Kurfürstenstraße: Wie es ist, am einzigen Straßenstrich Berlins zu wohnen

Unsere Autorin Jurassica Parka wohnt an der Kurfürstenstraße, Berlins bekanntem Straßenstrich. Wie lebt es sich dort – und wie hat das Coronavirus den Kiez verändert? Ein Streifzug

Sex-Shop
Die Fassade des Erotikkaufhauses LSD (Love Sex Dreams) 2013 an der Kurfürstenstraße in Berlin. Foto: © Jason Harrell

Als gebürtige Berlinerin kenne ich meine Stadt ganz gut. Ich bin in Neukölln geboren, während meines Studiums zog ich nach Lichtenberg. In den Anfängen meiner Karriere als Dragqueen wohnte ich viele Jahre in Kreuzberg, erschöpft zog ich ins beschauliche Tempelhof, um mir schließlich mit meinem jetzigen Lebenspartner Klaus eine gemeinsame Wohnung in Tiergarten zu suchen. Wir hatten Glück und fanden was Schönes in der Potsdamer Straße. Ziemlich im Zentrum der Stadt zwischen Potsdamer Platz und Ku’damm. Wir wohnen direkt an der Kreuzung Ecke Kurfürstenstraße. So glamourös sich das anhört: Die Kurfürstenstraße ist der einzige Straßenstrich Berlins.

Die Ecke war immer eine der großen Amüsiermeilen Berlins. Schon vor dem Kaiserreich die Verbindung nach Potsdam, daher der Name. Viele hochherrschaftliche Wohnungen finden sich hier, versteckt hinter vertrockneten Fassaden. Die Nachkriegszeit mochte keinen Stuck, der wurde abgekloppt. Vor der der NS-Zeit war die Potsdamer vollgepackt mit Varietés und Puffs – dann kamen die Nazis und der faschistische Shutdown. Ab den Fünzigern war die Kurfürstenstraße dann Rotlichtbezirk und Kneipen-Hotspot, nach dem Mauerbau wandelte sich die Ecke in eine Zuflucht für Junkies, Sexarbeitende und Künstler*innen, die die Abgeschiedenheit kurz vor der Mauer genossen. Eine bewegte Geschichte also.

Blasen 15, ficken 20? Zurzeit ist es ruhig auf der Kurfürstenstraße

Puffs gibt es heute (soweit ich weiß) keine mehr, die Potsdamer teilen sich Flagshipstores hochpreisiger Modelabels, Dönerketten, Spätis und Spielotheken. Krude Mischung. Die Kurfürstenstraße war in den Achtzigern zu Zeiten von Christiane F. ein Babystrich, heute ist sie beherrscht von der osteuropäischen Menschenhandel-Mafia. Drogen werden umgeschlagen und konsumiert. Fies aussehende Zuhälter überwachen die Frauen aus den umliegenden Stehcafés.

Vor den Ausgangs- und Kontaktbegrenzungen aufgrund der Corona-Pandemie arbeiteten im Durchschnitt 30 junge Frauen in der Kurfürsten, das ist seit Mitte März zum Erliegen gekommen. Wie die nun ihr Geld verdienen? Keine Ahnung. Ich hoffe, sie konnten einfach wieder zurück zu ihren Familien in die Heimat. Es ist hier merkwürdig leer. Früher war das so: Blasen 15, ficken 20. Jetzt wird man nicht mehr angequatscht.

Ich kenne viele Sexarbeiterinnen vom Sehen, da gibt es die „Hochwertigen“ ganz am Anfang der Kurfürsten vor dem Woolworth. Die haben lange blonde Extensions und kauen Kaugummi. In einem US-Teenagerfilm wären sie wohl die Cheerleaderinnen des Jahrgangs. Weiter hinten stehen die jungen Frauen aus Osteuropa, fremdbestimmt durch Zuhälter, die werden im Quartalstakt ausgetauscht. Und dann gibt es die alteingesessenen Huren. Ältere Frauen, die am späten Abend auf den Bänken sitzen, ihre Stimmen rau und tief vom Rauchen. Sie tragen Strapse und Lackpumps, kennen sich untereinander wohl lange. Die verschwinden aber immer mehr. Warum, weiß ich nicht.

Die Kurfürstenstraße bildet die Grenze zwischen zwei Bezirken. Das bedeutet, der südliche Gehweg gehört zu Schöneberg und der nördliche zu Tiergarten. Eine absurde Situation. Die Bezirksämter schieben sich gegenseitig die Zuständigkeiten zu. Hört sich das alles krass an? Vielleicht. Tatsächlich wohne ich hier gerne.

Ich wünschte mir weniger Kriminalität, der Rest verwächst sich.

Ich sehe die Frau am Backshop, die jeden Morgen ihren Kaffee trinkt, Leute guckt und raucht. Oder meinen Hausmeister vorm Rewe. Gegenüber preist der Mann vom orientalischen Supermarkt lautstark sein Gemüse an. Die obdachlose Verrückte mit dem Einkaufswagen brüllt mal wieder Passant*innen an und trinkt Jägermeister. Ein dicker Mann diskutiert lautstark mit dem Ordnungsamt. Er versteht nicht, wieso er mit seinem SUV nicht im absoluten Halteverbot stehen darf. Die immer druffe Transgender-Sexarbeiterin läuft tränenverschmiert und wild kichernd über die rote Ampel, ihr fehlt ein Schuh.

Das Leben ist nun mal hart, dreckig und ehrlich, machen wir uns nichts vor. Ich mag es deftig. Und in der Kurfürstenstraße hat man all das auf einen Blick. An alle, die noch nie in Berlin waren, ich lade euch herzlich ein, mal mit mir in den Sexshop LSD an der Kurfürsten zu gehen. Natürlich nach Corona. Aber möglichst bald. Der Shop wird bald abgerissen und weicht einem Hotel- und Bürokomplex. Da wird der Großstadttopf wieder mal ein bisschen weniger bunt.

Kurfürstenstraße, Kurfürstendamm … das kann man schon mal verwechseln

Was wird man wohl in 30 Jahren über die Ecke hier schreiben? Ich wünschte mir weniger Kriminalität, der Rest verwächst sich. Amüsant ist es, wenn eine verwirrte Tourist*innenfamilie vor dem U-Bahnhof Kurfürstenstraße herumirrt. Inmitten von Nutten und Nadeln suchen die dann verzweifelt das Hard Rock Café. Das befindet sich aber drei Kilometer weiter gen Westen am Kurfürstendamm.

Kurfürstenstraße, Kurfürstendamm … das kann man schon mal verwechseln. Unterschiedlicher könnten die Welten nicht sein. Und vielleicht sehen die pubertierenden Kinder zum ersten Mal das richtige Leben außerhalb der Reihenhaussiedlung in Hinterfotzingen. Berlin ist eben nicht nur Brandenburger Tor, Fernsehturm und Checkpoint Charlie. Und letztendlich sind es doch alles nur Menschen.

Außerdem auf ze.tt: Sexarbeiterin Josefa: „Ich nehme meinen Sex als Frau selbst in die Hand“

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