KiWi-Verlag verteidigt umstrittenes Vergewaltigungsgedicht von Till Lindemann

Rammstein-Sänger Till Lindemann veröffentlichte Anfang März einen Gedichtband, in dem er über Gewalt an Frauen fantasiert. Der herausgebende KiWi-Verlag reagiert auf die heftige Kritik.

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"Hat jemand schon Till Lindemann vom Autor getrennt?", fragt sich der Schriftsteller Saša Stanišić auf Twitter. Foto: Hannelore Foerster/Getty Images

Der 57 Jahre alte Rammstein-Sänger Till Lindemann schreibt Gedichte, „die den Leser direkt treffen, überraschen und erschüttern“, heißt es im Pressetext zu 100 Gedichte. Der renommierte Verlag Kiepenheuer und Witsch hat den Lyrikband Anfang März veröffentlicht.

In diesem findet sich auch das folgende Gedicht, Wenn du schläfst:

Ich schlafe gerne mit dir, wenn du schläfst.
Wenn du dich überhaupt nicht regst.
Mund ist offen, Augen zu. Der ganze Körper ist in Ruhe.
Kann dich überall anfassen. Schlaf gerne mit dir, wenn du träumst.
Und genau so soll das sein (so soll das sein so macht es Spaß).
Etwas Rohypnol im Wein (etwas Rohypnol ins Glas).
Kannst dich gar nicht mehr bewegen. Und du schläfst, es ist ein Segen.

Klare Schilderung von Vergewaltigungsfantasien

Vor allem die Erwähnung der Verwendung von Rohypnol, umgangssprachlich als K.o.-Tropfen bezeichnet, zeigt, dass Lindemann in seinem Gedicht eine Vergewaltigungsfantasie schildert.

Rohypnol ist ein häufig verwendetes Beruhigungsmittel, um Menschen „gefügig“ zu machen. Es wird von Täter*innen als durchsichtige Flüssigkeit meist Frauen ins Getränk gemischt, um diese zu betäuben. Sie fühlen sich dann gelähmt und sind unfähig, Widerstand zu leisten.

„Grenzüberschreitende Provokation“

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Foto: Screenshot Instagram-Story Mirna Funk

Im Netz häuft sich seit Donnerstagabend die Kritik an Lindemann und dem KiWi-Verlag. Die Autorin Kathrin Weßling etwa schreibt: „Männer, die Till Lindemann jetzt verteidigen und das als Kunst betiteln, machen sich mitschuldig! Mitschuldig an einer Gesellschaft, die Gewalt gegen Frauen relativiert, die misogyne Fantasien als ‚Kunst‘ bezeichnen. Sagt das doch mal einem Opfer!“ Der Übersetzer Peter Hintz fragt: „Wie kann ein Verlag sowas bringen?“ Die Journalistin und Schriftstellerin Mirna Funk entwirft ein Gegengedicht auf Instagram.

Es gibt aber auch User*innen, die beschwichtigen und die Kritik nicht nachvollziehen können: „#Lindemann thematisiert menschliche Abgründe und Tabuthemen, wie sonst auch aus der Ich-Perspektive. Kannibalismus, Amoklauf, Stalking. Wer die Texte auf ihn als Person bezieht, hat das Prinzip nicht verstanden. Das Gedicht ist trotzdem nicht besonders“, schreibt die Userin Lisa Didschuneit. 

Reaktionen auf Twitter

Stellungnahme des Verlags lässt Fragen offen

Unterdessen äußerte sich der Lektor des Lyrikbandes, Helge Malchow, gegenüber ze.tt und öffentlich zu der Kritik und betonte, dass „die moralische Empörung über den Text […] auf einer Verwechslung des fiktionalen Sprechers, […] mit dem Autor Till Lindemann“ basiere. Sprich: Die Kritiker*innen des Gedichts würden bislang Werk und Autor nicht trennen und deshalb den Rammstein-Sänger zu Unrecht attackieren.

Mit dieser Stellungnahme, so die Kritiker*innen im Netz, bediene der KiWi-Verlag ein altgedientes Narrativ aus der Metoo-Debatte, dass misogyne Fantasien dann gerechtfertigt seien, wenn sie als Kunst gekennzeichnet sind. Eine Anfrage nach der Positionierung zu den Vorwürfen, dass das Gedicht dennoch frauenfeindlich und gewaltverherrlichend sei, ließ der KiWi-Verlag gegenüber ze.tt unbeantwortet.

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