Körper müssen nicht perfekt aussehen, um schön zu sein

Für seine Fotoserie Rock your Ugly porträtierte der Fotograf Waleed Shah unterschiedlichste Menschen. Seine Bilder zeigen, wie vielfältig Schönheit ist.

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Die Merkmale, die sich von der Norm unterscheiden, machen einen Menschen zu etwas Besonderem. Foto: Waleed Shah / Instagram

Der Fotograf Waleed Shah kennt das Gefühl, vor dem Spiegel zu stehen und den eigenen Körper kritisch zu betrachten. Dabei fragte er sich, ob es Menschen gibt, die mit ihrem Körper komplett zufrieden sind. Für seine Fotoserie #RockYourUgly sprach er mit unterschiedlichen Menschen über ihr Selbstbild, Schönheit und Unsicherheiten. Die Bilder wurden nicht retuschiert, außerdem tragen Shahs Models kein Make-up. Dem Fotografen war es wichtig, ein möglichst authentisches Bild der Personen einzufangen.

Joelle war noch kein Jahr alt, als sie zum ersten Mal am offenen Herzen operiert wurde. Es folgten weitere Operationen, von denen eine große Narbe auf ihrer Brust zeugt. Mit der Pubertät begann Joelle, sich für ihre Narbe zu schämen und verglich ihren Körper mit denen anderer Mädchen: „Ich wurde unsicher, weil die anderen Mädchen nicht diese hässliche Narbe hatten. Damals dachte ich, sie wäre hässlich.“ Doch als Joelle älter wurde, lernte sie, mit ihrer Narbe zu leben. Unter ihrem Herzfehler leidet sie jedoch bis heute: „Ich möchte mehr leisten können, aber körperlich ist das manchmal nicht möglich. Ich habe gelernt, meine Grenzen zu akzeptieren und auf meinen Körper zu hören.“

Seit Kurzem hat Azza ein Kind. Neben all den Veränderungen, die damit einhergingen, machte eine ihr anfangs besonders zu schaffen: Ihr Körper hatte sich durch die Schwangerschaft und die Geburt sehr verändert, sodass sie sich kaum wiedererkannte. Sie versuchte durch radikale Diäten abzunehmen und gefährdete damit ihre Gesundheit. „Letzten Monat habe ich realisiert, dass das alles nicht wichtig ist. Ich hörte mit den Diäten auf, trug meine weiten Klamotten und feiere die Tatsache, dass ich vor gerade mal vier Monaten ein Kind bekommen habe. Inzwischen esse ich, was immer ich möchte.“

Blähbäuche, vereint euch!

Nach dem Essen oder vor der Periode wölbt sich Danaes Bauch nach außen und wird hart wie ein Fußball. Doch obwohl sehr viele Menschen regelmäßig einen aufgeblähten Bauch haben, schämt sie sich dafür: „Ich fühle mich dadurch schwach, aufgedunsen und seltsam.“ Erst als Danae begann, Frauen auf Social Media zu folgen, die darüber sprachen, dass sie auch regelmäßig Bauchschmerzen und Blähungen hätten, lernte Danae, ihren Körper zu akzeptieren. Über ihr Foto sagt sie: „Hier ist ein bisschen Ehrlichkeit, ein bisschen Blähbauch und eine Erinnerung daran, dass du wunderschön bist. Lass uns das feiern, mit Bäuchen und allem!“

Als Kind hatte Lotus einen Unfall, bei dem ihr Arm stark verbrannte. Einige Jahre lang trug sie deswegen nur langärmlige Oberteile und Jacken, auch wenn es viel zu warm dafür war. An den Moment, in dem ihre Verbrennung sie das letzte Mal störte, kann sie sich noch gut erinnern. Lotus war zwölf und wollte wie gewöhnlich im Sommer mit einer Jacke rausgehen. Ihre Schwester erklärte, dass Lotus nur mit ihr und ihren Freund*innen spielen dürfe, wenn sie die Jacke zu Hause ließe. „Ich fühlte mich in dem Moment zwar unter Druck gesetzt, aber ich wusste auch, dass ich an der Seite meiner Schwester sicher war.“ Aus heutiger Sicht findet Lotus es lustig, wenn neue Freund*innen es schwierig finden, sie auf ihren Arm anzusprechen. „In Wirklichkeit ist mein Arm das, was mich am wenigsten stört. Vielleicht verschleiert das sogar die Tatsache, dass ich andere Unsicherheiten wegen meines Körpers habe.“

Rock your Ugly

„Wenn du deine Nase operieren würden, wärst du viel hübscher!“ Solche Kommentare bekam Maha immer wieder zu hören. Als Kind fühlte sie sich deswegen unsicher und wollte ihre Nase verstecken, bis sie in der siebten Klasse eine Folge der Tyra Banks Show sah. Der Titel der Folge war: Rock your Ugly. „Das bedeutet, dass man sich wegen seiner Besonderheiten nicht schämen soll.“ Genau die Merkmale, die sich von der Norm unterscheiden, machen einen Menschen zu etwas Besonderem: „Wenn wir versuchen, uns zu verändern oder unsere Eigenheiten zu verstecken, sehen wir am Ende alle gleich aus.“

Hassan traute sich jahrelang nicht, am Strand oder am Pool sein T-Shirt auszuziehen. Er fühlte sich unwohl und hatte das Gefühl, die Leute würden ihn anstarren oder sich über ihn lustig machen. Erst als er sich klarmachte, dass den meisten Menschen ganz egal war, ob er ein Oberteil trug oder nicht, fing er an, sich mit seinem Körper anzufreunden: „Inzwischen liebe ich es, an den Strand und Pool zu gehen. Ich möchte damit ein positives Beispiel für andere Plus-Size-Menschen setzen.“

Saskia hasst ihre Nase

Zu Schulzeiten wurde Saskia gemobbt. Ihre Mitschüler*innen zogen sie auf, stahlen ihre Hausaufgaben und machten sich über ihre Nase lustig. Das Mobbing hielt über Jahre an und sorgte dafür, dass Saskia sich bis heute unwohl mit ihrem Äußeren fühlt. Jahrelang war sie besessen von dem Gedanken, sich die Nase operieren zu lassen: „Wenn dir Menschen über Jahre sagen, dass du hässlich bist, bleiben diese Gedanken in deinem Kopf und lassen sich nicht einfach auslöschen.“

Über die Jahre entwickelte Saskia eine Depression, die dafür sorgte, dass sie monatelang wie hinter einem grauen Schleier lebte. Erst mit der Hilfe einer Therapeutin lernte sie, mit ihrer Depression umzugehen. „Meine Depression ist noch immer da. Das wird sie wohl auch immer sein. Aber ich weiß jetzt, wie ich damit umgehen kann, wenn sich diese dunkle Wolke wieder in meine Gedanken schiebt.“ An ihrem Selbstwertgefühl arbeitet Saskia noch. Wenn sie das Geld dazu hätte, könnte sie sich auch noch immer vorstellen, ihre Nase operieren zu lassen: „Ich weiß, dass eine neue Nase mich nicht zu einer besseren Person machen würde. Aber sie würde mich auf jeden Fall glücklicher machen und mein Selbstbewusstsein stärken.“