Leopoldina: Warum Expert*innenteams zu homogen sind

Die Nationale Akademie der Wissenschaften veröffentlicht Empfehlungen zur Wiederaufnahme des sozialen Lebens nach der Corona-Krise. Das Expert*innenteam besteht überwiegend aus weißen Männern. Unsere Gesellschaft nicht. Ein Kommentar

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Das Hauptgebäude der Leopoldina in Halle. Foto: © Markus Scholz für die Leopoldina

Wie lange müssen wir uns noch von älteren Familienmitgliedern fernhalten? Wann können Schulen, Kitas und Universitäten wieder lehren und betreuen? Wann werden Restaurants und Bars wieder öffnen? Antworten auf diese und andere Fragen bietet die Nationale Akademie der Wissenschaften Leopoldina in ihrer aktuellen Stellungnahme Coronavirus-Pandemie – Die Krise nachhaltig überwinden.

Bundeskanzlerin Angela Merkel hatte die Studie der Leopoldina als „sehr wichtig“ für das weitere Vorgehen nach Ostern bezeichnet. Eine Verantwortung, die nun auf einer Gruppe von 24 Experten und lediglich zwei Expertinnen zwischen 51 und 78 Jahren lag.

Wer sitzt in der Leopoldina?

Die Nationale Akademie der Wissenschaften, kurz Leopoldina, ist eine Gesellschaft von Wissenschaftler*innen mit knapp 1.600 Mitgliedern verschiedenster Fachrichtungen. Sie berät die Bundesregierung regelmäßig bei wissenschaftlichen Fragen, wie jetzt in der Corona-Krise. Was das Expert*innenteam empfiehlt, kann einen maßgeblichen Einfluss darauf haben, was die Bundesregierung beschließt.

Dieser Verantwortung scheint sich die Leopoldina bewusst und formuliert zu Beginn ihrer Empfehlungsschrift Folgendes: „Die aktuellen politischen Entscheidungen zur Bewältigung der Krise müssen die Mehrdimensionalität des Problems anerkennen, die Perspektiven von unterschiedlich Betroffenen und unterschiedlich Gefährdeten berücksichtigen sowie die jeweiligen Abwägungsprozesse offenlegen und entsprechend kommunizieren.“ 

Die Lebensrealitäten der in Deutschland lebenden Menschen unterscheiden sich stark. In der Zusammensetzung des Expert*innenteams spiegelt sich das allerdings nicht wider. Unter den insgesamt 26 Expert*innen, die an der Stellungnahme mitgearbeitet haben, finden sich zwar Physiker, Wirtschaftswissenschaftler, Mediziner*innen, Psychologen, Biolog*innen, Mathematiker, Rechtsphilosophen, Chemiker, Informatiker und Theologen – aber mit Armin Nassehi nur ein Soziologe und mit Bärbel Friedrich (Mikrobiologie) und Claudia Wiesemann (Medizin und Medizinethik) eben auch nur zwei Frauen.

Ein sichtbarer Migrationshintergrund lässt sich ebenfalls nur bei Armin Nassehi feststellen. Zudem sind alle Expert*innen Professor*innen. Repräsentativ für unsere Gesellschaft ist das nicht.

Öffentliche Kritik an der Zusammensetzung des Teams

Als die Userin Elena Pieper auf Twitter auf diesen Umstand aufmerksam macht, schwärmen ihr übereifrige Männer in die Kommentare, um zu erklären, dass bei solch einer Expert*innengruppe vor allem eins zähle: die Kompetenz. Mit dem Geschlecht habe das wenig zu tun.

Ähnlich argumentieren etwa Quotengegner*innen, wenn es um die Forderung nach mehr Repräsentation von Frauen, Arbeiterkindern, Ostdeutschen oder Menschen mit Migrationshintergrund in Führungspositionen geht. Wer so die Zusammensetzung einer essentiellen Expert*innenrunde legitimiert, vergisst, dass Expert*innen vor allem Menschen mit einer durch ihre Umgebung und Sozialisierung geprägten Sicht auf die Welt sind.

Eine Gruppe von Männern wird in Diskussionen den Schwerpunkt auf Themen setzen, die sie als Männer für wichtig halten.

Es gibt massenhaft wissenschaftliche Forschung dazu, dass eine eher homogen zusammengesetzte Gruppe, also zum Beispiel eine Gruppe von überwiegend Männern, in Diskussionen – beabsichtigt oder nicht – den Schwerpunkt auf Themen setzt, die sie auch am ehesten betreffen. Themen, die Frauen oder marginalisierten Menschen den Alltag erschweren, werden demnach weitaus weniger besprochen, wenn es innerhalb der Runde niemanden gibt, der*die auf sie aufmerksam macht.

Diversere Teams bedeuten diversere Perspektiven

Mehr Frauen oder mehr Soziolog*innen im Empfehlungsteam hätten so etwa vielleicht zu einem größeren Fokus auf die Umverteilung der Care-Arbeit und die Entlastung jener, die diese verrichten, geführt. Weltweit wird 75 Prozent der Care-Arbeit von Frauen erledigt. Das ändert sich auch in Zeiten von Corona nicht, im Gegenteil: die Mehrbelastung steigt. Das erkennt die Leopoldina in einem Nebensatz zwar an, weiter ausführen tut sie es aber nicht.

Dabei ist es ein Fehler, keine umfassenden Empfehlungen zur möglichen Entlastung von Frauen zu geben. Sind es doch gerade sie, die momentan überdurchschnittlich oft in systemrelevanten Berufen arbeiten. Mit einer Aussicht auf baldige Wiedereröffnung der Schulen ist es da nicht getan.

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Screenshot Twitter: © @DGB_Frauen

Ähnlich verhält es sich mit der Beteiligung rassifizierter Menschen an solchen Gremien. Seit Wochen etwa machen asiatische und asiatisch-aussehende Menschen unter dem Hashtag #IchBinKeinVirus darauf aufmerksam, dass sich rassistische Übergriffe gegen sie aufgrund des Corona-Stigmas häufen. Probleme wie diese werden in der Stellungnahme nicht berücksichtigt. 

Enttäuschend ist auch, dass etwa weder Mitarbeitende aus dem Einzelhandel noch Lehrer*innen in den Empfehlungsrat geholt wurden. Letztere hätten in den vorangegangenen Diskussionen mit Sicherheit den Einwand geäußert, dass die Maskenpflicht unter Grundschüler*innen, genauso wie eine Distanzpflicht in Klassenräumen und auf dem Schulhof sehr schwer durchzusetzen ist. Zudem wird ein Gremium, das einzig aus Akademiker*innen besteht, wohl kaum nachvollziehen können, wie sich Supermarktkassierer*innen oder LKW-Fahrer*innen gerade fühlen.

So wird in dem Bericht der Leopoldina vor allem eines deutlich: Die ergänzenden Perspektiven, von denen noch am Anfang der Stellungnahme gesprochen wird, werden ignoriert, „die Perspektiven von unterschiedlich Betroffenen“ eben doch nicht mit einbezogen.

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