Warum ein Kunstkollektiv Goethe in den #MeToo-Kontext setzen will

Der 270. Geburtstag von Goethe sei ein guter Zeitpunkt, um über seinen Sexismus zu sprechen, findet das Künstler*innenkollektiv Frankfurter Hauptschule – und protestiert mit Klopapier gegen den Dichter. Ein Interview

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Das Gartenhaus von Johann Wolfgang von Goethe an der Ilm in Weimar, das die Frankfurter Schule aus Protest mit Klopapier bewarf. Foto. Frankfurter Hauptschule

Sie tragen Mundschutz, Sonnenbrillen, Cappies und in den Händen Klopapierrollen – 14 Personen haben sich auf einer Wiese an einem Wegrand aufgestellt. Hinter ihnen ragt ein grauer Bau auf, der unscheinbar wirkt, jedoch nicht unbedeutend ist: Es ist das Gartenhaus von Johann Wolfgang von Goethe an der Ilm in Weimar. Die vermummten Personen sind Mitglieder des Künstler*innenkollektivs Frankfurter Hauptschule. Sie holen aus und bewerfen das Goethe-Gartenhaus mit Klopapier. Ein Video, das die Gruppe in den sozialen Medien veröffentlichte, zeigt die Aktion vom 20. August.

Die Klopapieraktion ist Teil des Projekts LOLita. Damit will die Frankfurter Hauptschule Johann Wolfgang von Goethe zu seinem 270. Geburtstag in den #MeToo-Kontext rücken. Goethe, geboren am 28. August 1749 in Frankfurt am Main, starb 1832 in Weimar, wo er die längste Zeit seines Lebens verbrachte. Seine Gedichte, Dramen und weitere Schriften gelten in vielen Teilen der Welt als Meisterwerke und als fester Bestandteil des literarischen (Schul-)Kanons. Doch nach Meinung des Kunstkollektivs wird ein wichtiger Aspekt in der heutigen Betrachtung des Schaffens und des Lebens von Goethe ausgeklammert: sein Frauenbild, sexistische Inhalte in seinen Texten sowie private Handlungen des sexualisierten Machtmissbrauchs.

Wir haben mit dem Kollektiv über ihre Aktion und den Geburtstag von Johann Wolfgang von Goethe gesprochen.

ze.tt: Wie entstand die Idee zu eurer Aktion am 20. August?

Frankfurter Hauptschule: Meistens entstehen diese Ideen bei einem Kneipengespräch. Bei dieser konkreten Aktion war das so, dass wir die Diskussionen um den Schriftsteller Eugen Gomringer und sein Gedicht avenidas zum Anlass genommen haben, das ja seit 2011 an der Fassade der Alice-Salomon-Hochschule in Berlin prangt. Studierende hatten gefordert, dass das Gedicht verschwindet, weil sie die Haltung und den Inhalt sexistisch fanden.

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Foto: Frankfurter Hauptschule

Was haben die Diskussionen um Gomringer mit eurer Kritik an Goethe zu tun?

Eugen Gomringer kannte bis dahin fast niemand, im Gegensatz zu Goethe. Den kennt fast jede*r. Er ist der Säulenheilige der deutschen Kultur schlechthin. Seine Werke haben eine ganz andere Reichweite und Wirkmacht. Während unserer Aktion haben wir sein Gedicht Heidenröslein zitiert, das immer noch unhinterfragt in der Schule behandelt wird. Schüler*innen lernen diese Zeilen auswendig. Dabei redet niemand über den problematischen Inhalt: Das Gedicht ist eine Art Vergewaltigungslyrik. Das zieht sich durch all seine Werke, zum Beispiel auch bei der Figur der 14-jährigen Gretchen, die von Heinrich Faust in der gleichnamigen Tragödie verführt wird. Das wollen wir hinterfragen.

Die Frankfurter Hauptschule ist ein Kollektiv aus rund 20 Kunststudierenden aus Frankfurt und Umgebung. Erstmals machte die Gruppe auf sich aufmerksam, als sie 2013 gefälschte Tickets für die Bayreuther Festspiele verkaufte. Es folgten weitere Aktionen, wie etwa 2016 mit dem Aufruf, Liebesschlösser von Frankfurts Fußgängerbrücke abzuknacken. 2018 brannte das Kollektiv einen Streifenwagen im öffentlichen Raum ab. In der Pressemitteilung zu ihrer aktuellen Aktion zu dem deutschen Dichter Goethe schreiben sie: „2019 fallen Goethes 270. Geburtstag und das chinesische Jahr des Schweins zusammen. Zufall? Natürlich gab es schlimmere Finger als Goethe in der Weltgeschichte. Aber Goethe ist nun mal nicht irgendein alter, weißer Mann, sondern der alte, weiße Mann.“ Die Einwicklung in Klopapier sei eine gängige Praxis des Protests.

Es geht also um sexistische Inhalte in seinen Texten?

Wir fanden Goethe schon immer scheiße in seiner Rolle als Repräsentant des deutschen Bürgertums. Unsere Kritik richtet sich jedoch nicht nur an sein Werk, sondern auch an seine Person: Goethe hat Frauen nachgestellt, auch solchen, die wie Ulrike von Levetzow gerade mal 17 Jahre alt waren, während er schon weit über 70 war. Er hat Frauen verführt, sie emotional von sich abhängig und sich dann aus dem Staub gemacht. In Weimar hat er vehement das Todesurteil gegen eine sogenannte Kindsmörderin unterstützt. Die geistig verwirrte, mittellose Dienstmagd hatte ihr Neugeborenes umgebracht.

Warum ist es wichtig, heute über diese Aspekte zu sprechen?

Natürlich kann man sagen, damals sei Goethe keine Ausnahme und alle seien weniger aufgeklärt gewesen als heute. Aber der Witz ist ja, dass er immer noch total angesagt ist. Diese Aspekte seines Werks und seiner Person werden selbst in Zeiten von #MeToo kaum diskutiert.

Wie geht es weiter mit eurer Aktion LOLita?

Ab dem 28. August sind wir mit einer Ausstellung in der Kölner Galerie GOLD+BETON zu Gast. Wir haben fünf Künstler*innen dazu eingeladen, eine Arbeit auf Grundlage von Nacktfotos von sich selbst als Kind anzufertigen. Letztes Jahr verlangten New Yorker Aktivist*innen vom Metropolitan Museum, Balthus‘ Gemälde Thérèse träumend aus den Ausstellungsräumen zu entfernen, weil sein Werk Kinder als Sexobjekte zeige. Doch liegt das Problem im Kunstwerk oder im Blick der Betrachtenden? An dieser Stelle wird die Debatte scheinheilig und die Kunstfreiheit wird zugunsten einer neuen Sittsamkeit beschnitten. Uns geht es in der Ausstellung darum, auch diese Seite des Diskurses um Erotik, Sexualität und Sexismus in der Kunst zu beleuchten.