Krankenschwester schreibt wütenden Brief an Jens Spahn

Jana Langer glaubt nicht, dass der neue Gesundheitsminister Jens Spahn die Probleme im Gesundheitssystem versteht. Die Krankenschwester verfasste nun einen offenen Brief.

Krankenschwester schreibt wütenden Brief an Jens Spahn

Krankenpflegerin Jana Langer beschreibt in einem offenen Brief, wie menschenunwürdig ihre Arbeit ist. Quelle: Pixabay | CC0

Hartz IV bedeute nicht Armut, sondern sei „die Antwort unserer Solidargemeinschaft auf Armut“. Frauenrechtler*innen würden sich „mehr um Tiere kümmern als um ungeborenes menschliches Leben“. Und die Zweiklassenbehandlung in Arztpraxen könnte man umgehen, „indem man einfach nicht immer gleich zu Ärzt*innen rennt“.

Mit solchen und ähnlichen Aussagen sorgt Jens Spahn immer wieder für Aufsehen. Jens Spahn und das deutsche Gesundheitswesen, Jens Spahn und Empathie, Jens Spahn und soziale Gerechtigkeit – Dinge, die nicht gut zusammenpassen, wie es scheint. Warum wird so jemand ausgerechnet Gesundheitsminister und soll die Wunden dieses Systems heilen?

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Das fragte sich etwa Jana Langer. „Bevor mir der Kragen platzt“, so schreibt sie in einer Nachricht an den CDU-Politiker, „bekommt erst mal Herr Spahn einen Brief“. Die Krankenschwester mit mehr als 20 Jahren Berufserfahrung veröffentlichte ihren offenen Brief auf Facebook, bevor sie ihn am Tag darauf per Post an Jens Spahn persönlich schickte. Bisher wurde der Beitrag mehr als 33.000-mal geteilt.

Lange ist es her, dass ich meinem Unmut Luft machte. Heute war es wieder soweit…… bevor mir der Kragen platzt,…

Gepostet von Jana Langer am Sonntag, 25. März 2018

Wie kam Spahn an seinen Job?

Jana Langer macht zu Beginn ihres Briefs klar, wie wenig Spahn ihrer Meinung nach zu seinem neuen Posten passt: „Meine Kollegen sind entsetzt, dass das Amt des Gesundheitsministers mit einem Minister besetzt wurde, der ohne irgendeine Qualifikation und Ahnung, unsere Arbeit betreffend, berufen wurde“, schreibt sie.

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Im weiteren Verlauf des Briefs beschreibt sie, wie „menschenunwürdig“ das deutsche Gesundheitssystem sei. Wie sehr es an ausreichendem Gehalt und Anerkennung fehle und wie wenig er wisse, was es bedeutet, qualifizierte pflegerische Leistungen zu erbringen, vor allem zu den derzeitigen Bedingungen.

Langer verurteilt Spahns „ignorante und diffamierenden Worte der letzten Wochen gegenüber den Menschen, die unsere sozialen Absicherungen dringend benötigen“ und stellt ihm drei Fragen: „Wären Sie freiwillig bereit, in der Nacht für die Hälfte des Geldes zu arbeiten? Wären sie bereit, 24 Stunden an 365 Tages des Jahres ihre Arbeitskraft zur Verfügung zu stellen? Wären Sie bereit, freiwillig auf Ihr Familienleben zu verzichten zugunsten der Schwächsten im System?“

Es gäbe kaum jemanden, der*die sich noch freiwillig für einen Pflegeberuf entscheidet, schreibt Langer. Durch den hohen ökonomischen Druck im deutschen Gesundheitssysten würde der Mensch zur Ware verfallen und auch so behandelt werden. Langers Arbeit verkomme unterdessen „zu einer nuzlosen Hetzerei“.

Spahn wurde in letzter Zeit schon öfter harsch kritisiert

Sie schließt ihren Brief mit einem Seitenhieb und einer Forderung: „Da endlich die Pöstchen verteilt wurden und auch Ihr Ego wieder gestärkt sein dürfte, erwarten Tausende meiner Kollegen und ich eine Umkehr in diesem System. Um auch Ihre herablassenden Worte der letzten Wochen wieder gutzumachen, besinnen Sie sich auf diejenigen, die durch ihr Kreuzchen überhaupt Ihren Posten ermöglicht haben!“

In wenigen Wochen wurde Jens Spahn nun bereits dreimal offen von Bürger*innen kritisiert, die in seinen fragwürdigen Aussagen gemeint waren. Zwei Frauen luden ihn gar zum Realitycheck ein: Hartz-IV-Empfängerin Sandra S. wünschte sich in einer Online-Petition etwa, dass Spahn mal probieren sollte, für einen Monat vom Grundregelsatz von 416 Euro zu leben, so wie sie es seit Jahren tun muss. Und in der ARD-Diskussionssendung Hart aber Fair lud eine Zuschauerin den Politiker in eine Krankenhaus-Notaufnahme ein, um sich so bewusst zu werden, wie viele gesetzlich Versicherte dort regelmäßig stranden, weil sie im aktuellen System keinen Termin bei Fachärzt*innen kriegen.

Jana Langer verfasste vergangenes Jahr einen ähnlichen Wut-Brief. Der war allerdings an Angela Merkel adressiert.