Können wir nicht einfach nur im Internet befreundet bleiben?

Nicht jede Internetfreundschaft kann in die Realität übertragen werden. Aber ist das überhaupt so schlimm?

Können wir nicht einfach nur in diesem Internet befreundet bleiben?

„Nina ist meine digitale Freundin." Quelle: Stocksnap | CC0

Letztens habe ich mich dabei erwischt, wie ich meiner Mutter von meiner Freundin Nina erzählte. „Weißt du, erst gestern hat Nina einen klugen Post darüber geschrieben, warum wir meist immer noch zur monogamen Zweierbeziehung greifen. Denn, wenn wir mal ehrlich sind: Die meisten Menschen bekommen in ihren Freundschaften einfach nicht genug emotionale Unterstützung – von der physischen Komponente mal ganz abgesehen.“ Ich sehe meine Mutter am anderen Ende der Welt nicken, die Internetverbindung ist nicht die beste. Es knackt ein bisschen, während sie mich fragt, wer diese Nina eigentlich sei.

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Eine gute Frage. Ich kenne Nina seit zwei Jahren. Ihre kurzen, braunen Haare umspielen ihr breites Grinsen. Sie hat an der Wirtschaftsuniversität studiert und ist seit Kurzem verheiratet. Die Fotos habe ich natürlich gesehen – die beiden sahen glücklich aus. Nina liebt Mac and Cheese, hat ein Faible für französischen Wein und verbringt ihre Sommer am liebsten in einem umgebauten Campingvan mit verblichenen Persilblumen an den Fenstern. Sie hat drei Tattoos. Auch davon habe ich Fotos gesehen. Nina hat mich auf Instagram gefunden und nach ein paar Monaten unregelmäßig intensiver Chatterei auf Facebook hinzugefügt. Wir haben schon einmal telefoniert, als sie nicht wusste, wie es für sie beruflich weitergehen soll. Ich mochte ihre Stimme. Seither hören wir uns mal mehr, mal weniger regelmäßig. Getroffen haben wir uns nie. Sie wohnt nicht weit weg. Aber zu weit, um eine Regelmäßigkeit entstehen zu lassen.

Es braucht keine physische Komponente

Zu weit weg, als dass ich mir eine Real-Life-Freundschaft mit ihr ausmalen möchte. Und das Ding ist: Ich habe gar kein allzu großes Bedürfnis, sie zu treffen. Es wird keine verkaterten Morgen nach Festivals geben. Keine Überraschungspartys zum Geburtstag, keinen Brunch am Sonntag. Mir reicht es, wenn wir uns schreiben, wenn wir beieinander kommentieren, weil wir wissen: Wir sind auf einer Wellenlänge. Die andere versteht mich. Sie würde, wenn es darauf ankommt, da sein. Ich habe ihre Nummer. Sie weiß ein paar Dinge über mich, die andere nicht wissen. Wir haben uns vertraut gemacht mit den großen und kleinen Problemen unseres Gegenübers. Es ist gut so, wie es ist. Es braucht keine physische Komponente, um sich unserer Zuneigung zu vergewissern.

Wahrscheinlich sind unsere Leben sogar recht ähnlich. Ob wir es je herausfinden werden, weiß ich nicht.“

Nina hat ihr Leben und ich habe meines. Wahrscheinlich sind unsere Leben sogar recht ähnlich. Ob wir es je herausfinden werden, weiß ich nicht. Wir haben nicht genauer darüber gesprochen, uns zu treffen. Natürlich kam da mal eine gewisse Neugierde auf, nach einem süßen Selfie aus dem Urlaub oder den Neujahrsgrüßen. Aber wirklich zu Taten geschritten sind wir nicht.

Vor fünf Jahren hätten sich vermutlich viele über unsere Art des Kontakts gewundert. Gemeint, wir seien mit einem Avatar mit Seele befreundet – unfähig zu unterscheiden, zwischen den Nuancen zwischenmenschlicher Beziehungen. Nina ersetzt meine langjährigen Real-Life-Beziehungen nicht. Chats mit ihr sind kein Ersatz dafür, dass ich am Freitagabend Pommes mit Chicken Nuggets auf der Couch mit den Mädels esse, weil wir zu fertig sind, um etwas Ordentliches zu kochen. Kein Ersatz für Kuscheleinheiten, kein Ersatz für das Telefongespräch mit meinen Eltern oder den Kurzbesuch bei meiner besten Freundin in London. Nina ist trotzdem da. Sie ist an Orten mit mir verbunden, an denen ich weniger mit meinen Real-Life-Freund*innen kommuniziere, und mehr mit jenen, die ich Online-Freund*innen nennen würde.

Unsere Beziehung ist zwangsläufig text- und fotolastiger

Freundschaften wie unsere sind in digitalen Zeiten häufig. Die meisten meiner Freund*innen vertrauen Menschen, die sie nur aus diesem Internet kennen. Niemand wird mehr dafür verurteilt. Die Zeit ist für uns Mitt- und Endzwanziger knapp geworden. Zwischen Studium fern der Heimatstadt und Auslandspraktika gibt es wenig Raum für eine stabile Clique, dafür umso mehr Wartezeiten an Flughäfen und Bahnhöfen, die dafür genutzt werden können, um Sprachnachrichten aufzunehmen oder Direct Messages mit Menschen zu schreiben, die geistige Verbündete geworden sind. Ich mache das seit Jahren so. Nina auch.

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Dadurch, dass unsere Beziehung text- und fotolastiger ist als andere, bekommt Nina andere, manchmal sogar schonungslosere Aspekte präsentiert als diejenigen, die mich am Samstagabend zu Hause besuchen kommen. Und ich muss sagen: Ich bin auch ganz gut ausgelastet. Mit Mitte, Ende Zwanzig sind da genug Pflänzchen, die gegossen und gepflegt werden müssen. Neue Menschen ins Leben zu lassen, ist komplizierter und mühseliger geworden.

Warum also nicht einfach in diesem Internet befreundet bleiben? Warum es nicht bei dem belassen, was es ist. Etwas zwischen loser Bekanntschaft und tiefgehender Freundschaft, das uns gut tut. Etwas, das die Lücke füllt zwischen Feierabend und dem neuen Film mit Kate Winslet um 21:30 Uhr, ohne sich wie ein Lückenbüßer anzufühlen. Etwas, das koexistieren kann, weil die Liebe zwischen zwei Menschen nicht nur unterschiedliche Formen, sondern auch unterschiedliche Medien in Anspruch nehmen kann. Ich freue mich jedes Mal, von Nina zu lesen.

Wer weiß, vielleicht schaffen wir es eines Tages ja doch.