Kölner Karneval: Der letzte Ort, an dem ich sein will

Unsere Autorin war beim Kölner Karneval und fand heraus, wie schwierig es ist, Unterstützung bei sexualisierter Belästigung zu bekommen. Und warum ein flächendeckendes Alkohol-Verbot für Männer dringend nötig wäre. 

Die Suche nach einem Security Point beim Kölner Karneval gerät für unsere Autorin zu einer Odyssee.

Die Suche nach einem Security Point beim Kölner Karneval gerät für unsere Autorin zu einer Odyssee. Foto: Rolf Vennenbernd/dpa

Es ist 15:23 Uhr und ich gebe auf. Um mich herum schießen Flaschen durch die Menge auf den Boden in einem unüberschaubaren Wirrwarr von Hunderten Menschen, Männer grölen, Sirenen schreien. Ich werde durch eine Absperrung aus einem Sicherheitsbereich geleitet, die Dame vom Ordnungsamt wünscht mir noch alles Gute. Schubsende Schultern von allen Seiten befördern mich an den Straßenrand, in meiner Jackentasche knülle ich das Stück Papier zusammen, das mir in die Hand gedrückt wurde. Es ist ein Flyer, der Frauen und Mädchen über einen Security Point informiert, an dem sie aufgefangen werden, wenn sie Hilfe nach einer sexualisierten Belästigung brauchen. Nach diesem Ort habe ich die vergangenen drei Stunden gesucht. Vergeblich.

Die Stadt Köln ist erst seit den Übergriffen in der Silvesternacht 2015/16 auf die Idee gekommen, mobile Beratungsstellen für Frauen und Mädchen bei Großveranstaltungen zu installieren, obwohl sexualisierte Belästigung seit Jahrzehnten an Karneval zur Tagesordnung gehört. Zwei Frauen wurden laut polizeilichen Angaben in den Karnevalstagen im Februar dieses Jahres vergewaltigt, eine davon am helllichten Tag. Es gab rund 15 angezeigte Sexualdelikte, in den Jahren zuvor fast doppelt und dreifach so viele. Es gab mehr als 120 registrierte Körperverletzungen. In sogenannten Security Points betreuen psychosoziale Beraterinnen des Frauenberatungsnetzwerkes in einer ruhigen Umgebung betroffene Frauen. Diese haben nicht immer die Kraft, mit ihrer Erfahrung erst einmal auf meist männliche Polizeibeamte zuzugehen. Sie brauchen Zuwendung, einen Schutzraum, auch für zwischendurch. Dieser Tag wird aber zeigen, dass es überhaupt nicht einfach ist, an diese Hilfe heranzukommen.

„Alkohol, Spaß un natörlich – wenn m’r ehrlich sin: Janz vill Sex.“

Um Entwarnung zu geben: Nein, mir ist nichts zugestoßen. Außer das Übliche, das Frauen Jahr für Jahr erleben, wenn in Köln am 11. November die Eröffnung der nächsten Karnevals-Saison gefeiert wird: übergriffige Blicke, blöde Anmachen, Cat Calling, wie etwa durch einen jungen Mann, der an diesem Tag im Bärenkostüm am Straßenrand steht, und vorbeigehenden Frauen durch sein Megaphon „Hey Chica!“  hinterherruft.

Karneval ist ein unausgesprochenes Versprechen. Das wissen alle Menschen, die wie ich in Köln aufgewachsen sind: ein Versprechen, nicht allein nach Hause zu gehen. Am 11. November und an den Karnevalstagen im Februar finden sich schunkelnde, Alkohol ausdünstende Körper wie von Zauberhand zusammen. In den meisten Fällen einvernehmlich: Was wäre Köln ohne die in diesen Tagen gezeugten sogenannten Karnevalskinder. Die Antwort ist: eine Stadt mit einer weitaus kleineren Population.

Am Vormittag hatte ich einen Mann in Pilotverkleidung und zurückgegeltem Haar auf der Straße gefragt, was er sich von dem Tag erhofft. Er antwortete: „Alkohol, Spaß un natörlich – wenn m’r ehrlich sin: Janz vill Sex.“ Das Online-Stadtmagazin koelner weiß etwa, dass mit diesen Flirttipps die „jecke Zeit“ besonders „sexy“ wird: „Eine Frau im Bienenkostüm fragt man zum Beispiel, ob man mal von ihrem Honig naschen darf, einen Feuerwehrmann, ob man mal seinen Schlauch halten dürfe und so weiter und so fort … An Karneval muss man auch keine Angst davor haben, falls der Spruch etwas derbe ist. Solange man es nicht vollkommen übertreibt, wird man schon kein Kölschglas ins Gesicht geleert bekommen!“ Ob er an diesem Tag besonders offensiv flirte, um sein Ziel in die Tat umzusetzen, wollte ich daher von dem Piloten wissen. „Natürlich ist man viel hemmungsloser an Karneval. Ich sehe das doch, dass die Frauen das auch wollen“, antwortete er, während mir eine Alkoholfahne ins Gesicht wehte, die verriet, dass ich höchstens noch eine Stunde auf die Urteilskraft dieses Menschen vertrauen kann.

Wir ziehen jetzt weiter ins Hotel“, sagt der erste und zeigt auf eine mehrköpfige Männertruppe. „Wenn du magst, kannst du uns begleiten.“

Ein Versprechen bedeutet auch, dass jene, die daran glauben, nicht Ruhe geben, bis es wahr geworden ist. Am 11. November hat man hierfür im Gegensatz zum sechstägigen Fest im Februar nur einen Tag Zeit. Um den Erfüllungsvorgang zu beschleunigen und die sonst landläufigen Hürden und Grenzen der Annäherungen von Unbekannten, wie etwa den Respekt vor der körperlichen Integrität des Gegenübers, zu lockern, schauen Kölner*innen daher an diesem Tag schon besonders früh besonders tief ins Glas. Manche Männer verlieren sich dann gerne in diesen Tiefen.

Im Gegensatz zu den meisten um mich herum bin ich um 11:20 Uhr noch nüchtern, worauf mich ein Mann in einem roten Brigaden-Kostüm aufmerksam macht. Ich stehe vor der Kneipe Bei d’r Tant zwischen den Karnevalshochburgen Neumarkt und Heumarkt im Kölner Stadtzentrum, und beobachte das Geschehen um mich herum. Er spricht mich an, als er das Notizheft in meiner Hand entdeckt. „11:20 Uhr und ich bin noch nicht betrunken“, solle ich reinschreiben, sagt er grinsend. Sein Kumpel kommt hinzu: „Schreib auf: 0177…“ Beide sind um die 50 Jahre alt, Typ Schreibtischtäter und Familienvater. „Wir ziehen jetzt weiter ins Hotel“, sagt der erste und zeigt auf eine mehrköpfige Männertruppe. „Wenn du magst, kannst du uns begleiten.“

Die Aggressionskurve steigt gleichsam parallel zu der Betrunkenheitskurve

„Macht euch nicht wehrlos mit Alkohol oder Drogen“, sagte der Freiburger Polizeichef Bernhard Rotzinger Anfang dieses Monats in einem Spiegel-Interview, nachdem eine 18-Jährige Opfer einer Gruppenvergewaltigung wurde. Rotzinger erntete zu Recht Kritik für seine Aussage: Frauen werden so mitverantwortlich für einen sexualisierten Übergriff gemacht, weil sie sich nicht ausreichend geschützt haben. Auch die Kölner Polizei hat auf ihrer Webseite mehr als zehn Sicherheitshinweise für Frauen gesammelt, wie sie sich in der Öffentlichkeit schützen können. Darunter auch: „alkoholisiert nicht alleine unterwegs sein.“ Dabei ist Karneval Jahr für Jahr der Beweis dafür, dass ein flächendeckendes Alkoholverbot im öffentlichen Raum gerade für Männer dringend nötig wäre. Das ist zwar selbstverständlich keine Lösung für internalisierten Sexismus, der Frauen im tiefsten Inneren auch nüchtern als Beute sieht. Aber so sind Frauen und auch Männer zumindest weiterhin punktuell geschützt vor dem unkontrollierten Ausbruch dieses Habitus, der sich in Taten offen legt.

Und natürlich sind nicht alle Täter*innen sexualisierter Gewalt betrunken. Auch das wäre eine Relativierung: Die meisten tun dies bei vollem Bewusstsein und vorsätzlich. Doch beim Karneval sinkt mit jedem Glas Kölsch die Hemmschwelle. Eine Flasche hat einen Alkoholgehalt von 4,8 Prozent. Die Aggressionskurve steigt gleichsam parallel zu der Betrunkenheitskurve. Die verheißungsvollen Stunden, in denen sich das Versprechen realisieren muss, werden im Gegensatz dazu immer weniger.

Keine Polizist*innen weit und breit

Es ist 12:03 Uhr. An einer Straßenecke steht eine Altherrenband und singt „Schön sin die Mädche us Kölle am Rhing“. Ein Mann im Hasenkostüm tanzt dazu im Kreis, die Menge um ihn herum jubelt. Ich stehe vor einem Polizeiwagen, drinnen sitzt der Beamte und fuchtelt wild mit Blättern herum, während er telefoniert. Er legt auf und wählt eine zweite Nummer. Zwischendurch streckt er seinen Kopf aus dem Auto, sagt: „Dauert jetzt was. Wat is denn passiert?“ „Nichts“, sage ich. „Aber es kann ja nicht schaden, zu wissen, wo ich im Fall der Fälle Hilfe bekomme.“ Er tippt die nächste Nummer in sein Telefon. Minuten vergehen. Zu dem tanzenden Hasen gesellt sich nun eine Schildkröte. Der Band geht irgendwann der Saft aus, der Sänger brüllt „Man, wart ihr ein scheiße geiles Publikum!“, der Polizist steigt endlich aus dem Wagen, kommt gemütlichen Schrittes auf mich zu und sagt: „Ich habe eine gute und eine schlechte Nachricht. Security Points für Frauen gibt es keine. Aber Teams des Ordnungsamtes, die sind immer zu zweit unterwegs. Die können Sie ansprechen.“ Als ich frage, wie ich diese Teams finden kann, sagt er: „Weiß nicht. Hab bisher auch keine gesehen. Aber sie können ja auch immer die Polizei ansprechen, wenn was ist.“

Die nächste Stunde sehe ich keine*n einzige*n Polizist*in, während ich über die Partymeile auf den Kölner Ringen wandere und mir immer mehr Männer mit glasigen Augen und aufgequollenen Gesichtern entgegentorkeln, die gleichsam ins Nichts gucken, bis ihre Blicke an einer vorbeilaufenden Frau haften bleiben und ihre Münder sich zu grunzenden Kontaktversuchen öffnen. Am Ende der Straße stehen zwei Verkehrspolizisten. Zumindest die Autos sind sicher. Auf einer Nebenstraße spürt man allmählich die Stimmung hochkochen. Zwei Frauen stehen auf der Straße, gekleidet in Ninja-Kostümen, umringt von Männern, die sich buchstäblich über die Lippen lecken. Die Frauen können keine zwei Schritte gehen, ohne dass einer kommt, und ihnen ihre Schwertattrappen aus dem Rucksack zieht. Es ist 13 Uhr und ich sehe immer noch keine Polizist*innen. Nur zwei Typen, die als Spezialeinsatzkommando verkleidet sind. Die Beschriftung „SEK“ haben sie in „SEX“ abgeändert.

„Wir sind für Euch da!“, steht auf dem Flyer. Aber wo?

Eine halbe Stunde später treffe ich an einer Straßenkreuzung eine Polizistin und ihren Kollegen. Ich sage, dass ich auf dem Weg hierher keine*n ihrer Kolleg*innen getroffen habe. Sie winkt ab und sagt: „Hier ist mehr los.“ Ich frage nach den Security Points. Mir entgegnen nur verdutzte Blicke, der Kollege sagt, er müsse das mal erfragen, zückt sein Handy und entfernt sich einige Schritte. Die Polizistin fragt mich, ob ich alleine sei. Ja, sag ich. „Oh, das ist nicht gut. Suchen Sie sich lieber mal eine Gruppe.“ Der Kollege kehrt zurück und hat herausgefunden, wo Frauen geholfen wird. Ich solle zu der Kirche an der Zülpicher Straße im Universitätsviertel im Süden Kölns gehen. Da ist bekanntlich an Karneval die Hölle los.

An der Kreuzung zur Zülpicher Straße erwartet mich ein unvergleichliches Chaos, unter meinen Schuhen knirscht kaputtes Glas, Tausende Menschen stehen hier dicht aneinandergedrängt, zu der Straße selbst gibt es keinen Durchgang, weil sie überfüllt ist. Um die besagte Kirche herum wurde ein Sicherheitsbereich aus weißen Abdeckplanen gezogen, drinnen sieht man die Spitzen mehrerer Zelte. Ich spreche eine junge Sanitäterin an, die an einem Zugang zum Sicherheitsbereich steht. Sie drückt mir einen zerfledderten Flyer in die Hand, als ich ihr sage, dass ich nach dem Security Point suche, und zeigt in die abgesperrte Straße. Da soll er sein. „Kannst da ja auch anrufen.“ Die Telefonnummer steht auf dem Stück Papier. Und die Öffnungszeiten: 11 bis 1 Uhr. Ich versuche anzurufen, aber es gibt auf der überfüllten Straße keinen Handy-Empfang.

Ich zwänge mich durch die betrunkenen und schreienden Menschenmassen hindurch zu der Gitterabsperrung. Ich bitte einen jungen Polizisten mich hindurch zu lassen, weil ich zum Security Point für Frauen will. Er mustert mich skeptisch. „Ne“, sagt er, „Hier kommen Sie jetzt nicht durch.“ „Ich will da aber hin“, sage ich und deute mit dem Zeigefinger auf den Flyer, auf dem in dicken Buchstaben „Wir sind für Euch da!“ steht. Er schüttelt den Kopf und fragt mich, ob ich ihm etwas vormache, um auf die Partymeile zu gelangen. Ich murmle verzweifelt: „Glauben Sie mir, das ist der letzte Ort, an dem ich jetzt sein will. Ich will einfach nur zum Security Point.“ Er wendet sich an seine Kollegen, die zucken gleichgültig mit den Schultern. Dann lässt er mich unter der Gitterabsperrung hindurchklettern.

Ich bin völlig nüchtern, Herr Polizeichef Rotzinger, und mir wurde der Schutz verwehrt, den ich vielleicht gebraucht hätte – vor Männern, die an Karneval Alkohol trinken dürfen.“

Zülpicher Straße. Polizist*innen rennen Männern hinterher, andere pinkeln und spucken von überall, Torkelnde rempeln einander an, ein Betrunkener reibt sich an einer Straßenlaterne. Ich erreiche die Kirche, an der der Security Point sein soll. Auch um sie herum zieht sich noch der Absperrbereich aus weißen Planen. An einem Zugang frage ich diesmal einen Sicherheitsmann mittleren Alters, wie ich zum Security Point komme. „Ja, der ist hier drin“, antwortet er. „Dürfte ich rein?“, frage ich. „Nein. Die haben jetzt zu tun.“ Als ich ihn fassungslos anstarre, kommt ein jüngerer Kollege hinzu und bietet mir an, mich hinein zu begleiten. Er führt mich wortlos an Zelten vorbei, bittet mich vor einem auf ihn zu warten. Es beginnt zu regnen. Sein älterer Kollege, der hinzukommt, weiß von nichts. Nun holen sie eine Kollegin hinzu, die mir sehr freundlich mitteilt, dass es hier keinen Security Point gäbe. „Der ist am Rudolfplatz“, sagt sie und zeigt Richtung Norden. Also dorthin, wo ich hergekommen bin. „Da müssen Sie über den Hohenstaufenring laufen. Kommen Sie, ich begleite Sie aus dem Sicherheitsbereich.“

Als ich wieder auf der Straße stehe, ertönt aus einem Polizeiwagen die Durchsage: „Wir möchten Sie darüber informieren, dass der Hohenstaufenring ab sofort gesperrt wird.“ Es ist 15:23 Uhr. Ich mache mich entkräftet auf den Heimweg. Ich bin völlig nüchtern, Herr Polizeichef Rotzinger, und mir wurde der Schutz verwehrt, den ich vielleicht gebraucht hätte – vor Männern, die an Karneval Alkohol trinken dürfen. Abends gegen 18 Uhr erreiche ich beim siebten Versuch das Team vom Security Point am Telefon. „Ich habe Sie heute stundenlang gesucht“, sage ich, „wo stehen Sie denn eigentlich?“. Sie stehen auf der Zülpicher Straße.