Können wir den Abstand im Supermarkt bitte auch nach der Corona-Krise beibehalten?

Seit dem Ausbruch des Coronavirus sind Menschen beim Einkaufen angehalten, Abstand zu halten. Daran könnte sich unser Autor gewöhnen. Ein Kommentar

Coronavirus ? Leipzig
Einfach schön. Foto: © Jan Woitas / dpa

Die Situation in den Supermärkten hat sich spürbar entspannt. Die Lieferketten sind der gestiegenen Nachfrage nach bestimmten Produkten nachgekommen, die Regale sind wieder voll und diejenigen, die unbedingt Klopapier und kiloweise Nudeln horten wollten, erfreuen sich an ihren Schätzen.

Aber was, wenn das alles vorbei ist, wenn ich wieder „normal“ einkaufen gehen kann: Muss ich mich wieder in den schmalen Gängen der Supermärkte von Mitmenschen anhusten lassen und an der Kasse hektisch in meinem Portemonnaie nach Geld kruschteln, während das Personal an der Kasse wie Hochleistungssportler*innen einen Artikel nach dem anderen über das Kassenband fegen?

*Beep*, da geht der Emmentaler. *Beep*, da die Cornflakes. All das, während ich den Atem der nächsten Person in der Schlange förmlich in meinem Nacken spüre. Einkaufen ist einfach nicht mehr dasselbe, wenn Klaus-Dieter dir an der Kasse nicht den Einkaufswagen in die Hacken rammt, um seine Einkäufe drei Sekunden früher auf das Kassenband legen zu können.

Ninja im Supermarkt

Für gewöhnlich versuche ich, den Besuch eines Supermarktes so schnell wie möglich hinter mich zu bringen. Der Lärm, die hellen Lichter, die schiere Auswahl an Produkten.

Aber ich bin ein ziemlich schlechter Einkäufer. Ich mache keine wöchentlichen Einkäufe und schreibe auch keine Einkaufslisten. Ich schnappe mir fast täglich einen Einkaufskorb, packe alles rein, von dem ich denke, das ich es gerade brauche und verschwinde wieder so schnell wie möglich. Ohne Einkaufswagen bin ich flinker und beweglicher – wie ein Ninja.

Der Supermarkt ist für mich plötzlich zu einem Ort des Friedens geworden.

Einkaufen gleicht für mich oftmals einem Spießrutenlauf. Wenn jemand im gleichen Gang auf mich zukommt, setzt meine Kampf- oder Fluchtreaktion ein (meistens Flucht, ich bin kein Kämpfer) und ich muss mich entscheiden: Gehe ich weiter auf die Person zu? Was, wenn sie das gleiche Produkt haben will wie ich? Was, wenn sie mich anspricht? In so einem Fall drehe ich lieber noch eine weitere Runde durch den Markt und versuche mein Glück in dem Gang später noch einmal.

Als introvertierter Mensch werde ich oft missverstanden und als unhöflich, unsozial und desinteressiert gesehen. Dabei sehnen sich introvertierte Menschen oftmals nur nach Ruhe. Sie sehen nicht die Notwendigkeit, eine soziale Bindung einzugehen, Smalltalk zu führen oder sich zu erklären, wenn das gerade nicht unbedingt nötig ist. Das bedeutet aber nicht, dass Introvertierte keine sozialen Kontakte knüpfen. Sie wollen es einfach nur dann nicht, wenn sie zum Beispiel gerade gemütlich im Bestand eines Supermarktes stöbern und ihren eigenen Gedanken nachhängen.

Oase der Ruhe

Seitdem Anfang März in Supermärkten Einlasskontrollen oder Einlassbeschränkungen erlassen worden sind, sind all diese Hürden für mich deutlich einfacher zu nehmen. Gemütlich schlendere ich durch den Markt mit dem Wissen, dass mich niemand an Probierständen unvorbereitet anquatscht und damit meine Ruhe stört. „Möchten Sie einmal probieren?“ „Darf ich Ihnen etwas anbieten?“ Auch in Zeiten, in denen keine globale Pandemie herrscht, sollte man sich wirklich fragen, ob man die kleinen mit einem Zahnstocher durchbohrten Käsewürfel essen sollte.

Der Supermarkt ist für mich plötzlich zu einem Ort des Friedens geworden. Es herrscht eine andächtige Ruhe, niemand rempelt sich an, die Kommunikation ist auf ein Mindestmaß beschränkt und in der Schlange vor dem Pfandautomaten gerät man nicht mehr ins Schwitzen, weil die „Marke in diesem Markt nicht akzeptiert wird“ (obwohl vorher schon zwanzig Flaschen der gleichen Marke akzeptiert wurden).

Wenn auch gezwungenermaßen: Menschen können derzeit nicht anders, als Rücksicht aufeinander zu nehmen und jeder*m persönlichen Freiraum zu geben.

Bitte Abstand halten

Diese Ruhe kommt auch den Supermarktmitarbeiter*innen zugute, die sich zuletzt als wahre Held*innen während dieser Krise zeigten. „Einzelhandel bedeutet Wandel und wir müssen uns jeden Tag neuen Herausforderungen stellen“, schreibt Anja*, Mitarbeiterin in einer Hamburger Filiale der Supermarktkette Rewe in der Facebookgruppe Wir sind der Einzelhandel. „Ich finde es nur traurig, dass erst so etwas passieren muss, um Interesse an unserem Beruf zu zeigen.“

Eigentlich handelt es sich um eine geschlossene Gruppe für Mitarbeiter*innen des Einzelhandels, aber ze.tt durfte in den vergangenen Tagen mitlesen. Auch Anja würde es begrüßen, die Abstandsregelungen nach der Corona-Krise beizubehalten: „Über den Tag verteilt betreten immer wieder Erkältete und ansteckende Kunden den Markt.“ Sie würde sich deshalb einen dauerhaft angebrachten Spuckschutz an den Kassen wünschen. Wie realistisch das ist, konnte eine Pressesprecherin von Rewe auf Anfrage von ze.tt nicht beantworten. Zu langfristigen Entwicklungen der Maßnahmen könne man aktuell keine Prognose abgeben.

Die Beiträge in der Facebookgruppe aber sprechen eine deutliche Sprache: Konkrete Abstandsregelungen in Supermärkten sollten auch nach der Corona-Krise beibehalten werden. „Ich persönlich merke, dass mich das gesünder hält“, schreibt eine weitere Mitarbeiterin von Rewe. „Seit wir alles geregelt haben, habe ich keine Kopfschmerzen mehr und bin nicht völlig erschöpft nach der Arbeit.“

Der Wunsch nach räumlichem Abstand zwischen Menschen – in der Verhaltensforschung auch personal space genannt – kann verschiedene Gründe haben. Ob nun ganz praktische oder eben persönliche. Die unsichtbaren Grenzen einer Person nicht zu übertreten, sollten wir auch über Krisenzeiten hinaus respektieren.


*Name von der Redaktion geändert.