Kurzfilm Masel Tov Cocktail: Hört auf, jüdische Menschen immer nur als Opfer darzustellen

Im Film Masel Tov Cocktail bekommen viele junge Jüdinnen*Juden mit Dima endlich einen Protagonisten, in dem sie sich wiederfinden. Denn er ist wütend. Wütend auf Deutschland. Ein Gastbeitrag

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Jüdinnen*Juden werden in Filmen meist als Opfer oder streng-religiös dargestellt. Masel Tov Cocktail bricht mit diesen Stereotypen. Foto: © SWR/Filmakademie Baden-Württemberg

„In deutschen Filmen werden Juden nur in Schwarz-Weiß gezeigt. Wir schlagen selten zurück (…). Aber so ein Film ist das hier nicht!“ Mit diesen Worten leitet der Protagonist Dima den realsatirischen Kurzfilm Masel Tov Cocktail ein. Dima, gespielt von Alexander Wertmann, ist 16 Jahre alt, Schüler und Jude. Auf der Schultoilette begegnet er Tobi – der ihn zuerst wegen seines beschnittenen Penis verarscht und Dima anschließend fragt: „Weißt du, was man früher mit dir gemacht hätte?“ Daraufhin legt Tobi beide Hände an seinen Hals und mimt eine erstickende Person nach. Ein klarer Bezug zu Gaskammern. Und Dima: schlägt dafür mit der Faust zurück.

Für diesen Schlag soll er sich nach der Schule bei Tobi entschuldigen, bestimmt der Schuldirektor. Auf der Suche nach ihm läuft Dima durch die Stadt. Dabei gerät er in Situationen, die wir – wie vermutlich viele junge Jüdinnen*Juden, die in Deutschland aufwachsen – kennen: Es beginnt in der Schule, wo er mit antisemitischen Kommentaren konfrontiert wird. Dima muss ständig Auskunft über arabisch-israelische Beziehungen geben – als sei er als Deutscher Experte dafür. Er wird mitleidig nach seiner familiären Erfahrung mit der Shoa befragt – obwohl seine russischen Vorfahren gegen die Nazis gekämpft haben.

Dimas Wut ist eine Besonderheit in der deutschen Medienlandschaft: Denn wütende Jüdinnen*Juden kommen darin so gut wie nicht vor.

Dima schlittert durch all diese Begegnungen und tut das, was von Jüdinnen*Juden erwartet wird: Verständnis zeigen, ruhig bleiben. Aber an die Zuschauer*innen gewandt sagt er, wie er sich in dem Moment wirklich fühlt: wütend über all diese Vorurteile und Stereotype, mit denen wir als jüdische Menschen in Deutschland konfrontiert werden. Darüber, wie wir mit Worten, Blicken, Gesten zu etwas „Exotischem“, „Anderem“ gemacht werden – auch wenn es unsere nicht jüdischen Gesprächspartner*innen vermeintlich gut meinen. Dimas Wut ist eine Besonderheit in der deutschen Medienlandschaft: Denn wütende Jüdinnen*Juden kommen darin so gut wie nicht vor.

Meistens wird Jüdinnen*Juden in Schulbüchern, Fernsehfilmen und -reportagen oder Reden von hochrangigen Politiker*innen eine ganz klare Rolle zugeteilt: die des Opfers. Jüdische Protagonist*innen erscheinen überwiegend wehrlos angesichts der Gewalt, mit der sie konfrontiert werden; sie werden als von traumatischen Erlebnissen gezeichnet dargestellt; sie vergeben selbst den tyrannischsten Täter*innen. Geschichten von Jüdinnen*Juden, die mit der Faust zurückschlagen, sind selten.

Jüdisches Leben ist divers – so sollte es auch dargestellt werden

Mit diesem stereotypen Bild der schwachen, wehrlosen Jüdinnen*Juden brechen die beiden Regisseuren Arkadij Khaet und Mickey Paatzsch in Masel Tov Cocktail. Ihr Protagonist Dima schlägt zurück. Es ist genau diese Wehrhaftigkeit und dieser Wille, sich nicht in die Opferrolle drängen zu lassen, die den Film unter jungen Jüdinnen*Juden so erfolgreich macht. Die jüdische Geschichte kennt viele mutige Kämpfer*innen. Wir wollen viel mehr von ihnen sehen – denn es sind solche Vorbilder, die junge Juden*Jüdinnen darin bestärken, sich zu wehren, wenn sie mit antisemitischen Äußerungen oder Taten konfrontiert werden. Die sie darin bestärken, dass die Diskriminierung, die sie erleben, weder normal ist noch, dass sie diese schweigend hinnehmen müssen.

Wir sind mehr als Betroffene von Antisemitismus, wir sind nicht nur Opfer.

Als junge Jüdinnen*Juden sind wir es satt, uns immer nur in dieser Rolle in der deutschen Gesellschaft wiederzufinden. Wir sind mehr als Betroffene von Antisemitismus, wir sind nicht die Opfer, die ihr in uns sehen wollt – und wir sind auch nicht alle streng religiös, die zweitbeliebteste mediale Darstellung des Judentums: Jüdinnen*Juden, die Kaftan tragen und die aus weiter Entfernung als jüdisch identifizierbar scheinen. So sehen die meisten von uns nicht aus. Wir sehen aus wie Dima, der äußerlich nicht als Jude erkennbar ist. Jüdisches Leben heute lässt sich nicht auf einen einzigen Aspekt unseres Lebens begrenzen – es ist so viel diverser als das. Wir sind jung, wir sind alt, manche identifizieren sich als migrantisch, als PoC oder Schwarz, manche von uns sind queer, manche sind religiös, andere nicht. Und so sollten wir in Filmen, Dokus, Büchern und Reden von Politiker*innen auch dargestellt werden.