ist so flexibel und nimmt Rücksicht auf junge Eltern. Jasmin Hansen ist 27, alleinerziehende Mutter eines dreijährigen Sohnes und studiert in Hamburg Verfahrenstechnik. Sie berichtet von fehlenden Angeboten für junge Eltern an ihrer Hochschule, was sie besonders in den Prüfungsphasen belaste.

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Als Jasmin im zweiten Semester ungeplant schwanger wurde, konnte sie aufgrund übermäßiger Schwangerschaftsübelkeit nicht an ihren Klausuren teilnehmen. Immer wieder stößt sie bei den Prüfungen an ihre Grenzen: „Man kann in meinem Studienfach keine Klausurersatzleistungen erbringen, sprich beispielsweise Hausarbeiten. Das heißt: Ich muss frühzeitig anfangen zu lernen, sitze schon während der ersten Semesterwoche teilweise bis 21 Uhr am Schreibtisch.“

Da ihr Sohn mittlerweile schon etwas älter ist und sich Jasmin immer wieder neu strukturiert, findet sie regelmäßig die Zeit zum Lernen. Besonders ihre Mutter war ihr von Anfang an eine Stütze, sie betreute ihren Sohn am Wochenende für einen Vormittag. Der Vater des Kindes unterstützt sie ebenfalls, nimmt seinen Sohn zwei Tage in der Woche zu sich.

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„Diese zwei Tage sind für mich kostbar, da ich dann immer bis open end, also so lange meine Kräfte mich halten, in der Hochschule sitze und mit meinen Lerngruppen lernen“, erzählt Jasmin. Vor einigen Semestern habe sie sich das noch nicht einräumen können. „Das Lernen war unheimlich schwer und ich bin sehr oft gescheitert, ich musste viele Enttäuschungen ertragen.“

Die Kursbelegung ist oft nicht eltern- und familienfreundlich

Öfter mal ausschlafen, feiern gehen, sich spontan mit Freund*innen treffen, das ist bei ihr im Vergleich zu anderen Studierenden so gut wie nie drin. Dennoch hat Jasmin nicht das Gefühl viel zu verpassen – im Gegenteil: „Ich habe das Gefühl, viel organisierter, strukturierter und motivierter zu sein als meine Kommiliton*innen. Ich stehe gerne früh mit meinem Sohn auf und genieße die Wochenenden und den Ausgleich zum etwas stressigen Alltag.“ Um ihrem Sohn dann möglichst viel bieten zu können, musste Jasmin einen Studienkredit aufnehmen, geht zusätzlich einem Nebenjob nach.

Sowohl um arbeiten gehen zu können als auch um Hochschulkurse zu besuchen, muss sich Jasmin dabei bei der Semesterplanung an die Öffnungszeiten der Kita halten. Das bedeutet auch, dass ausschließlich Vorlesungen in Frage kommen, die tagsüber angeboten werden. An ihrer Hamburger Hochschule gibt es im Vergleich zu anderen Universitäten jedoch keinen Familienpass, der es Jasmin erlauben würde, bevorzugt als Erste die Vormittagskurse wählen zu können.

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„Ich hatte schon öfter das Problem, beispielsweise in den Informatikkursen, dass ich nur Termine für Abendveranstaltungen bekam.“ Immer wieder verschob sich ihr Studium deshalb um mehrere Semester, was auch bei der Finanzierung Probleme bereitete. Ein Stipendium, das Jasmin von einem Unternehmen erhielt, läuft kommenden Monat aus, auch musste sie immer wieder ihre Nebenjobs wechseln, um sie mit ihrem Stundenplan vereinen zu können.

Die Studierendenwerke versuchen, Betreuungsmöglichkeiten anzubieten

Von diesen Problemen erzählt auch Maxi, die ebenfalls nicht jeden Kurs wahrnehmen kann, der ihr gefällt. Nur einmal habe sie eine Vorlesung nach 16 Uhr besucht, ihre Tochter war während dieser Zeit in der Kinderbetreuung der Universität. Mittlerweile besucht Marlie jedoch eine reguläre Kindertagesstätte.

Neben den Universitäten versuchen auch die Studierendenwerke, flächendeckende Betreuungsmöglichkeiten während der Vorlesungszeiten anzubieten. Insgesamt betreiben sie rund 220 Kindertagesstätten mit gut 8.850 Plätzen – für die insgesamt 123.000 Studierenden mit Kind ist das jedoch viel zu wenig. Auch auf Grund dessen halten nur rund die Hälfte von ihnen Studium und Kind prinzipiell für vereinbar, denn häufig sind die universitären Betreuungseinrichtungen extrem voll und es gibt lange Wartezeiten auf die begehrten Plätze.

Eigentlich ist die Zeit des Studiums ideal, um ein Kind zu bekommen.“ – Maxi

Dabei erzählt Maxi: „Eigentlich ist die Zeit des Studiums ideal, um ein Kind zu bekommen. Schon allein deshalb, weil ich auf Grund meines Alters noch widerstandsfähiger im Vergleich zu Eltern bin, die später Kinder bekommen.“ Außerdem habe man Möglichkeiten, anders als im straffen Berufsalltag, die Zeit flexibel zu gestalten.

Auch wenn sie im Studium wegen ihres Mutterseins immer wieder vor große Herausforderungen gestellt wurde, ist sie froh, die für sie richtige Entscheidung getroffen zu haben: Das Kind zu behalten und gleichzeitig auch etwas für sich selbst zu tun, nämlich zu studieren. Mit einem Grinsen fügt sie hinzu: „Ich prokrastiniere im Studium ja letztendlich auch wie alle anderen, habe aber wenigstens einen guten Grund.“

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