Kunstkollektiv konfrontiert Immobilienbranche mit Schicksal verdrängter Mieter*innen

Seit Montag ruft ein Bot Hauseigentümer*innen und Immobilienfirmen an und spielt ihnen die Geschichten verdrängter Mieter*innen vor.

Die Geister der verdrängten Mieter*innen suchen skrupellose Vermietende seit Montag heim. © Peng!-Kollektiv/Lars Bösch

Es klingelt. „Wissen Sie eigentlich, wie das ist, wenn so eine Entmietung stattfindet?“, fragt die raue Frauenstimme am Telefon. „Wenn man den ganzen Tag arbeiten geht und dann kommt man nach Hause und macht den Briefkasten auf und einem zittert schon die Hand?“

Seit Montag werden Menschen mit Fragen wie dieser konfrontiert. Nicht irgendwelche Menschen, sondern Hauseigentümer*innen und Immobilienfirmen, die Mieter*innen mithilfe von teils skrupellosen Methoden aus ihren Wohnungen verdrängt haben. Sie werden konfrontiert mit Vorwürfen, wie dem, kein Heizöl gekauft zu haben und dann in den Urlaub gefahren zu sein – und die Mieter*innen sieben Wochen lang frierend im winterlichen Deutschland zurückgelassen zu haben.

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Um durchschnittlich 15 Prozent sind die Mietpreise laut dem Forschungsinstitut Empirica in den vergangenen fünf Jahren deutschlandweit gestiegen. In Berlin kostet eine Mietwohnung heute sogar im Schnitt 28 Prozent mehr als noch vor fünf Jahren. Wer sich in den vergangenen fünf Jahren nicht auf Wohnungssuche begeben musste, kann sich glücklich schätzen. Leider gibt es Vermietende, die alles daran setzen, Mieter*innen mit alten Mietverträgen aus den Wohnungen zu bekommen, um von dieser Entwicklung zu profitieren.

Die Opfer hat das Berliner Peng!-Kollektiv nun in ihrem Projekt Haunted Landlord zu Wort kommen lassen. Knapp 40 Geschichten von verdrängten Mieter*innen in Berlin, Leipzig und Frankfurt sammelte das Kunstkollektiv und ließ sie von Schauspieler*innen nachsprechen. Ein programmierter Bot ruft seit diesem Montag automatisiert eine Woche lang mehrmals am Tag und zu verschiedenen Uhrzeiten bei Immobilienfirmen und Hauseigentümer*innen an und spielt die Schicksale der von ihnen verdrängter Mieter*innen ab.

„Viele dieser Geschichten gehen unsichtbar über die Bühne. Die Verantwortlichen können wegschauen und sich bereichern, während die Entmieteten mit ihrer Wut und mit der Wohnungsnot alleine zurückbleiben“, sagt Nora Moll vom Peng!-Kollektiv in einer Pressemitteilung. „Mit dieser Aktion wollen wir dieses flächendeckende, strukturelle Problem durch persönliche Geschichten sicht- und hörbar machen.“ Die Audioaufnahmen der Geschichten kann man auf der Website hauntedlandlord.de nachhören. Opfer von Entmietungen können sich noch melden, um an der Aktion teilzunehmen.

Die Künstler*innen verbinden ihre Aktion mit einer Botschaft an die Politik: „Wohnen darf keine Ware sein. Solange die Wohnungsfrage dem ‚freien Markt’ überlassen wird, bleiben Entmietungen und Zwangsräumungen die Regel und ein häufiges Mittel zur Profitmaximierung“, liest man in der Pressemitteilung des Kollektivs. „Es braucht eine Wohn- und Stadtpolitik, die Verdrängung sanktioniert, sie unrentabel macht, anstatt sie zu belohnen. Zum Glück regt sich überall Widerstand. Zwangsräumungen werden durch kollektives Handeln verhindert, Mieter*innen organisieren sich in Initiativen und wehren sich. Der Druck steigt.“

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Haunted Landlords ist nicht das erste politische Kunstprojekt des Kollektivs. Im Mai starteten die Aktivist*innen im Namen der existierenden Waffenfirma Heckler & Koch eine falsche Rückrufaktion für in den USA verkaufte Handfeuerwaffen, weil es nicht mehr zu verantworten sei, Pistolen in ein Land zu liefern, in dem Donald Trump regiert. Sogar eine Service-Hotline wurde dafür eingerichtet. Viel mediale Aufmerksamkeit bekamen sie, als ein Kollektivmitglied der AfD-Politikerin Beatrix von Storch eine Torte ins Gesicht warf und den „Tortalen Krieg“ ausrief.