Klimaaktivistin Luisa Neubauer: „Ich hoffe, dass ich nicht noch 825 Freitage streiken muss“

Luisa Neubauer organisiert Fridays for Future – der Klimaschutz-Bewegung haben sich weltweit Tausende junge Menschen angeschlossen. Doch Luisa ist auch Zielscheibe von Hass. Ein Porträt

Vor einem Café auf der Berliner Friedrichstraße schüttelt ein Mann den Kopf und sagt zu einer Frau: „Du kannst die Welt halt nicht ändern.“ Im Café sitzt eine, die die Welt verändern will. Gerade schreibt sie ihren Namen auf ein Kreppband, das sie auf ihre Jacke geklebt hat: „Luisa“ und darunter: „Fridays for Future“. „Einige Leute finden das komisch, dass ich meinen Namen auf die Jacke schreibe“, sagt Luisa Neubauer. Aber es sei wichtig, um erkannt zu werden. Später, beim Streik vor dem Wirtschaftsministerium. Sie hat den Streik organisiert – wie auch die anderen fünf Streiks, die in den vergangenen Wochen jeden Freitag dort stattfanden.

Auf dem Tisch vor Luisa liegen Smartphone und Power Bank. Einen Kaffee möchte die 22-Jährige nicht, sie trinkt Wasser. „Später gibt es bestimmt noch viel Kaffee, das wird sonst zu viel“, lacht sie. Luisas Tag begann heute morgen um fünf Uhr in Göttingen. Von dort aus kam sie mit dem Zug nach Berlin. Aktuell lebt die Studentin halb in Göttingen und halb in Berlin. „Dass ich mir das leisten kann, ist ein Privileg“, sagt sie. Möglich sei ihr Engagement für das Klima durch ein Stipendium der Heinrich-Böll-Stiftung und einen Job an der Göttinger Uni.

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Klima-Aktivistin Luisa Neubauer. Foto: Elif Küçük / ze.tt

Luisas Telefon klingelt. „Sorry“, sagt sie. Es geht um den Streik. Das Gespräch ist kurz, anschließend schreibt Luisa noch eine kurze WhatsApp-Nachricht. Allein auf WhatsApp ist sie in 50 Fridays for Future-Gruppen. „Oh, schon so spät, wir müssen los“, sagt sie und packt ihre Sachen in ihren Rucksack. Der erste Termin findet ein paar hundert Meter entfernt im Institut der deutschen Wirtschaft statt. Luisa soll dort mit dem Direktor Michael Hüther über Klima- und Wirtschaftspolitik streiten. Aufgeregt ist sie nicht, sie ist gut in Übung. Erst vor zwei Tagen saß sie bei Dunja Hayali auf dem Sofa. Souverän brachte sie ihre Argumente, aufgeregt war sie nur, weil sie vorher zu wenig geschlafen hatte.

„Ich wollte die Welt verstehen“

Für Umwelt- und Klimapolitik interessiert Luisa sich schon lange. Einen Kristallisationspunkt, wie sie das nennt, hatte sie 2013. Mit einem Austauschprojekt war sie in Tansania und sah, was es mit Land und Leuten macht, wenn es nicht mehr regnet oder man sich nicht mehr darauf verlassen kann, dass es regnen wird. „Ich wollte die Welt verstehen“, erklärt Luisa ihren damaligen Entschluss, Geografie zu studieren. Die jahrelange Beschäftigung mit umweltpolitischen Themen hat sie zur Expertin gemacht. Dass sie sich mit „einer abstrakten Sache wie dem Klimawandel“ beschäftigen konnte, beschreibt sie ebenfalls als Privileg. In Gesprächen gibt es zwischen Politiker*innen und Luisa keine großen Unterschiede. Nur dass Luisa schneller auf den Punkt kommt und knackigere Sätze sagt, wie zum Beispiel: „Der Klimawandel ist die größte Krise der Menschheit“.

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Luisa Neubauer im Gespräch mit Michael Hüther. Foto: Mareice Kaiser, Bearbeitung: Elif Küçük / ze.tt

Im Institut der deutschen Wirtschaft wird Luisa von zwei Männern in Anzügen begrüßt, für das Gespräch legt sie ihre Kapuzenjacke zur Seite. Die erste Frage des Journalisten wird sie derzeit häufiger gefragt: „Wie lange wollen Sie noch streiken?“ Luisa antwortet professionell: Bis zum Kohle-Ausstiegsdatum 2035 seien es noch 825 Freitage. „Ich hoffe, dass ich nicht noch 825 Freitage streiken muss.“ Gemeint ist das Ausstiegsdatum, auf das sich die Kohlekommission geeinigt hat. Es ist eine von Luisas Forderungen: Kohleausstieg bis 2030. Wofür sie kämpft, geht aber darüber hinaus. Luisa fordert eine Klimapolitik, die vereinbar ist mit dem Pariser Klimaschutzabkommen. Auf der Pariser Klimaschutzkonferenz im Dezember 2015 einigten sich 195 Länder erstmals auf ein allgemeines, rechtsverbindliches weltweites Klimaschutzübereinkommen. Festgelegt wurde das langfristige Ziel, den Anstieg der weltweiten Durchschnittstemperatur auf deutlich unter 2 Grad gegenüber vorindustriellen Werten und den Anstieg der Erderwärmung auf 1,5 Grad zu begrenzen.

„Um das zu erreichen, braucht es eine neue Klimaschutzpolitik“, sagt Luisa. Das betrifft nicht nur die Kohle, sondern viele Bereiche: Mobilität, Infrastruktur, Landwirtschaft. „Emissionsintensive Sektoren“ nennt Luisa diese Bereiche im Gespräch mit dem Direktor des Wirtschaftsinstituts. Statt eines deutschen Beitrags zur Klimaschutzpolitik beobachtet Luisa vor allem einen Beitrag zum Wirtschaftsschutz. Bei einem Gespräch mit dem Bundeswirtschaftsminister Peter Altmaier erklärte dieser ihr, dass er befürchte, eine Klimapolitik würde die deutsche Wirtschaft verschlechtern. Luisa hat dafür kein Verständnis. Dass die Klimapolitik auch die Wirtschaftspolitik beeinflusst, ist ihr klar. Lösungen dafür sollte die Politik finden und zwar seit einigen Jahrzehnten.

Luisa sieht es nicht als ihren Job an, Politiker*innen deren Job zu erklären. Dafür erklären sie ihr oft, wie sie den Streik zu organisieren hat. Zum Beispiel nicht in der Schulzeit. Und sie stellen auch die Frage, ob so ein Streik – erst recht während der Schulzeit – denn der richtige Weg für eine Veränderung sei. „Auf die Straße gehen muss ich nicht, um Teil des Diskurses zu sein“ sagt der Direktor des Instituts der deutschen Wirtschaft jetzt zu ihr. „Ich aber schon“, antwortet Luisa. „Sie haben in Ihrer Position einen direkten Zugang zu den Debatten und Diskursen. Diesen Zugang haben wir nicht“, erklärt die 22-Jährige. Die Radikalität des Schulstreiks sei wichtig, um zu zeigen, dass jetzt etwas getan werden muss.

„Ich erlebe nicht nur den Zwiespalt zwischen der Forderung nach Klimapolitik und der Forderung nach Wirtschaftswachstum, sondern einen weiteren: Junge Frauen wie ich machen Konflikte auf mit älteren Herren in Machtpositionen“, sagt Luisa. Sie spricht von einer Genderkomponente, die sie als junge Frau zu spüren bekommt. „Es ist ziemlich krass, wie patronisierend mit mir gesprochen wird – und das nimmt zu, je lauter und direkter wir werden“, sagt sie. Als der Direktor des Wirtschaftsinstituts das Ausmaß der Auswirkungen des Klimawandels diskutieren will, kann Luisa sich das Augenrollen nicht verkneifen. Nach dem Streitgespräch geht es weiter zum Streik vor dem Wirtschaftsministerium. Im Fahrstuhl wird Luisa ein Taxi angeboten, sie lehnt dankend ab und nimmt die S-Bahn.

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#fridaysforfuture-Demonstration in Berlin. Foto: Elif Küçük / ze.tt

„Wir sind hier, wir sind laut, weil ihr uns die Zukunft klaut!“ ruft Luisa eine halbe Stunde später im Invalidenpark vor dem Wirtschaftsministerium. Rund dreihundert junge Leute rufen mit. Sie halten Transparente in die Luft. „Wäre das Klima eine Bank, ihr hättet es längst gerettet“, steht darauf. Ein Kind hat eine Pappe auf dem Rücken, darauf die Frage: „Opi, was ist Schnee?“

Obwohl in Berlin Schulferien sind, haben sich viele hier versammelt, um gegen die aktuelle Klimapolitik zu demonstrieren. Luisa twittert ein Video mit dem Text „Berlin hüpft! In den Ferien! Krass! Wollen die etwa nicht einfach nur schwänzen?“ Luisa hat hier eine Doppelrolle. Mal hält sie kurze Reden vor den Demonstrierenden, mal steht sie am Rand und gibt Interviews. Zwischendurch tippt sie Nachrichten in ihr Telefon, nimmt Instagram-Videos auf und twittert.

Was mich jeden Tag antreibt, sind nicht die Menschen, die im Bundestag sitzen, sondern die Menschen, die davor stehen.

Luisa Neubauer
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Karl, Luisa, Jonas, Franzi und Moritz organisieren #fridaysforfuture in Berlin. Foto: Elif Küçük / ze.tt

Eine Stunde später sitzt Luisa mit vier anderen Organisator*innen der Berliner Fridays for Future-Gruppe im Willy-Brandt-Haus. Ihr gegenüber Kevin Kühnert, der Vorsitzende der Jusos. Was ist die politische Konsequenz aus dem Streik? Wie kann politisch mehr erreicht werden? Sie diskutieren auch, wie eine Zusammenarbeit aussehen kann. Dabei sind Luisa Parteigrenzen egal. Sie trifft nicht nur Vertreter*innen der Jusos, sondern auch die Junge Union. „Wir wollen was anstoßen“, argumentiert Luisa.

Parteipolitisch engagieren möchte Luisa sich nicht. Wichtiger ist ihr, Politik durch außerparlamentarische Impulse zu gestalten. „Die Argumentation ‚Geht in die Parteien und macht was‘ funktioniert einfach nicht“, sagt sie. Ein Gesprächsangebot mit dem Parteivorstand der SPD nimmt sie an. Nur mit Klimawandel-Leugner*innen wolle sie nicht sprechen, sagt sie und grinst. „Na, so schlimm ist es bei uns nicht“, meint Kevin Kühnert.

Luisa schaut auf ihr Telefon, sie will weiter. „Wir müssen mal los“, sagt sie. Am Abend trifft sich die Berliner Ortsgruppe von Fridays for Future, um die weiteren Demonstrationen zu planen und die Struktur der Bewegung zu organisieren. Wichtiger als Treffen mit Politiker*innen ist Luisa der Aufbau einer sozialen Bewegung: „Was mich jeden Tag antreibt, sind nicht die Menschen, die im Bundestag sitzen, sondern die Menschen, die davor stehen.“

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Luisa im Willy-Brandt-Haus. Foto: Elif Küçük / ze.tt

Wo junge Frauen laut werden und eine klare politische Stellung beziehen, trifft es wunde Punkte bei vielen Männern.

Luisa Neubauer

„Scheiße“, sagt Luisa mit Blick auf ihr Smartphone. Auf Twitter hat jemand die Fotos ihres Instagram-Accounts kopiert und mit hämischen Kommentaren versehen. Der Tenor: Eine junge Frau, die Flugreisen unternimmt, darf sich nicht als Klima-Aktivistin profilieren. Es ist der gleiche Hass, der auch Greta Thunberg, die Fridays for Future mit ihrem Streik vor dem schwedischen Parlament angestoßen hatte, entgegenschlug. Auffallend: Die Hassenden sind fast ausschließlich Männer, die meisten aus dem rechten Milieu. „Wo junge Frauen laut werden und eine klare politische Stellung beziehen, trifft es wunde Punkte bei vielen Männern“ sagt Luisa. Auch wo sie zu Interviews gebeten wird, in der Politik und bei den Medien, erlebt sie eine Männerdominanz. „Selbst bei Dunja Hayali waren bis auf die Frau in der Maske und die Moderatorin überall Männer“, erzählt sie. Das seien oft Männer aus Generationen, in denen die Emanzipation, wie die Klimabewegung sie lebt, noch nicht angekommen sei. Bei Fridays for Future achten sie auf die Repräsentanz aller Geschlechter.

Luisa sieht in der digitalen Hasswelle auch das Problem der Privatisierung des Klimaschutzes bestätigt. „Das ist krass neoliberal“, sagt Luisa. Sie warnt davor, die großen Fragen aus den Augen zu verlieren. Es reiche nicht, auf Flugreisen zu verzichten und kein Fleisch zu essen, während Kerosin nicht besteuert und Massentierhaltung subventioniert wird. „Es muss Anreize geben, finanziell und anderer Art, dass ein klimafreundliches Leben keine Frage von Geld ist, sondern eine Selbstverständlichkeit.“ Dafür politische Rahmenbedingungen zu schaffen sei Aufgabe der Politik, nicht von Privatpersonen.

Luisas Ziel ist der strukturelle und politische Wandel, nicht, die perfekte Klima-Aktivistin zu sein. Ihrem Twitter- und Instagram-Account fügt sie ein Wort hinzu: human (Mensch). „Die perfekte Klimaschützerin gibt es nicht, ich bin auch nur ein Mensch. Ich bin einfach Luisa.“ Für Kaffee war an diesem Freitag keine Zeit.