Leben mit Persönlicher Assistenz: „Ich bin der Kopf, sie sind meine Hände“

Ziemlich beste Freunde? Nicht wirklich. Anastasia Umrik kann selbständig leben – weil sie auch Arbeitgeberin für ihre Assistentinnen ist.

"Ich bin der Kopf, sie sind meine Hände", sagt Anastasia über das Leben mit Persönlicher Assistenz. Foto: privat

Es war der 1. Dezember 2008. Zwei Monate vor meinem 21. Geburtstag, kurz vor dem Ende meiner Ausbildung und seit zwei Minuten gefühlt so richtig erwachsen: Soeben bin ich in meine erste eigene Wohnung gezogen. Die Tür geht zu, die Umzugshelfer*innen verlassen die noch unrenovierte kleine Wohnung am Stadtrand von Hamburg. Der Hunger meldet sich bald und ich überlege, wie die fremde Person in meiner Wohnung heißt.Lisa?“, rufe ich den Namen meiner allerersten Assistentin noch etwas unsicher. „Kannst du mir bitte die Tiefkühlpizza in den Ofen schieben?“ Ich kann das nämlich nicht alleine. Ich kann fast nichts alleine. 

„Uuuuh, du bist eine Managerin!“, scherzen meine Freund*innen oft und ich nicke nur lächelnd. „Ja, das bin ich!“, erwidere ich selbstbewusst. „Eine Managerin meines eigenen Lebens und noch ein bisschen mehr.“ Normalerweise erwähne ich selten, kurz nach der Nennung meines Namens und meines Berufs, dass ich eine Muskelerkrankung habe, doch manchmal lässt es sich nicht vermeiden. Also gut: Ich habe seit meiner Kindheit eine Muskelerkrankung, die meine Muskeln mit den Jahren immer schwächer werden lässt. Ich kann mich inzwischen kaum mehr bewegen, nur die Arme funktionieren noch einigermaßen gut, so dass ich kleine Tätigkeiten allein machen kann. Diesen Text tippen, Lippenstift auftragen und an der Nasenspitze kratzen. Sonst nichts. Doch je weniger ich körperlich kann, desto klarer weiß ich, was und wie ich es will. Um all meine Ideen, beruflich und privat, realisieren zu können, stelle ich Mitarbeiterinnen ein. Die sogenannte „Persönliche Assistenz“, die mir viel Freiraum und Unabhängigkeit von Pflegediensten gibt.

Je weniger ich körperlich kann, desto klarer weiß ich, was und wie ich es will.“

In den fast zehn Jahren, in denen ich allein wohne, haben mich über vierzig unterschiedliche Frauen im Alltag unterstützt. Sie machen mir Tee, begleiten mich beim Einkaufen und schmeißen meinen Haushalt. Manchmal begleiten sie mich zu Veranstaltungen und fahren mich anschließend mit meinem Auto in ein Hotelzimmer. Sie helfen mir beim An- und Ausziehen, in und aus dem Bett, unter der Dusche und im Bad. Ich bin der Kopf und sie sind meine Hände. 

Es gibt keine Ausbildung zur Persönlichen Assistenz, diesen Job können alle ausführen, die Lust haben, mal keinen 0815-Job zu machen. Mit Sinn, mit Tiefe, und mit viel Freiraum für persönliche Entfaltung. Meine Assistentinnen kommen aus den unterschiedlichsten Berufsbranchen: Studentinnen, die kurz vor der Prüfung stehen; Menschen, die kurzzeitig nicht wissen, wie sie ihre Zukunft gestalten wollen; Künstlerinnen, die für ihre Kunst brennen und dennoch eine finanzielle Sicherheit brauchen; Wissenschaftlerinnen; Mütter. Sie sind mutig und wollen etwas Neues ausprobieren, sie suchen nach Sicherheit und gleichzeitig Flexibilität – beides kann ich ihnen bieten – und sind körperlich in der Lage, meine muskelschwachen Arme mit ihren zu ergänzen.

Das „Warum“ als persönliche Grenze

Alle Entscheidungen treffe ich selbst: Wie möchte ich meinen Tag gestalten? Wo? Mit wem? Was ist mir dabei wichtig? Das „Warum“ erkläre ich selten, da habe ich mittlerweile meine persönliche Grenze gefunden. Ansonsten muss ich viel kommunizieren und transparent mit meinen Bedürfnissen und Emotionen sein. Aus welchem Glas ich trinken möchte und welchen Kugelschreiber in der Hand halten. Wie das Essen gewürzt sein soll und ob die Kerzen auf dem Tisch angezündet werden sollen, weil in zehn Minuten Freund*innen zu Besuch kommen. Ich formuliere, wie ich die Wäsche gewaschen haben möchte und sage sehr genau auf welche Art und Weise die Fenster geputzt werden sollen. Durch die klare Kommunikation habe ich zu vielen Sachen auch eine klare Meinung, die musste ich mir allerdings einst erst bilden. Auch über meine emotionale Verfassung spreche ich meistens sehr offen, um keine Missverständnisse entstehen zu lassen, wenn ich mal nicht gut drauf bin: „Ich möchte heute lieber allein sein, eine geschlossene Tür wäre mir lieb.“ 

Professionalität, Grenzen und gleichzeitig herzliche Offenheit waren für mich von Anfang an die großen Themen. Wie nahe darf oder möchte ich meine Assistentinnen an mich heranlassen und wie viel möchte ich aus deren Leben überhaupt wissen? Schließlich sind wir hier nicht bei Ziemlich beste FreundeAber irgendwie dann doch. Fast.

Ich mag alle Menschen, die ich meine Wohnung betreten lasse und ich verquatsche mich unheimlich gern mit ihnen in meiner Küche. Assistentinnen, mit denen ich zusammenarbeiten darf, sind eine ganz besondere Inspirationsquelle für mich und ich für sie. Durch die unterschiedlichsten Lebensweisen und Altersklassen nehme ich sehr viel für mich mit, erfahre über neue Welten und habe dann das Gefühl, selbst ein Stück von ihrem Alltag gelebt zu haben. 

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Neben dem Austausch darf ich nicht mein eigenes Leben mit meinen Freund*innen, meinen Beruf und meine Freizeit vergessen. Ich muss Einsatzpläne erstellen, die Abrechnungen machen, Geld überwiesen. Ich bin eine Arbeitgeberin, mit allen Pflichten und Verantwortungsbereichen, die das mit sich bringt.

Das Modell der Persönlichen Assistenz bedeutet für mich die größte Freiheit, die ich mir jemals hätte erträumen können. Es gibt für mich keine Grenzen, oder nur sehr wenige. Ich reise, ich gehe aus, ich arbeite, ich treffe Freund*innen, ich führe meinen Haushalt und kann meine ganz persönlichen Gewohnheiten ausleben, wann und wie ich es mag. Mir begegnen hier Menschen, die ich in einem Leben ohne Assistenz nie getroffen hätte. Nie hätte ich so viel lernen und erfahren dürfen.

Eine normale Schicht meiner Assistentinnen beginnt gegen Mittag und dauert in der Regel 24 Stunden. In diesen Stunden ist die Aufgabe der Assistenz, mein verlängerter Arm zu sein und mich in meinen Plänen‚ die Weltherrschaft an mich zu reißen, zu unterstützen. Egal, was ich mache, die Assistenz ist „Hand und Fuß“, ein Schatten, der immer in Sichtbarkeit rückt, wenn er gebraucht wird. Aber sonst auch eben nicht. 

Unmittelbare, gefühlte Kommunikation

Meine Assistentin Ewgenia, die schon seit drei Jahren bei mir arbeitet, sagt dazu: „Für mich liegt die Herausforderung dieser Arbeit darin, mich, meine Befindlichkeiten, Meinungen und Vorstellungen selbst zurückzustellen und dabei trotzdem authentisch zu bleiben. Und das ist gleichzeitig auch das Schönste – nicht die hohe Sicherheit der Anstellung, die hohe Flexibilität und genug Zeit für Eigenes, sondern genau diese Balance, die es erlaubt, dass zwischen uns eine besondere Kommunikation entsteht. Es ist eine unmittelbare, gefühlte Kommunikation, die mir das Gefühl gibt, ein Teil von etwas Größerem zu sein und wirklich zu helfen.“

Ob wir, meine Assistentinnen und ich, Freundinnen sind, werde ich oft gefragt. Darüber muss ich immer schmunzeln, weil ich mit jeder einzelnen Assistentin inzwischen ein gutes Team bin, viele Dinge funktionieren wortlos über Augenkontakt, so dass wir synchron nebeneinander wirken. Natürlich ist es von Vorteil, wenn man sich mag, wenn man über die gleichen Dinge lacht und ähnliche politische Ansichten hat. Auch ein ähnlicher Kleidungsstil ist nicht ganz unwichtig, sowie das Gefühl für Sauberkeit in der Wohnung, schließlich begleiten mich die Assistentinnen den ganzen Tag. Dennoch darf die Freundschaft nicht die Priorität sein, wenn man die Unterschrift unter den Arbeitsvertrag setzt. 

[Außerdem auf ze.tt: Warum ein großer Altersunterschied eine Freundschaft wertvoll machen kann]

In erster Linie handelte sich um ein Arbeitsverhältnis mit einem klaren Ziel: Die Absicherung unserer beider Leben. Es ist wie mit der Liebe: Es ist wie es ist, manchmal entstehen Dinge und Gefühle, dagegen sollte man sich nicht sträuben, finde ich. 

Am 1. Dezember 2018 feiere ich mein zehnjähriges Jubiläum. In diesen Jahren habe ich in großem Tempo gelernt: Ich bin noch lange nicht erwachsen, das Leben mit Assistenz gleicht einer Unternehmensführung. Ich habe gelernt, dass ich immer wieder etwas über Menschen lernen möchte und dass zum Chefinsein klare Kommunikation und sanfte Grenzsetzung gehört, aber auch das Ernstnehmen des Feedbacks der Mitarbeiterinnen. Trotz mancher Herausforderungen, der körperlichen Abhängigkeit und Momenten der Erschöpfung, habe ich den mutigen Schritt in das selbstständige Leben nie bereut. Im Gegenteil.