Kontaktabbruch in der Familie: Dieser Personensuchdienst hilft bei der Annäherung

Wenn Menschen jahrelang in einer Beziehung leiden, treffen manche einen extremen Entschluss: Sie brechen den Kontakt komplett ab und beginnen ein neues Leben. Der Personensuchdienst von Susanne Panter hilft bei der Annäherung. Ein Interview

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Ein Personensuchdienst hilft dabei, unter anderem Familien wieder zusammenzuführen. Foto: Baylee Gramling / Unsplash | CC0

Susanne Panter sucht beruflich Menschen. In den Unterlagen von Meldeämtern, Gerichten, in Scheidungs- und Adoptionsunterlagen, in Archiven oder auch vor Ort. Etwa ein Viertel ihrer Aufträge führen Panter ins Ausland, vor allem um ehemals in Deutschland stationierte Soldaten und Gastarbeiter-Väter aufzuspüren. „Sobald jemand seine Meldekette unterbricht, indem er kurz ins Ausland umzieht und wieder zurück, wird es schwieriger, ihn zu finden“, sagt Panter. „Aber spurlos zu verschwinden, ist nahezu unmöglich.“

Seit 20 Jahren betreibt Panter den privaten Personensuchdienst Wiedersehen macht Freude, zunächst mit Sitz in Berlin, heute mit dem Schwerpunkt Herkunftsberatung in Frankfurt am Main. Inzwischen haben sie und ihr Team nach eigenen Angaben mehr als 4.000 Menschen für ihre Klient*innen ausfindig gemacht. Schulfreund*innen ebenso wie ehemalige Liebhaber*innen, vor allem aber Familienangehörige. Am häufigsten wird Panter von Klient*innen eingeschaltet, um Angehörige zu finden, die durch Adoption oder Scheidung noch völlig unbekannt sind. Oft haben Mütter den Kontakt zu Vätern der Kinder bewusst abgebrochen.

Es gibt keine Statistiken zu Kontaktabbrüchen in Familien. Aber Panters Arbeit zeigt: Sie ereignen sich häufig – und sowohl für die Verlassenen als auch für die Abbrecher*innen sind sie gleichermaßen seelisch schmerzend. In der Regel sind Kontaktabbrüche das Ergebnis jahrelanger Streitigkeiten und Unzufriedenheit. Abbrecher*innen werden von ihrer Familie fortlaufend schwer gekränkt oder sogar misshandelt oder sie können in einer Beziehung nicht die sein, die sie sein wollen. Schließlich sehen sie keine andere Möglichkeit, den Strukturen zu entkommen, als sich komplett daraus zurückzuziehen. Weil sie den Kontakt häufig ohne weitere Erklärung beenden, quälen sich die Verlassenen mit der Frage nach dem Warum.

Susanne Panter landet bei ihrem Job häufig in einer Doppelrolle: Nicht nur soll sie Kontaktabbrecher*innen wiederfinden, sie muss auch zwischen den Parteien vermitteln und seelische Arbeit leisten. Im August erscheint das Buch Aus den Augen, doch im Herzen, in dem sie ausführlich Einblick in ihren Berufsalltag und verschiedene Fälle gibt. Im Interview hat Panter uns erzählt, an welche Regeln sie sich bei ihrer Arbeit hält und wie die Zusammenführung von Familienmitgliedern nach einem Kontaktabbruch verläuft.

ze.tt: Frau Panter, übernehmen Sie jeden Auftrag oder sagen Sie auch mal: Nein, das geht nicht?

Susanne Panter: Tatsächlich habe ich das genau in dem O-Ton vor Kurzem gesagt. Wenn es so ist, dass die gesuchte Person nicht kontaktiert werden möchte, das unserem potentiellen Klienten bereits mitgeteilt hat und wir als Agentur instrumentalisiert werden, noch einmal nachzubohren – dann sage ich den Auftrag ab. Anstatt noch mal jemanden Dritten loszuschicken, müssen diese Klienten dann leider einsehen, dass eine Kontaktaufnahme nicht möglich ist. Diese Fälle kommen allerdings sehr selten vor.

Dennoch: Die Gefahr besteht immer, dass Menschen, die bewusst einen Kontaktabbruch vollzogen haben, nicht wieder kontaktiert werden wollen. Wie sensibilisieren Sie ihre Klient*innen dafür?

Ich führe mit jedem Klienten ein persönliches Vorgespräch, das etwa anderthalb Stunden dauert. Dabei weise ich auf die Risiken und Nebenwirkungen hin. Auch dann, wenn kein bewusster Kontaktabbruch vollzogen wurde. Manche Menschen wollen womöglich Kontakt, aber können ihn aufgrund ihrer Lebenssituation nicht herstellen. In einem Fall hat sich beispielsweise herausgestellt, dass ein Mann eine Affäre hatte und ein Kind gezeugt hat, während sich seine Frau in Italien um die Hochzeitsvorbereitungen gekümmert hat. Das Kind hat uns Jahre später beauftragt, den Vater ausfindig zu machen. Wir haben dann herausbekommen: Er ist heute über 80, ist immer noch mit der Frau verheiratet und wird von ihr gepflegt. Da greifen die sogenannten schutzwürdigen Belange der Betroffenen: Wenn in einer solchen Konstellation der Betrug von damals auffliegt, besteht die Gefahr, dass die Frau, die ihn heute pflegt, sich scheiden lässt, was schwere gesundheitliche Auswirkungen auf den Mann haben könnte. In dem Fall muss die Entscheidung so akzeptiert werden. Für so eine Situation zeigen unsere Klienten in der Regel auch Verständnis. Oft ist es dann der nächste Schritt, das Ergebnis dann therapeutisch zu bearbeiten, um sich mit dem Thema zu versöhnen.

Ob bewusst vollzogen oder nicht: Kontaktabbrüche sind höchst dramatisch sowohl für die Verlassenen als auch die Abbrecher*innen. Wie gehen Sie mit den womöglich überbordenden Emotionen um?

So emotional stellt sich das oft gar nicht dar. Ich bin bei dem Thema aber auch sehr unemotional beziehungsweise realistisch. Ich vermittle klar: Es besteht immer die Möglichkeit, dass die gesuchte Person keinen Kontakt haben kann oder haben möchte. Und ich erkläre auch, dass der Klient zu dem Schluss kommen könnte, dass er die gesuchte Person, wenn sie dann gefunden ist, gar nicht in seinem Leben haben möchte. Es gibt durchaus Fälle, in denen der Kontakt nach einer Weile wieder abebbt. Manche Klienten sagen: Okay, das war jetzt nett zu sehen, wer die Eltern sind, die ich nie kennengelernt habe – aber das ist nicht der Umgang, den ich in meinem Alltag haben möchte.

Wenn Sie eine gesuchte Person finden – wie geht es dann weiter?

Zuallererst nehme ich mit meinen Klienten Kontakt auf. Es soll nichts über ihren Kopf hinweg geschehen. Sie haben als Kind schon genug erlebt, dass sie nicht über ihr Leben beziehungsweise darüber, wer ihre Eltern sind, bestimmen dürfen. Meist wird dann ein Brief von mir verfasst, den ich meinem Klienten aber erst zur Freigabe vorlege. Ich nutze bei kritischen Briefen in der Regel die Methode der gewaltfreien Kommunikation. Es geht mir darum, allparteilich zwischen den Beteiligten zu vermitteln. Der Brief wird in einem dicken Büttenpapierumschlag verschickt, der handschriftlich adressiert wird. Er soll direkt den Eindruck vermitteln, dass es sich hier nicht um Werbung handelt, sondern dass es um ein wichtiges Thema geht. Und dann rufen die gesuchten Personen mich in der Regel an. Ich empfehle meinen Klienten, sich eine extra E-Mail-Adresse und vielleicht sogar eine extra Handynummer für den Kontakt mit der gesuchten Person einzurichten. Die Klienten sollen steuern können, wie schnell oder wie intensiv sie den Kontakt sich entwickeln lassen möchten.

Sind die meisten Gesuchten denn offen für eine Kontaktaufnahme?

Es gibt Gesuchte, die den Kontakt abgebrochen haben und wirklich keinen mehr wollen. Wenn es gute Gründe gibt, den Kontakt abzulehnen, gebe ich auch schon mal Tipps, wie jemand eine Auskunftssperre für sich einrichten lassen kann.

Sind Sie am Wiedersehen auch noch beteiligt?

Wenn das individuell gewünscht ist, vereinbaren wir ein Treffen zwischen Suchendem und Gesuchtem bei uns in Frankfurt. Ich bin ausgebildete Mediatorin und kann vermitteln. Das ist aber in der Regel nicht notwendig, die Parteien sind meist sehr eigenständig. Es kommt aber immer wieder vor, dass sich Beteiligte melden, um das Wiedersehen zu verarbeiten. Ich bin keine Therapeutin, aber ich habe schon ein offenes Ohr, wenn es knirscht. Bei einem Fall hat ein Vater seine Tochter gesucht, die aber komplett zugemacht hat. Ich musste einerseits den Vater trösten und andererseits die Tochter informieren, wie sie eine Kontaktsperre erreichen kann. So etwas kann anstrengend sein. Aber wenn ich eine Suche anfange, dann bin ich in der Verantwortung, die Geschichte abzuschließen.

Gibt es auch Geschichten, die sich nicht abschließen lassen?

Gestern erst hat sich ein Klient mit einem sehr rätselhaften Fall wieder bei mir gemeldet. Der Mann sucht seine Schwester, die angeblich zur Adoption freigegeben worden sein soll. Doch die Geburt dieser Schwester ist nirgendwo verzeichnet. Das hat mich an einen früheren Fall erinnert, bei dem herausgekommen ist, dass das Kind ermordet worden ist. Sowas geht mir lange nach. Aber bei Kontaktabbrüchen bin ich sehr pragmatisch: Auch wenn es kein Wiedersehen gibt, weil der Gesuchte den Kontakt einfach nicht möchte, dann ist das so. Dann hat der Gesuchte in der Regel seine Gründe. Das Ergebnis ist dann, Klarheit zu bekommen. Und es kann manchmal auch nützlich sein, sich mit den Gründen auseinanderzusetzen und es akzeptieren zu lernen.


Mehr zum Thema Kontaktabbruch bei ze.tt

Die Beziehung zwischen Kind und Eltern ist die engste unseres Lebens. Warum bricht sie manchmal und wie gehen Betroffene damit um? In der sechsteiligen Serie Ohne meine Eltern sind wir dieser Frage nachgegangen. Unter dem Kontaktabbruch leiden beide Seiten. Wir konzentrieren uns in der Serie allerdings auf die Sicht der Kinder. Hier findest du eine Übersicht aller Beiträge.

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