Kritik an CDU-Kampagne gegen Antisemitismus: „Ich will nicht, dass meine Religion benutzt wird“

Unser Autor ist regelmäßig von antisemitischer Diskriminierung betroffen. Er erklärt seine Wut über eine Kampagne, in der CDU-Politiker*innen mit jüdischen Kultgegenständen posieren. Ein Kommentar

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Am 13. Juli veröffentlichte die CDU die Werbekampagne für die Aktionswoche "Schabbat zu Schabbat – Jüdisches Lebens in Deutschland" auf Facebook. Screenshots: CDUFacebook

Während uns nächste Woche in Magdeburg wohl ein weiterer Einzeltäter nach dem Hanauer Attentat präsentiert wird, findet sich auf der Facebook-Seite der CDU zwischen EU-Ratspräsidentschaft und „Stahl made in Germany“ auch dieser Beitrag: CDU-Politiker*innen verkleiden sich als Juden*Jüdinnen oder posieren mit jüdischen Kultgegenständen in den Händen. Da ist unter anderem eine Annegret Kramp-Karrenbauer (AKK) zu sehen, die einen Chanukkia-Kerzenleuchter in die Kamera hält, oder ein Stefan Evers im Tallit verkleidet. Wo ist eigentlich Friedrich Merz? Ich hätte ihm meine Tefillin ausgeliehen. Auch schade, dass die Aktion nicht vor ein paar Jahren stattgefunden hat. Erika Steinbach im Tichel wäre bestimmt heiß gewesen.

Ich möchte gerne erklären, was mein Problem mit dieser Kampagne ist. Die CDU startete kürzlich unter dem Hashtag #schabbatschabbat eine Aktionswoche für jüdisches Leben und gegen Antisemitismus. „Eigentlich eine gute Idee“, könnte jemand sagen, der dieses Land nicht gut genug kennt.

Es geht nicht um Zielgruppen, es geht um Identifikation

Seit Jahren wiederholen sich die beiden Mantras „Endlich gibt es wieder jüdisches Leben in Deutschland!“ und „Wir werden keine Art von Antisemitismus zulassen!“. Gleichzeitig schert sich niemand wirklich darum, dass sich der Hass und die Gewalt beständig ausbreiten. Der durchschnittliche mehrheitsdeutsche Mensch ist von einem Anschlag auf eine Synagoge oder eine Shisha-Bar entrüstet oder höchstens entsetzt. Bei genauerem Hinsehen geht es ihm aber eher um die Verwunderung, dass so etwas in diesem Land passieren konnte. Es trifft ihn nicht persönlich, weil es ihn nicht treffen kann – und weil er sich mit den Opfern nicht identifiziert. Egal, wie aufgeschlossen oder progressiv sich so ein*e sogenannte „Biodeutsche*r“ auch fühlen mag. Wenn der*diejenige einen antisemitischen oder rassistischen Übergriff nicht als eigene existenzielle Bedrohung wahrnimmt, kann sein Kampf gegen Rassismus und Antisemitismus von Vornherein nur halbherzig sein. Dass er nicht zur Zielgruppe gehört, sollte keine Rolle spielen.

Wir Juden*Jüdinnen haben in diesem Land eine besondere Minderheitenstellung. Gibt es wieder jüdisches Leben in Deutschland, so ist der deutsche Michel vom Nationalsozialismus geläutert. Dann hat er sich es endlich bewiesen, dass der böse Spuk vorbei ist. Wie wenig es dabei wirklich um das Judentum geht, zeigt eben dieser CDU-Beitrag. Deshalb regt er mich so auf. Das Judentum wird verdinglicht, es wird fremdangeeignet und benutzt, es wird als Kostüm für ein Kasperletheater genutzt, für eine kollektive Selbstbefriedigung.

„Natürlich gehört das Judentum zu Deutschland. Es ist Teil einer 1.700-jährigen christlich-jüdischen Geschichte!“, heißt es. Das Judentum, das dabei gemeint ist, ist tot. Es ist eine leere Hülle, mit der man spielen kann, weil sie niemandem mehr gehört. Kann sich jemand vorstellen, dass sich eine Partei auf dieselbe Art gegen antimuslimischen Rassismus inszeniert? Schöne Fotos mit Gebetsteppich und Misbaha, vielleicht Norbert Walter-Borjans bei einer Waschung vor einer Moschee?

Mir geht es hier nicht darum, Religionen gegeneinander auszuspielen. Der Vergleich dient der Verdeutlichung der Absurdität. Und dass die Hemmschwelle, sich das Judentum für eigene Zwecke anzueignen, anscheinend äußerst niedrig liegt.

Inszenierung und Realität

Als ob das alles nicht schlimm genug ist, kommt noch eine weitere Ebene hinzu. Während auf der großen politischen Bühne die jüdischen Feiertage mit einer Flasche Manischewitz choreographiert und ein Hava-Nagila-Konzert (Anm. d. Red.: Hava Nagila ist ein hebräisches Volkslied das traditionell bei jüdischen Feiern gesungen wird) live gespielt wird, fällt die Hälfte der Verhandlungstage des Halle-Prozesses auf jüdische Feiertage. Beteiligte Richter reagierten auf entsprechende Einwände mit einer Arroganz, die ich leider nicht selten erlebt habe.

Auch wenn die Verhandlungen letztendlich an anderen Tagen stattfinden werden, stellt sich mir der Prozessausgang so vor: Die letzte Verhandlung findet an Rosch Haschana (Anm. d. Red.: das jüdische Neujahrsfest), das auf einen Samstag fällt, statt. Keine*r der jüdischen Nebenkläger*innen ist deshalb anwesend, der Kommentar der Richter in der Raucher*innenpause dazu: „Tja, da haben die Juden es dieses Mal nicht geschafft, ’ne Extrawurst zu kriegen, wenn se nicht kommen, kommen se nicht.“ Der Attentäter wird  für geistig unzurechnungsfähig erklärt. Die Live-Übertragung des Prozesses auf Phoenix wird unterbrochen, da zeitgleich der Chor der CDU-Bundestagsfraktion im Rahmen einer prompt ausgerufenen zweiten jüdischen Aktionswoche auftritt. Ein Potpourri aus jüdischen Liedern, AKK soliert mit den Lieder Schalom Chaverim und Hevenu Schalom Aleichem. Meine Damen und Herren, endlich können wir sagen: Es gibt wieder jüdisches Leben in Deutschland.

Ich will nicht, dass ich benutzt werde. Ich will nicht, dass meine Religion benutzt wird. Generell nicht und vor allem nicht, wenn zeitgleich die echten Probleme, die meine Existenz in diesem Land bedrohen, unter den Einzeltäterteppich gekehrt, vertuscht oder einfach nur ignoriert werden. #donttouchmyfaith