Kritik an Trump aus den eigenen Reihen: Warum erst jetzt?

Mit seiner Aussage, Russland habe sich nicht in die US-Wahlen 2016 eingemischt, scheint US-Präsident Donald Trump die Schmerzgrenze der Republikaner*innen überschritten zu haben. Für unsere Autorin kommt die Kritik aber viel zu spät. Ein Kommentar

Kritik an Trump aus den eigenen Reihen: Warum erst jetzt? Ein Kommentar

Trump will nur das Wörtchen "nicht" in seiner Pressekonferenz vergessen haben. Ups! Foto: Mark Wilson / Getty Images

Auf das Treffen von US-Präsident Donald Trump und Russlands Präsident Wladimir Putin in Helsinki diesen Montag blickte die ganze Welt: zwei Atommächte, zwei komplett irrational agierende Politiker. Mit im Gepäck: ein ehemaliger kalter Krieg, der dieser Tage ziemlich aufgewärmt wirkte. Denn erst am Freitag hatte Trumps stellvertretender Justizminister Rod Rosenstein Anklage gegen zwölf russische Militärangehörige erhoben – ein eindeutiges Zeichen also Richtung Moskau so kurz vor dem Treffen.

Während US-amerikanische Demokrat*innen wegen der extremen Spannung zwischen den Ländern eine Absage des Treffens forderten, hofften andere, dass Putin nun mit dem Rücken zur Wand stehen würde und er zu einem Zugeständnis Richtung USA gezwungen sei. Die Welt erwartete feindselige Beleidigungen, Konflikte oder zumindest irrationale Tweets. Doch ganz im Gegenteil: Trump und Putin waren sich einig – in so ziemlich allem. Erst nach geschlagenen 15 Minuten Pressekonferenz kam das Thema auf, dass Russland die US-Wahlen beeinflusst habe. Doch Trump erklärte, dass er lange mit Putin gesprochen habe und kein Grund für ihn bestehe, zu glauben, dass Russland sich in die US-Wahlen 2016 eingemischt habe. Putin pflichtete Trump sogleich bei: Russland habe nie in interne US-amerikanische Angelegenheiten eingegriffen. Keinerlei Konflikte also zwischen USA und Russland, alles geklärt?

Russland und USA in Harmonie?

Äh, halt, was?, möchte man an dieser Stelle rufen. Für Trumps Aussage, welche die US-amerikanischen Nachrichtendienste anzweifelte, hagelte es Kritik weltweit, insbesondere aber aus den USA. Während seiner Rückreise verteidigte Trump seine Aussage noch einmal in einem Tweet: „Wie ich heute und viele Male zuvor gesagt habe: ,Ich habe großes Vertrauen in meine nachrichtendienstlichen Mitarbeiter.‘ Ich erkenne aber auch, dass wir uns nicht ausschließlich auf die Vergangenheit konzentrieren können, um eine bessere Zukunft zu schaffen – als die beiden größten Atommächte der Welt, wir müssen auskommen!“ Später erklärte er: Er habe sich schlichtweg versprochen. Das Wort „Nicht“ schien auf der Strecke geblieben zu sein, er habe es selbst erst gemerkt, als er sich die Aufnahmen noch einmal ansah.

Die Aktion reiht sich wohl in den für Trump typischen Wahnsinn ein. Und doch scheint er damit einen Schritt zu weit gegangen zu sein. Denn mittlerweile werden die Grundwerte des Landes diskutiert und Trump dabei deutlich infrage gestellt. „Der Damm ist gebrochen“, erklärt Bob Corker, scheidender republikanischer Senator aus Tennessee. „Kein Verhandlungsergebnis ist es wert, die eigenen Leute und das eigene Land über die Klinge springen zu lassen“, schrieb die Fox-Moderatorin Abby Huntsmann auf Twitter. Fox gilt normalerweise als Medium, das stark im Interesse von Trump berichtet. Selbst Mitch McConnell (Republikanische Partei), Mehrheitssprecher im Senat, sprach sich vor laufenden Kameras für die US-Geheimdienste aus und betonte sein Misstrauen gegenüber Russland.

[Außerdem auf ze.tt: Hört endlich auf mit euren Schwulenwitzen über Trump und Putin!]

Der demokratische New Yorker Gouverneur Andrew Cuomo ging auf Twitter sogar noch einen Schritt weiter: Der Kongress müsse entscheiden, ob die Kommentare und Handlungen des Präsidenten Landesverrat waren – und somit für ein Amtsenthebungsverfahren reichen, wie ZEIT Online berichtet.

Warum erst jetzt?

Es ist nicht die Kritik an Trump, die überrascht, sondern eher die Reihen, aus denen sie kommt. Menschen, die bisher immer für Trump geschwiegen haben, melden sich nun zu Wort. Um es mit Fäkalsprache zu erklären: Die Kacke ist am dampfen. Für Donald Trump scheint es nun erstmals eng zu werden.

Es bleibt eine Frage offen: Warum erst jetzt? Warum entflammte diese landesweite Kritik nicht bei der Aufkündigung des Atom-Deals mit dem Iran oder der Kündigung des Pariser Klimaabkommen? Oder als öffentlich wurde, dass Trump über Jahre keine Einkommenssteuer bezahlt hat? Oder als er die Journalistin Megyn Kelly als „Bimbo“ beschimpfte sowie sie mit ihrer Menstruation zu beleidigen versuchte? Oder als die Aufnahmen eines frauenverachtenden Gesprächs öffentlich wurde, in dem Trump sagte: „Grab ’em by the pussy. You can do anything“? Oder als sich Trump über die Behinderung eines Journalisten lustig machte und ihn nachäffte?

Diese Liste könnte noch lange fortgesetzt werden. Die ernüchternde Antwort auf die Frage, warum erst jetzt, ist, dass sowohl Außenpolitik, Umweltpolitik, als auch die Würde des Menschen in Sachen Prioritäten der Republikaner*innen erst nach Patriotismus kommen. Darum gibt es den großen Aufschrei aus den eignen Reihen erst an dieser Stelle, wenn es um den alten Feind Russland geht und die Frage, wer nun mächtiger ist.