Körnig, mit Staub und Kratzern: Diese Analogfotos zeigen Städte bei Nacht

Frankfurt, Berlin, Hongkong: Fotograf Anders Beulich fängt die besondere Stimmung der Nacht ein – und setzt dabei bewusst auf Analogfotografie.

Wenn die Sonne untergeht und Leuchtreklamen, Laternen und Autolichter die dunklen Straßen und Plätze erhellen, dann wechselt die Großstadt in den Nachtmodus. Es ist eine Stimmung, die den 29-jährigen Anders Beulich fasziniert und die er mit seiner analogen Kamera versucht einzufangen. Er sagt: „Mich beeindrucken die Farbspiele, die Reflexionen, die Dinge, die nachts passieren, die tagsüber niemals passieren würden.“

Weil er mit dem Sprühen von Graffiti aufhörte, suchte er nach einem neuen Hobby – und fand zur Fotografie. Das ist noch nicht mal zwei Jahre her. „Das Sprühen hat mir die Möglichkeit gegeben, die Stadt mit ganz anderen Augen zu sehen; zu Zeitpunkten, an denen andere längst schlafen; an Orten zu sein, die man sonst teilweise gar nicht erreichen würde.“ Mit der Fotografie erhoffte er sich, eine neue kreative Aktivität mit demselben urbanen Aspekt der Graffiti-Kunst verbinden zu können.

Ich will eine Sensibilität für Momente, an denen man sonst vielleicht einfach vorbeiläuft, schaffen.

Anders Beulich

Warum Anders analog fotografiert

Er entschied sich, eine Analogkamera zu kaufen – überwiegend aus finanziellen Gründen. Damals noch Student der Landschaftsarchitektur und Stadtplanung, sprengte eine digitale Spiegelreflexkamera das Budget. Er blieb bei der Analogfotografie. „Mich fasziniert der technische Aspekt“, sagt Anders. Seine Kameras funktionieren alle ohne Strom, es gibt keine Programmautomatik oder Belichtungsmesser, alles muss von Hand und intuitiv eingestellt werden. Auch das Foto kann man nicht direkt nach dem Drücken des Auslösers überprüfen und gegebenenfalls löschen und nochmal schießen.

Anders fotografiert Situationen in der Regel nur einmal. „Dadurch, dass eine Situation schnell wieder weg ist, muss das schnell passieren. Man muss eine Weile üben, die richtigen Kameraeinstellungen zu finden. Es gibt viele Rollen und Bilder, die nichts werden. Aber irgendwann muss man nicht mehr drüber nachdenken.“ Deutlich mehr Zeit, als für das Schießen eines Bildes, verbringt Anders damit, zu überlegen, wann er es veröffentlicht. Das passiert bislang ausschließlich auf Instagram. Ihm ist es wichtig, dass die Bilder und deren Farbstimmungen im Zusammenhang eine Gesamtstimmung erzeugen.

Screenshot: Instagram/@anders.be.u

Das ist auch der Hauptanspruch, den er an seine Fotografie hat: Sie soll die Atmosphäre oder die Emotionalität, die er in dem jeweiligen Moment verspürte, einfangen. „Ich will eine Sensibilität für Momente schaffen, an denen man sonst vielleicht einfach vorbeiläuft. Es geht mir nicht darum, die Realität eins zu eins abzubilden – sondern darum, den Moment, wie ich ihn erlebt habe, festzuhalten.“

Wir als Menschen sind nicht glatt, perfekt und durchdesignt.

Anders Beulich

Für die Stimmung sei das Analoge wichtig, erklärt er. „Meine Bilder leben davon, dass sie nicht perfekt sind. Dass sie nicht ideal belichtet und total körnig sind, teilweise Staub und Kratzer drauf sind. Für mich ist das viel echter, viel lebendiger. Wir als Menschen sind nicht glatt, perfekt und durchdesignt, so wie es manche digitalen Produkte suggerieren.“ Er vergleicht die Fotografien mit Erinnerungen: Auch die seien lückenhaft, schwammig – körnig, wie analoge Bilder auch. 

Die besondere Stimmung der Stadt bei Nacht

Einen besonderen Bezug hat der Stuttgarter zum urbanen Raum, der Großstadt. „Auch die Stadt um uns herum ist alles andere als perfekt – sie ist lebendig, angsteinflößend, komplex, undurchsichtig.“ Seit seiner Zeit als Sprayer löst es bei ihm ein Gefühl von Abenteuer aus, nach Sonnenuntergang durch die Straßen zu streunen. „Für mich ist eine Stadt nachts dann am eindrücklichsten, wenn sie lebendig ist. Das kann man über Stuttgart kaum sagen, aber definitiv über Berlin, Hongkong oder Tirana, der Hauptstadt Albaniens. Es inspiriert mich, zu sehen, wie eine Stadt nachts genutzt wird. Und wie sie sich dadurch ästhetisch verändert, dass nicht mehr die Sonne, sondern künstliches Licht die Hauptlichtquelle ist. Das hat einen immensen Einfluss auf die Atmosphäre.“

Nachts mit der Kamera unterwegs zu sein, fühle sich ähnlich an, wie damals die Suche nach einer guten Wand zum Sprayen. „Auf jeden Fall hab ich was zu tun“, lacht Anders. „Andere stellen sich an eine Straßenecke und rauchen. Ich rauche nicht, ich fotografiere.“


Mehr Fotos von Anders Beulich findet ihr auf Instagram.