Landkarte queerer Momente: „Hier hatte ich meinen ersten Blowjob von einem anderen Mann“

Küsse, Begegnungen, Offenbarungen: Auf der Karte des Projekts Queering the Map können Menschen ihre queeren Erlebnisse festhalten und teilen.

Queering the Map: "Hier küsste ich zum ersten Mal ein Mädchen"

„Ich hatte so viele Crushes hier.“ Damaskus, Syrien Screenshots: Queering the Map

Was wäre, wenn man seine Erinnerungen auf einer Karte festhalten könnte? Dieser Frage stellt sich das Projekt Queering the Map. Auf der Webseite können queere Menschen, die Orte, an denen sie etwas erlebt haben, markieren, eine Beschreibung hinzufügen und das Erlebte so konservieren, sei es eine Garage, ein Park, ein Club. Der Beschreibung der Webseite nach gibt es keine Richtlinien, was einen queeren Raum oder eine queere Begegnung ausmacht.

„Da sich das queere Leben zunehmend weniger auf bestimmte Stadtteile und die darin befindlichen Gebäude konzentriert, werden Begriffe wie ,queerer Raum‘ abstrakter und weniger an konkrete geografische Orte gebunden“, heißt es auf der Seite. Queerness könne überall sein. Lucas LaRochelle gründete die Seite als Teil eines Kursprojektes an der Concordia Universität in Montreal in Kanada im vorherigen Jahr, ein Dokument der kollektiven Erinnerung.

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10.000 queere Geschichten

Mittlerweile sind über 10.000 queere Geschichten auf der Karte zu finden. Menschen auf der ganzen Welt teilen Momente, Liebes- und Coming-out-Geschichten anonym:

Warschau, Polen: „Um 5 Uhr morgens wartete ich mit meiner Mutter auf dem Bahnhof. Ein junges queeres Paar wartete auch auf einen Zug – so sorglos, küssend und Händchen haltend. Ich musste fast weinen, als ich die beiden beobachtete.“

Santa Cruz, Kalifornien: „9. November 2016. Kurz nachdem Trumpf die Präsidentschaft gewonnen hatte, versammelte sich ein Protest in diesem Park und erlaubte der Community offen zu sprechen. Ich sprach darüber, wie verängstigt ich nun als Trans-Person und Person of color war. Dort war ich umgeben von anderen queeren Menschen. Ich habe in dieser Nacht viele neue Leute getroffen.“

Göteborg, Schweden: „Dies ist der vorgeschlagene Standort für ein LGBTQ-Museum, an dem ich für meine Masterarbeit in Architektur im Frühjahr 2018 arbeite. Ein Raum, der dokumentieren, schaffen und darauf abzielen soll, Geschichten einer facettenreichen Gemeinschaft zu erzählen. Gleichzeitig soll es eine Art Wohnzimmer und Oase werden, wo queer die Norm ist.“

Werneuchen, Deutschland: „Ich sprach mich als genderqueer aus und trug zum ersten Mal Make-up.“

Berlin, Deutschland: „Ich bin vor einer Woche in Berlin angekommen. Wir trafen uns auf Grindr und ich war 30 Minuten zu spät für unser erstes Date. Biergarten, dann einen Spaziergang in Berlin und einen Film bei dir. Du hast mich geküsst. Ein Nachmittag und Abend zusammen. Ich habe mich verliebt. Aber unsere Rhythmen waren anders, ich konnte dir nicht geben, was du brauchst. Ich denke immer noch, dass es an einem Punkt im Leben zwischen uns funktionieren könnte.“

Berlin, Deutschland: „Hier hatte ich meinen ersten Blowjob von einem anderen Mann.“

Damaskus, Syrien: „Ich hatte so viele Crushes hier.“

Pilsen, Tschechien: „Ich ging von der Schule nach Hause und merkte, dass ich in ein Mädchen verknallt bin, das ich gerade kennengelernt hatte. Ich habe es niemandem erzählt. Ich habe nur einen Tweet darüber geschrieben.“

Teichalm, Österreich: „Hier hat meine Freundin ein Herz mit unseren Initialen I & J in auf einer Holzwand der Toilette gezeichnet und mir ein Bild davon geschickt, während wir noch getrennt lebten.“

Venedig, Italien: „Wir suchten nach einer Kunstausstellung. Wir fanden die Ausstellung und blieben bis 3 Uhr morgens draußen, alle Straßen waren leer. Ich habe dich auf dieser Brücke geküsst.“

Sarajevo, Bosnien und Herzegowina: „Wir trafen uns hier am 6. November 2016 um 18:00 Uhr nach 6 Jahren Facebook-Freundschaft. Jetzt leben wir zusammen. <3“

Ankara, Türkei: „Hier weint das Einhorn …“

Tel Aviv-Jaffa, Israel: „Während ich mit Freunden hier lebte, fing ich an, mich öffentlich als Trans zu geben. Ich konnte die Kommentare der Leute nicht verstehen, weil mein Hebräisch zu der Zeit noch schrecklich war, das machte es einfacher, sie zu ignorieren und selbstbewusster zu werden.“

Bagdad, Irak: „Hier würden mein Freund und ich sitzen, um auf den Fluss zu schauen und zu Abend zu essen.“

[Außerdem auf ze.tt: Queer-Report 2017: Zwischen „Genderwahnsinn“ und Ehe für alle]

Belém, Brasilien: „Hier waren wir das erste Mal zusammen in der Öffentlichkeit. Ich war es noch nicht mal gewöhnt zu küssen. Es ließ mich jedes Mal während des Nachmittags, den wir zusammen am Fluss verbrachten, den Atem anhalten. Ich erinnere mich, wie schön deine Augenbrauen aussahen, als du deinen Kopf in meinen Schoß gelegt hast. Ich hatte noch nie so viel Zeit damit verbracht, mir die Gesichtszüge eines anderen Mannes so genau anzuschauen.“

Port Elizabeth, Südafrika: „Hier habe ich zum ersten Mal einen Jungen geküsst. Dies ist auch der Ort, an dem ich mich zuerst per E-Mail vor Freunden und meiner Familie outete. Ich war so nervös, nachdem ich auf Senden gedrückt hatte. Aber die Liebe, die ich danach bekam, war so großartig.“

Landkreis Miaoli, Taiwan China: „Hier stellte ich fest, dass die Zukunft mir gehören könnte.“