Lernen mit Behinderung: Diese digitalen Angebote haben mich in der Schulzeit unterstützt

Dank digitaler Medien können Schüler*innen mit Behinderung die Schule leichter meistern. Unser Schulreporter stellt seine wichtigsten Hilfsmitteln vor.

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Unser Schülerreporter erzählt, wie wichtig digitale Medien beim Lernen für ihn sind. Foto: James Tarbotton / Unsplash | CC0

In unserer Reihe Aus der Schule schreiben Schüler*innen für ze.tt, was sie in ihrem Alltag bewegt.


Ich bin schwerbehindert. Auf meinem linken Auge bin ich nahezu blind, außerdem habe ich von Geburt an Probleme mit der Feinmotorik, weshalb ich seit der ersten Schulklasse immer am Computer schreiben muss. Hinzu kommt Dyskalkulie, das heißt: Ich kann – bis auf die Grundrechenarten – keine Matheaufgaben ohne den Taschenrechner lösen.

Um mir das Lernen so einfach wie möglich zu machen, werde ich seit 2008 vom Landesförderzentrum Sehen in Schleswig (LFS) unterstützt. Das LFS stellt mir unter anderem die Programme für meinen Rechner in der Schule zur Verfügung. Des Weiteren werde ich regelmäßig zu Seminaren eingeladen, in denen ich unter anderem erfahre, wie ich im Unterricht mit einem E-Book-Reader arbeite.

Ich bin also in der Schule nicht nur permanent auf technische Hilfsmittel angewiesen – ich kenne mich inzwischen auch mit einer Vielzahl von Programmen und Tools aus. Meine wichtigsten Hilfsmittel, die ich nutze und genutzt habe, möchte ich hier vorstellen. Als Empfehlung, und um zu zeigen, wie wichtig digitale Medien für Menschen mit Behinderung in der Schule sind.

Online Stromkreise zeichnen

In Physik hatten wir lange Zeit das Thema Gleichstrom beziehungsweise Stromkreise. Da meine Motorik nur eingeschränkt funktioniert und ich so nicht in der Lage bin, die Schaltungen selbst zu zeichnen, benutze ich die Webseite Virtuelles Gleichstromlabor von PhET Interactive Simulations der University of Colorado Boulder. Mit dem Dokument kann man eine Schaltung mit verschiedengroßen Widerständen simulieren und Veränderungen des Widerstands und der Spannung anschaulich darstellen.

Noten schreiben mit MuseScore

Ich kann aufgrund der fehlenden Feinmotorik keine Noten schreiben, was im Musikunterricht durchaus hinderlich ist. Neulich schlug mir mein Lehrer vor, doch mal das Open-Source-Notenschreibprogramm MuseScore auszuprobieren. Dabei bekommt man beim Starten des Programms ein leeres Notenblatt vorgesetzt, in das man allgemeine Daten wie den Titel des Songs, den*die Komponist*in beziehungsweise die Band eintragen muss. Im nächsten Schritt wählt man das zu spielende Instrument aus und legt die Tonhöhe fest. Danach kann man durch Druck auf den Buchstaben der zu spielenden Note die Note auch auf dem Papier schreiben. Die Partitur lässt sich am Schluss entweder ausdrucken oder als Datei auf dem Computer speichern.

Zugriff auf Schullektüre über Onleihen

Über die Ferien bekommen wir manchmal sogenannte Lesetagebücher als Langzeithausaufgabe auf. Dabei lesen wir Bücher, die als Pflichtliteratur an deutschen Schulen auf dem Lehrplan stehen. In der fünfte Klasse war es das Buch Rache@ von Antje Szillat, in der neunten Klasse der Roman Die Welle von Morton Rhue.

Diese beiden Bücher bekamen wir als Taschenbuch zur Verfügung gestellt und sollten damit arbeiten. Das Problem für mich war nur: Die Schrift war im Original so klein geschrieben, dass ich die Bücher so nicht lesen konnte. In solchen Situationen kommt der E-Book-Reader zum Einsatz. Mit ihm kann ich die Schriftart, die Schriftgröße sowie die Helligkeit optimal für meine Bedürfnisse einstellen.

Für den Reader habe ich ein Abo in einer sogenannten Onleihe abgeschlossen. Das ist ein Verband von internationalen Bibliotheken, die ihre Bücher für registrierte Nutzer*innen kostenlos zum Ausleihe-Download bereitstellen. Viele Medien sind barrierefrei nutzbar. Und das Beste ist: Man muss sich keine Gedanken mehr darüber machen, wann man das Buch zurückgeben muss. Das erledigt der Reader automatisch nach bis zu 21 Tagen. Wenn ich ein Buch später noch einmal für den Unterricht brauche, leihe ich es mir einfach ein weiteres Mal aus.

Digitale Übungsbücher

Wenn ich im Unterricht etwas nicht verstanden habe, schlage ich in einem meiner digitalen Übungsbücher nach. Hierfür benutze ich die Trainingsbücher aus dem Stark-Verlag, weil ich sie besonders gut aufbereitet finde. Der Einstieg in einzelne Kapitel ist beispielsweise lebendig gestaltet – mal mit einem Text aus einem aktuellen Buch, mal mit einem Zeitungsartikel, mal mit einer Studie. Zu jedem Buch, das den Zusatz Active Book trägt, gibt es einen Code für die Onlineversion. Am Ende jedes Buches gibt es einen Abschlusstest, in dem noch einmal viele Themen des Buches drankommen. Damit kann ich mich hervorragend auf Prüfungen vorbereiten.

Erklärvideos auf YouTube

Das Gute an meinem Unterricht ist: Meine Lehrer*innen benutzen häufig die Lernvideos vom explainity education-project. Dieser YouTube-Kanal befasst sich mit einer Vielzahl von Themen und fasst sie in zwei- bis fünfminütigen Videos zusammen. Zum Beispiel, wie die Europawahl funktioniert, aber auch, was eine Krankenversicherung genau macht. Wenn ich für Klassenarbeiten in Wirtschaftslehre lerne, schaue ich mir einzelne Videos häufig noch einmal in Ruhe an und kann mir Notizen zum Thema machen.

Man sieht also an mir, wie wichtig und gewinnbringend digitale beziehungsweise barrierefreie Medien im Allgemeinen beim Lernen sind. Um es mit den Worten von Menschenrechtsaktivist Raul Krauthausen zu sagen: „Kreativ genutzt können digitale Technologien Hilfe neu definieren – und Barrieren abbauen.“