Kurz vorm Burn-out: Wie diese Menschen durch digitalen Entzug wieder zu sich selbst gefunden haben

Immer mehr Menschen versuchen, mit Digital Detox-Seminaren oder -Retreats von ihrer exzessiven Smartphone-Nutzung wegzukommen. Was lernen die Teilnehmer*innen? Und was davon lässt sich in den Alltag mitnehmen?

Schweigen auf dem Gut, Seminare im Kloster: Es gibt unterschiedliche Methoden, um von der übermäßigen Smartphone-Nutzung wegzukommen.

Schweigen auf dem Gut, Seminare im Kloster: Es gibt unterschiedliche Methoden, um von der übermäßigen Smartphone-Nutzung wegzukommen. Foto: Serhat Beyazkaya / Unsplash | CC0

Wir hängen ständig am Handy. Laut einer Untersuchung der Uni Bonn zum Nutzungsverhalten von Smartphone-Besitzer*innen sind wir im Durchschnitt 53 Mal am Tag an dem Gerät. Und wir unterbrechen auch noch alle 18 Minuten eine Tätigkeit dafür. Das zehrt an den Nerven. Kein Wunder, dass sich jede*r dritte junge Erwachsene in Deutschland für das Jahr 2018 vorgenommen hat, öfter offline zu sein.

Robin Haring ist einer davon. „Mich haben vor allem die vielen Mails und Nachrichten auf WhatsApp gestört“, sagt er. Der 36-jährige Hochschuldozent empfindet die heutige Kommunikation als stressig: „Früher hat man sich für 17 Uhr verabredet und dann da getroffen. Heute schreibt man vorher noch zigmal hin und her. Die Kommunikation hat eine viel höhere Frequenz, oft ohne Mehrwert – das stresst. “

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Er entschied sich dafür, eine Auszeit zu nehmen: Zehn Tage Schweigen auf einem Gut nahe Wismar. In dem überkonfessionellen Kloster gibt es eine Bibliothek, einen Park mit kleinem See und für einen Aufpreis auch Zutritt zu einem Spabereich. Rund 1.000 Euro kosten zehn Tage Schweigen. Auch ein Aufenthalt von drei bis zehn Tagen in völliger Dunkelheit mit Begleitung durch die Heilpraxis des Hauses ist möglich.

Digital Detox extrem. Aber was bewirkt der Aufenthalt in einem Kloster? Kommt man dort wirklich vom Smartphone weg und wird entspannter?

Zehn Tage mit Händen und Füßen verständigen

„Bevor es losging, habe ich einen großen Koffer gepackt, mit vielen Büchern“, erinnert sich Haring. Doch dann wurde ihm bewusst, dass der Sinn der Auszeit nicht sei, sie mit anderen Dingen zu füllen. „Das war zwar richtig schwer, aber ich habe die Hälfte wieder ausgepackt.“

Zunächst gab es auf dem Gut noch Infos zu Ablauf und Logistik, dann war Schweigen angesagt, auch bei den Mahlzeiten. „Dort sind alle eingespielt, man kann sich mit dem Personal gut mit den Händen verständigen, das Schweigen passiert wie selbstverständlich“, sagt Haring. Und wenn jemandem wirklich etwas Wichtiges auf dem Herzen brenne, könne er jederzeit reden.

Plötzlich nimmt man Geräusche und Gerüche in der Umwelt viel stärker wahr, ich hatte auch das Gefühl, viel aumerksamer und feinfühliger zu sein.“ – Robin Haring

„Die ersten zwei bis vier Tage habe ich viel geschrieben. Das waren Dinge, die noch raus aus meinem Kopf mussten“, erinnert sich der 36-Jährige. Danach habe sich eine Art Entleerung eingestellt. „Ich habe sehr viel geschlafen, da habe ich selbst gestaunt. Das war eine große Müdigkeit, die im Körper steckte.“ Die Stille sei angenehm, nicht beklemmend gewesen. Die Tage seien zwar lang, wenn man schweigt, aber schon aus dem Fenster zu gucken oder einen Spaziergang zu machen, sei so zu einem tagesfüllenden Programm geworden.

Mit „Nix-Tagen“ wird der Alltag ruhiger

„Es war eine totale Erleichterung, nicht erreichbar sein zu müssen“, fand Haring. Seine Wahrnehmung habe sich stark verändert: „Plötzlich nimmt man Geräusche und Gerüche in der Umwelt viel stärker wahr, ich hatte auch das Gefühl, viel aufmerksamer und feinfühliger zu sein.“

Nach den zehn Tagen wieder online zu gehen, kam Haring vor wie „ein Sprung auf’s Karussell“: „Plötzlich galt es, 200 Mails abzuarbeiten und wieder den normalen Rhythmus anzunehmen, den Beruf und soziale Verpflichtungen vorgeben.“ Er fasste einen Entschluss. „WhatsApp hatte mir überhaupt nicht gefehlt, im Gegenteil. Also sagte ich mir, ich lasse es ab jetzt bleiben.“

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Einige Menschen in seinem Umfeld bewundern ihn dafür, andere sagen, „wir haben doch 2018“. In regelmäßigen Abständen nimmt sich Robin Haring bis heute einen, wie er es nennt, Nix-Tag vor. „Da beantworte ich keine Mails, stelle das Telefon aus, sperre die Außenwelt aus und nehme mir Zeit für mich“, beschreibt er.

Kurz vor dem Burn-out

„Ich stand kurz vor dem Burn-out“, sagt Kateryna Kogan aus Köln, die als Social-Media-Managerin arbeitet. Die 37-Jährige merkte, dass sie es nicht mehr schaffte, abzuschalten. Morgens um 6 Uhr griff sie als Erstes zum Handy, um Instagram zu checken. Welche Posts haben am besten funktioniert? Auf Facebook und in anderen sozialen Medien informierte sie sich, was nachts passiert war. Den ganzen Tag über war sie online und abends schlief sie wieder mit dem Smartphone neben sich auf dem Nachttisch ein. „Ich konnte nicht mehr ohne Handy leben“, sagt die 37-Jährige.

Instagram, Pinterest, Facebook, Twitter und Xing nutzte sie regelmäßig. Mit Trello erledigte sie Planungen für den Job und Privates, mit Analyse-Tools wertete sie Social Media aus und mit weiteren Apps ihre eigene Handynutzung. „Das Problem war, dass ich kaum unterscheiden konnte, was ist Arbeit, was Recherche und was zufälliges Herumsurfen“, sagt sie.

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Kogan hat ein dreitägiges Digital-Detox-Seminar in einem Kloster im rheinland-pfälzischen Schweighofen besucht. In Gesprächsrunden mit Expert*inneninputs reflektieren die Teilnehmer*innen ihre Smartphone-Nutzung, erlernen Strategien für einen nachhaltigen Umgang damit, probieren Achtsamkeitsübungen aus und werden zu Meditationen und Naturerlebnissen angeleitet.

„Ich habe mich entschieden, nur noch Teilzeit zu arbeiten, damit bin ich glücklicher“, sagt Kogan heute. Nachts legt sie das Handy in die Küche. „Und wenn ich Zeit mit meiner Familie verbringe, zum Beispiel spazieren gehe, lasse ich es komplett zu Hause.“

Das Sich-Bewusst-Machen hilft

„Wenn man so zufällig surft, hilft es, sich aufzuschreiben, was man alles noch nachschauen will. Geht man später die Liste durch, fällt einem auf, wie viel Überflüssiges da dabei ist“, findet sie. Heute überlegt sie, bevor sie ihr Smartphone zückt, ob sie eine Tätigkeit gerade wirklich unterbrechen möchte. „Und nach 45 Minuten Arbeit am PC oder Handy mache ich bewusst eine 15-Minuten-Pause fernab von den Bildschirmen.“

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„Einmal wurde mein Handy gestohlen und ich merkte erst, wie oft ich es eigentlich nicht brauche.“ Ihrem Mann von unterwegs zu schreiben, dass sie in fünf Minuten zuhause sei, ging nun nicht. „Und eigentlich musste das ja auch nicht sein.“ Als sie sich mit einem Kollegen treffen wollte, wurde ihr bewusst, dass er nun keine Möglichkeit hätte, kurzfristig abzusagen oder mitzuteilen, dass er sich verspätet. „Nun musste er eben pünktlich kommen oder ich einfach warten, bis er da war“, sagt sie.

Empfehlen würde sie das Seminar jeder*m. „Wir sagen alle, wir haben nicht genug Zeit für Hobbys, den Haushalt oder Träume und sind doch zwischen fünf und acht Stunden pro Tag online. Das ist die Zeit, von der wir denken, wir haben sie nicht.“