Koloniale Völkerschauen: „Es war und ist der rassistische Blick auf nicht-weiße Menschen“

In Völkerschauen wurden nicht-europäische Menschen vor Publikum ausgestellt. Es ist ein oft vergessenes Kapitel deutscher Kolonialgeschichte, dessen Spuren heute noch sichtbar sind.

Kolonialismus-Deutschland-Völkerschauen

Still, aber wirksam hat Kwelle Ndumbe mit einem Opernglas gegen seine Behandlung in der Kolonialausstellung in Berlin 1896 rebelliert. Zeichnung: Lena Ziyal / Museum Treptow | Bearbeitung: Elif Küçük

Eines Tages beschließt er, zurückzustarren. Kwelle Ndumbe legt sich ein Opernglas zu. Er setzt sich auf einen Stuhl und beobachtet durch die Gläser wochenlang die Menschen, die gekommen sind, um ihn anzuschauen.

Das war im Sommer 1896: In Berlin fand die erste deutsche Kolonialausstellung statt. Über 168 Tage strömten rund zwei Millionen Besucher*innen in den Treptower Park im Südosten der Stadt, um Kwelle Ndumbe aus Kamerun und 105 andere Kinder, Frauen und Männer zu begaffen – Menschen, die aus deutschen Kolonien in Afrika und Ozeanien nach Deutschland geschifft wurden; etwa aus Kamerun, Togo, Tansania, Burundi, Ruanda und Papua-Neuguinea.

Ihre Namen waren Petrus Jod, Hazina, Yondra, Friedrich Maharero oder Salim bin Faraja. Im Katalog der Kolonialausstellung waren sie neben geraubten Kunstwerken und Artefakten als Ausstellungsobjekte aufgelistet.

„Die Ausstellungsmacher haben vorgegeben, was zu welcher Zeit auf der Kolonialausstellung stattfinden sollte: Um 12 Uhr musste in dem einen Dorf das Mittagessen zubereitet, um 18 Uhr in dem anderen Dorf getanzt werden. Es war ein Drehbuch der Weißen, an das sich die Schwarzen Teilnehmerinnen und Teilnehmer halten mussten“, erzählt Matthias Wiedebusch. Er ist heute Kurator am Bezirksmuseum in Treptow. Seit Oktober 2017 gibt es hier die erste bundesweite Dauerausstellung zur Geschichte von Kolonialismus, Rassismus und Widerstand. Der stille, aber wirksame Weg der Rebellion, den Kwelle Ndumbe und später auch andere Teilnehmer*innen dieser sogenannten Völkerschauen wählten, hat der Ausstellung in Treptow den Namen gegeben: zurückgeschaut.

Imagepflege gegen Kolonialverbrechen

Entstanden ist sie in Kooperation mit Organisationen, die sich seit Jahrzehnten dafür einsetzen, deutsche Kolonialgeschichte sichtbar zu machen: der Verein Berlin Postkolonial und die Initiative Schwarze Menschen in Deutschland (ISD). „Deutschland hat sich seit über 100 Jahren nicht mit dieser Geschichte beschäftigt. Langsam fängt es an: an Universitäten, in Sammlungen und Museen. Wir werden oft gefragt, was wir von den Projekten halten, aber meist erst dannwenn sie eingetütet sind“, sagt Tahir Della von der ISD. Diesmal war es anders: Die Aktivist*innen und das Bezirksmuseum konzipierten und kuratierten gemeinsam. Tahir Della schlendert an diesem Septembertag neben Matthias Wiedebusch den hellen Flur entlang, von dem drei Ausstellungsräume abzweigen. Sie befinden sich im zweiten Stockwerk des Rathauses in einem unscheinbaren Wohnviertel. Draußen prasselt der Regen gegen die Fassade des Gebäudes, das so grau ist wie der Himmel.

In den zwölf Jahren deutscher Kolonialherrschaft nach der Berliner Konferenz waren systematisch verübte Verbrechen bekannt geworden: Hinrichtungen, Versklavung und Vergewaltigungen.

Die deutsche Kolonialgeschichte nahm ihren Anfang vor über 330 Jahren: Zwischen 1683 und 1717 war ein Küstenstreifen im heutigen Ghana als kurbrandenburgische Kolonie eingenommen worden, die Groß Friedrichsburg genannt wurde. 1884 teilten die europäischen Großmächte auf der sogenannten Berliner Konferenz den afrikanischen Kontinent untereinander auf, ohne dass afrikanische Teilnehmende anwesend waren. Deutschland beanspruchte Namibia (damals Deutsch-Südwestafrika), Kamerun und Togo (Westafrika), Tansania, Burundi und Ruanda (Deutsch-Ostafrika), den nördlichen Teil des heutigen Papua-Neuguinea sowie die Marshall-Inseln im Pazifik für sich. Später kamen noch der pazifische Inselstaat Nauru, Samoa, Kiautschou in Nordostchina, die Karolinen, Palau und Mariannen im Westpazifik dazu.

Völkerschau Treptow
Die Aufnahme zeigt das Dorf Tarawai am Südufer des Karpfenteiches des Treptower Parks. Hier sollten acht Tolai aus der Region Raluana in der ehemaligen Kolonie Deutsch-Neuguinea (heute Papua-Neuguinea) ihr Leben darstellen. Text und Bild: Museum Treptow

In den zwölf Jahren deutscher Kolonialherrschaft nach der Berliner Konferenz wurden systematisch verübte Verbrechen bekannt: Hinrichtungen, Versklavung und Vergewaltigungen. Der Völkermord an den Herero und Nama in Namibia, den Deutschland bis heute nicht offiziell anerkennt, sollte in den Jahren 1904 bis 1908 folgen.

Auf der Kolonialausstellung im Sommer 1896 wollte Deutschland sich als sogenannte junge Kolonialmacht inszenieren. „Im Treptower Park haben sich über 300 Unternehmen präsentiert, die massiv von der Ausbeutung in den Kolonien profitiert haben“, berichtet Matthias Wiedebusch, „Das sind Unternehmen, die größtenteils heute noch existieren: darunter Bahlsen und die Deutsche Bank.“ Der frühere Reichskanzler Fürst Otto von Bismarck hatte sich neben diesem kommerziellen Teil der Schau für einen sogenannten ethnologischen Teil ausgesprochen, um ein größeres Publikum anzuziehen. Man schaffte Originalteile aus afrikanischen Dörfern nach Deutschland. Sie wurden nie zurückgegeben.

Aber möglichst exotisch

Vor dieser Kulisse sollten nun Kwelle Ndumbe, Petrus Jod, Hazina und die anderen über fünf Monate lang tanzen, trommeln, kochen, Krieg spielen und handwerkliche Tätigkeiten ausführen – Aktivitäten, die möglichst exotisch wirken sollten und die die weißen Ausstellungsmacher als vermeintlich authentisches Leben in Afrika präsentierten.

Museum Treptow
Die Ausstellung zurückgeschaut im Museum Treptow mit Porträts der Teilnehmenden der Völkerschau von 1896. Foto: Museum Treptow

Die meisten Teilnehmenden der Völkerschau in Treptow waren dabei wohlhabend, gut ausgebildet und aus mächtigen Familien. Sie waren freiwillig nach Deutschland gekommen, um etwa diplomatische Beziehungen zu knüpfen. Die Porträtfotos, die dem ehemaligen Katalog der Kolonialausstellung entnommen sind, umsäumen im Museum Treptow einen der Ausstellungsräume. Der Anthropologe Felix von Luschan hat sie aufgenommen. Seine Bilder zeigen die meisten Männer in ihrer üblichen Kleidung: in Hemd und Frack. Kwelle Ndumbe und die übrigen Kameruner hatten sich geweigert, in der für von Luschan vermeintlich traditionell afrikanischen Tracht fotografiert zu werden. 

Von Luschan nahm Schädelmessungen an den Teilnehmenden vor, auch hatte er sich das Recht auf die Obduktion der Toten gesichert. Viele waren bei ihrer Ankunft in Berlin schwer krank, weil sie die dreiwöchige Überfahrt von Afrika nach Europa bei Sturm und Regen auf dem Deck eines Schiffs hatten verbringen müssen. Drei der Teilnehmenden der Kolonialausstellung starben. Man begrub vermutlich leere Särge.

Schwarze Menschen wurden degradiert. Man wollte sie als die vermeintlich Primitiven darstellen, die angeblich missioniert werden mussten.

Tahir Della, Initiative Schwarze Menschen in Deutschland

Tahir Della von der Initiative Schwarze Menschen in Deutschland sagt: „Es war und ist der rassistische Blick auf nicht-weiße Menschen, wie sie nach der Vorstellung von Europäer*innen auszusehen haben. Die Darstellung auf den Völkerschauen zeigt, dass

Teilnehmende der Völkerschauen
Die Gruppe der Herero und Nama auf der ersten Deutschen Kolonialausstellung. Es wurde von den Herero nach der Ausstellung nach Oganjira mitgenommen. Während des Völkermordes an den Herero und Nama geriet das Foto bei Plünderungen in die Hände von Deutschen. Es wurde 1907 in Theodor Leutweins Buch „11 Jahre Gouverneur in Deutsch-Südwestafrika“ veröffentlicht. Text und Bild: Museum Treptow

sie nicht losgelöst von rassistischen Konzepten zu denken sind. Schwarze Menschen wurden degradiert. Man wollte sie als die vermeintlich Primitiven darstellen, die angeblich missioniert werden mussten. Man hat ihnen alles abgesprochen, was man sich selbst zusprach: kultiviert und zivilisiert zu sein. Denn die Europäer*innen hätten die Vernichtung ganzer Kulturen nicht rechtfertigen können, wenn sie nicht deutlich gemacht hätten: Die sind anders als wir.“

Warum wir über Kolonialismus sprechen müssen

An einem lauen Spätsommerabend sitzt die Journalistin Alice Hasters auf der Bank einer Kreuzberger Kneipe, in den Augen ein Schimmer von aufgeregter Müdigkeit. Mitte September erscheint ihr erstes Buch: Was weiße Menschen nicht über Rassismus hören wollen: aber wissen sollten. Darin wendet sie sich auch dem Thema der Völkerschauen zu. Ein Satz aus dem Kapitel lautet: „Die Geschichte von Schwarzen Menschen – egal ob alte oder neue – wird in vielen Köpfen abgewertet.“ Was meint sie damit?

Ohne den Blick in die Kolonialgeschichte fehlt ein massives Element, um zu verstehen, warum die Welt so ist, wie sie ist, und welche Rolle Rassismus dabei spielt.

Alice Hasters, Autorin

„Man merkt es ja schon daran, welchen Raum die deutsche Kolonialgeschichte im Schulunterricht einnimmt: fast keinen. Die Aufgabe, sich aktiv damit zu beschäftigen, dass es diese Verbrechen gab und gibt, und sie zu einem Teil der europäischen Identität zu machen, wird nicht ernst genommen“, sagt Hasters: „Wir lernen von klein auf, die Welt so zu beschreiben: Da, wo Schwarze Leute leben, sind alle arm. Da, wo weiße Leute leben, sind alle reich. Ohne den Blick in die Kolonialgeschichte fehlt jedoch ein massives Element, um zu verstehen, warum die Welt so ist, wie sie ist, und welche Rolle Rassismus dabei spielt. Im Unterton liegt immer die Annahme, dass Europa einfach zivilisierter ist als andere Teile der Welt. Den Rest reimt man sich irgendwie zusammen.“

Ein schwer bewaffneter Mann im Berliner Zoo

Ortswechsel: Charlottenburg im Berliner Westen an einem Sommertag im Juni. Menschen schwitzen, Autos glühen, Hähnchen brutzeln im Schaufenster einer Imbisskette. Vom Bahnhof Zoologischer Garten sind es zwei Minuten Gehweg zum vermeintlich grünen Idyll auf 33 Hektar: der Berliner Zoo. Drinnen haben sich drei Elefanten unter einem kleinen Vordach ihres Geheges zusammengepfercht, sie suchen offensichtlich Schutz vor der Sonne. Eine Frau mit einer massigen Sonnenbrille lacht auf, ihr Lachen geht in ein bedauerndes Glucksen über. Der Pfleger der Elefanten erzählt Umherstehenden währenddessen, dass der Zoo in einen asiatischen und einen afrikanischen Teil geteilt sei.

Bis 1952 wurden im Zoologischen Garten Berlin mindestens 25 nicht-europäische Menschengruppen vorgeführt.

Im Zentrum des Zoos steht das sogenannte Antilopenhaus. Es ist ein sandfarbenes Gebäude, goldene und blaue Formen verzieren die Fassade, auf dem Dach ragen auf vier Türmen die Spitzen von kleinen Kuppeln in den Himmel. Über der Türe hinter dem Säuleneingang prangt eine meterhohe Illustration auf Kacheln nach einem Gemälde des deutschen Malers Paul Meyerheim. Ein schwer bewaffneter Mann mit dunkelbrauner Hautfarbe ist darauf im Vordergrund zu sehen. Er reitet ein aufgescheuchtes Pferd, spreizt die Zehen der großen Füße, trägt lediglich ein weißes Tuch um die Hüfte des muskulösen Körpers. In der Hand hebt er einen Speer, dessen Spitze auf ein flüchtendes Tier zielt.

Drinnen, im Antilopenhaus, stelle man sich mit einer Ausstellung einer „schwierigen und längst überfälligen Aufgabe“, verspricht die Webseite des Berliner Zoos: der Blick in die eigene Vergangenheit. Informationstexte auf roten Kuben bilden chronologisch die Geschichte des Zoologischen Gartens ab: die Eröffnung im Jahre 1844 und die Expansion Anfang des 20. Jahrhunderts, später die Propaganda für den Nationalsozialismus. Immer wieder taucht ein Name auf: Carl Hagenbeck, Hamburger Zoodirektor, der zeitweilig in der Hauptstadt mit einem eigenen Tierpark dem Berliner Zoo Konkurrenz machen wollte.

Hagenbeck gilt heute immer noch als bedeutender Tierhändler, Zoodirektor und Revolutionär seines Metiers. Viele der Menschen, die er ausstellte, starben während der Rundreisen durch Europa.

Carl Hagenbeck ist ein Name, der auch immer wieder in Berichten zu Völkerschauen auftaucht. Kaum jemand hatte sie so aggressiv betrieben wie er. Dem Berliner Zoo vermittelte Hagenbeck 1881 eine Gruppe von indigenen Menschen aus dem heutigen Chile. In einem Brief vorab riet er, die Gruppe als „Menschenfresser“ zu bewerben. Dies habe ihm bei einer Völkerschau in Paris großen Erfolg eingebracht. Hagenbeck gilt heute immer noch als bedeutender Tierhändler, Zoodirektor und Revolutionär seines Metiers. Viele der Menschen, die er ausstellte, starben während der Rundreisen durch Europa.

Völkerschauen – eine Geschichte ohne Zeitzeug*innen?

Wie können blinde Flecken in dieser Epoche der deutschen Geschichte ausgefüllt werden, wenn sie sich tief in die Textur unserer Erinnerung fressen? Wie findet man eine neue Sprache, wenn die für die Erzählung verfügbaren historischen Dokumente hauptsächlich die der weißen Kolonialisierenden sind?

Diese Fragen schweben auch über der Recherche für diesen Text. Stimmen, die maßgeblich wären, sind verstummt. Die Suche nach Zeitzeug*innen der Völkerschauen und deren Nachfahren ist vergeblich, Anfragen laufen ins Leere. Auf die Frage, ob sie die Möglichkeit hattenmit den Kindern und Enkelkindern der Kolonialausstellung-Teilnehmer*innen in Kontakt zu treten, schüttelt Matthias Wiedebusch vom Museum Treptow den Kopf: „Ne.“ Die Spuren hätten sich verloren

Einer, der viel über diese Zeit erzählt hat, ist der Schauspieler, Beamte und Autor Theodor Wonja Michael. Seine Mutter kam aus Preußen, der Vater Theophilus Wonja Michael war 1879, fünf Jahre vor Beginn der deutschen Kolonialherrschaft, in Kamerun geboren. Er kam vermutlich 1903 nach Berlin, wo 1925 Theodor geboren wurde. Er erlebte die Weimarer Republik, den Nationalsozialismus, die Wende, die Gründung der ersten afrodeutschen Initiativen. Und er erlebte als Teilnehmer die Völkerschauen. Theodor Wonja Michael ist heute 94 Jahre alt. Sein gesundheitlicher Zustand erlaubt es ihm nicht, in die Öffentlichkeit zu gehen. Er hat jedoch seine Erinnerungen in einem Buch niedergeschrieben: Deutsch Sein und Schwarz dazu, heißt es.

Darin erzählt er: „Nach dem verlorenen Ersten Weltkrieg musste ein Drittel des ehemaligen Reichsgebiets an Nachbarländer abgetreten werden, und auch die Kolonien waren für Deutschland verloren.  […]  Es entstand eine allgemeine afrikanerfeindliche Stimmung, die auch die ‚deutschen‘ Afrikaner und ihre Familien zu spüren bekamen. 

Er [mein Vater] musste schließlich vier Kinder ernähren. Und so kam er mit seinem Anhang in der Völkerschau des Zirkus Hofmüller unter, der mit einer bunten Schar exotisch aussehender Musiker, Tänzer und Artisten durch Deutschland tingelte. Jeder Vier-Masten-Zirkus, der etwas auf sich hielt, schaffte sich damals eine Völkerschau an. Sie sprossen wie Pilze aus dem Boden. Personal dafür gab es genügend. Für die deutschen Afrikaner war dies neben der Komparserie beim Stummfilm eine der wenigen Verdienstmöglichkeiten, da ihnen ja nun sogenannte ‚bürgerliche‘ Berufe verschlossen blieben. In diesen Völkerschauen sollten sie das sein, was sich die Menschen in Europa in den Zwanziger- und Dreißigerjahren des vergangenen Jahrhunderts unter ‚Afrikanern‘ vorstellten, ungebildete, mit Baströckchen bekleidete, kulturlose ‚Wilde‘.“

Unterhaltungsindustrie und Alltagsrassismus in der Tradition der Völkerschauen

Dass die Völkerschauen gerade in der Zeit boomten, als die deutsche Wirtschaft ruiniert war und das Identitätsgefühl nach dem Ersten Weltkrieg schwankte, ist für die Autorin Alice Hasters kein Zufall: „Es hat Menschen offenbar beruhigt, in Völkerschauen zu gehen und zu denken: ‚Wir sind zwar arm dran und ganz Europa hasst uns, aber zumindest sind wir besser als die Afrikaner‘.“

Theodor Wonja Michael schreibt dazu in seinem Buch von 2013: Schon sehr früh begann ich, diese Völkerschauen und meine Mitwirkung dabei gründlich zu hassen. Wo ich ging und stand, wurde ich begafft, wildfremde Leute fuhren mir mit den Finger durch die Haare, rochen an mir, ob ich echt sei, sprachen in gebrochenem Deutsch und in Zeichensprache mit mir, in der Annahme, ich würde sie nicht verstehen.

White Gaze nennt sich der Begriff aus der Medienwissenschaft, der den historisch internalisierten rassistischen Blick auf nicht-weiße Menschen und ihre Körper beschreibt.

Die Autorin Alice Hasters. Foto: H. Henkensiefken / www.pixxwerk.de

Auch im Alltag macht er sich für Alice Hasters bemerkbar: „Schwarze Menschen thematisieren immer wieder die Übergriffigkeit, mit der sie konfrontiert sind. Leute meinen etwa, es sei okay, wenn sie mich einfach berühren, mir über die Haut streichen, weil sie angeblich wissen wollen, wie ich mich anfühle, mir in die Haare fassen, als müsste ich accessible, also zugänglich für ihre Neugierde sein – wie ein Tier eben.“

Die Tradition der Völkerschauen erkenne sie aber auch in der Entertainmentindustrie, darin, wie etwa Schwarze Menschen für die Unterhaltung weißer Menschen herhalten müssten. „Wir sollten uns die Frage stellen, welche Rollen Schwarzen Menschen in Filmen und Serien zugewiesen werden. Es ist doch zum Beispiel bezeichnend, dass das Musical, in dem es hauptsächlich einen Schwarzen Cast gibt, von Tieren handelt: König der Löwen.“ Es sei zwar nicht zu vermeiden, doch ihr sei es außerdem oft unangenehm, wie weiße Massen Schwarze Sportler*innen als Spektakel feiern würden: „Schau, wie schnell sie rennen! Schau, wie hoch sie springen!“

„Wir brauchen Menschen mit anderen Sehgewohnheiten“

Natasha A. Kelly
Die Künstlerin und Wissenschaftlerin Natasha A. Kelly. Foto: Thabo Thindi

Gibt es eine Hierarchisierung der Wahrnehmung und wie können wir Sehgewohnheiten ändern? Mit diesen Fragen beschäftigt sich die Berliner Künstlerin und Wissenschaftlerin Natasha A. Kelly: „Die Kunstgeschichte hat sich noch nicht geöffnet für die postkoloniale Forschung. Wenn es um Ästhetik oder Intelligenz geht, werden uns diese Fähigkeiten abgesprochen“, sagt sie. Schwarze Menschen würden in der Öffentlichkeit meistens auf ihre Körperlichkeit reduziert werden: auf Sport oder Musik.

Wir brauchen in der Wissenschaft und in der Kunst Menschen mit anderen Sehgewohnheiten.

Natasha A. Kelly, Künstlerin und Wissenschaftlerin

In ihrer Arbeit müsse sie oft erst einmal beweisen, dass der weiße Blick auf Schwarze und Menschen of Color rassifiziert sei, sagt Natasha A. Kelly. Selten bleibe dann Raum, um in die Tiefe zugehen, Details zu benennen, etwa beim Thema Colorism: Je dunkler die Haut eines Menschen sei, desto mehr strukturelle Ausschlüsse erfahre er, so Natasha A. Kelly. „Wir müssen mit den traditionellen Blicken brechen“, fordert sie. In der Wissenschaft könne man etwa nicht erwarten, dass weiße Menschen ihren eigenen blinden Fleck erkennen würden: „Wir brauchen in der Wissenschaft und in der Kunst Menschen mit anderen Sehgewohnheiten.“

Kwelle Ndumbe hat 1896 den Blick gebrochen, in dem er ihn erwiderte. Auch Yondra hat sich ihm entzogen: Das Porträt der jungen Frau hängt ebenfalls im Museum Treptow. Doch im Gegensatz zu den Fotos der anderen Teilnehmenden der Kolonialausstellung zielen ihre Augen an der Kamera vorbei, der Blick ist unnahbar, das Kinn auflehnend.

Yondra Kolonialausstellung Treptow
Yondra. Bild: Museum Treptow

Andere haben sich gänzlich geweigert, fotografiert zu werden. Ihre Abbildungen sind zwar weiß geblieben, doch ihre Namen und Geschichten haben in der Sammlung neben den anderen Porträts ihren Platz eingenommen.