Liebe im hohen Alter: Vier Über-70-Jährige erzählen von ihren Dates

Die Liebe zu finden, wird auch im hohen Alter nicht einfacher. Vier ehemalige Singles der Generation 70 plus erzählen von ihren Erfahrungen.

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Liebe kennt kein Alter. Foto: rawpixel / Unsplash | CC0

Das Herz klopft, die Hände schwitzen, hoffentlich versagt das Deo nicht – egal wie es abläuft, das erste Date ist immer stressig. Ist er genauso lässig, wie er sich auf Tinder gibt? Was, wenn wir nichts zu reden haben? Und überhaupt, warum mache ich das noch mal?
 Die Aufregung rund um das Dating kennt jede*r von uns.

Aber wie ist es eigentlich, mit über 70 nochmal auf Partner*innensuche zu gehen und sich auf einen neuen Menschen einzulassen? Zwei Paare erzählen, wie es war, noch einmal zu daten, sich zu verlieben und welche Schwierigkeiten es dabei gab.

Renate (79) und Wolf-Dieter (74): Liebe auf den ersten Klick

„Ich kann eigentlich gar nicht Flirten“, erzählt Renate. „Ich finde das ein bisschen langweilig. Was nützt das, wenn wir keine gemeinsamen Interessen haben?“ Elf Jahre lang surfte die 79-Jährige in einem Forum für die Generation 60+, bis sie ihren jetzigen Partner kennenlernte. Nach der Trennung von ihrem ersten Mann zog sie in den Schwarzwald, hatte kaum Freund*innen oder persönliche Kontakte.
 
Im Forum meldete sie sich anfangs nur an, um neue Menschen kennenzulernen, später suchte sie dort auch nach einem Partner.

Man trifft sich ja nicht nur, um mal schnell hinter dem Busch zu verschwinden.

Renate, 79

Aber die Männer, die sie online kennenlernte, waren so gar nicht auf der Suche nach einer festen Bindung, ganz im Gegenteil: Sie interessierten sich nur für Sex. „Die haben die Illusion, mit einer Frau könnten sie noch mal so richtig loslegen“, erzählt Renate. „Man trifft sich ja nicht nur, um mal schnell hinter dem Busch zu verschwinden.“

„Partnersuche ist schon längst nicht mehr etwas, das nur in jungen Jahren ansteht“, erklärt der Frankfurter Soziologe Kai Dröge, der auch zu Onlinedating forscht. „Die Generation der 68er kommt jetzt langsam auch ins Rentenalter, die wollen auch heute noch ihren Spaß haben und Beziehungen leben. Dabei sind die Unterschiede zwischen alt und jung weniger groß, als man denken könnte.“

Das sieht Renate anders: „Ich habe heute ganz andere Erfahrungen gemacht als noch vor zehn Jahren. Ich habe keine Ahnung gehabt, wie blöd Männer ticken, deswegen habe ich sehr schnell dazu gelernt.“ Mit einer Art Fragenkatalog prüfte sie fortan, ob ein Mann zu ihr passte: „Wenn ich merkte, dass die nur Busreisen machen wollten, dann habe ich das sofort beendet.“ Für Renate blieb oft nur Frust und Enttäuschung: Die Dreistigkeit und der starke Fokus auf Sex, die an den Tag gelegt wurden, nervten sie irgendwann so sehr, dass sie den Spieß umdrehte. Sie sammelte die schlechten Anmachversuche der Männer und veröffentlichte sie im Forum.

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Renate und Wolf-Dieter. Foto: Lucie Wittenberg

Vor viereinhalb Jahren bekam sie wieder eine Nachricht von einem Mann, der sie treffen wollte. Wolf-Dieter gefiel ihr Profil so gut, dass er sie nach einem kurzen Chat spontan auf einen Kaffee einlud. In einem Café in der Freiburger Altstadt trafen sich die beiden und merkten auf Anhieb eine besondere Anziehung.

Vor dem ersten Treffen war die Aufregung groß: „Meine Erwartungen waren mit gemischten Gefühlen verbunden. Ich war neugierig auf sie, wie wirkte ihre Stimme, ihre Ausstrahlung? Wie verläuft unser erstes Gespräch?“, erzählt der 74-Jährige. „In meinen jungen Jahren verliefen Rendezvous, wie man es damals nannte, natürlich anders. Das Flirten war eher holprig, schüchtern, ja unbeholfen.“ Junge Menschen hätten es da leichter, weil sie offener und freier an das Dating herangehen würden.

Als Renate ihm an dem Sommertag in die Augen schaut, denkt sie: „Das ist es.“ Auch Wolf-Dieter geht es ähnlich: „Bei unserer ersten Begegnung hatte ich ein Gefühl der Vertrautheit. Es war so, als würde ich Renate schon lange kennen.“ Nach ihrem Treffen laufen die beiden Hand in Hand durch die Stadt, gehen im Wald spazieren. Einige Zeit später zieht Wolf-Dieter sogar in die Wohnung neben Renate, bis heute wohnen sie Tür an Tür.

„Ältere Menschen sind erfahrener und wissen eher, was sie wollen“, so Dröge. „Damit stehen sie sich aber auch selbst im Weg. Liebe braucht eine gewisse Offenheit, damit man sich auf einen Menschen mit all seinen Eigenheiten wirklich einlassen kann. Das macht das Ganze ja so aufregend.“

Barbara (73) und Heinz (93): Keinen Bock mehr auf Liebe

Anders als Renate und Wolf-Dieter lernten sich Barbara und ihr Mann Heinz ganz oldschool im echten Leben kennen. 
Doch: „Es war nicht gerade Liebe auf den ersten Blick. Ich war nicht auf Partnersuche“, erzählt der ehemalige Lebensmittelchemiker. Vor sieben Jahren kamen sie sich bei einem Theaterworkshop in ihrer Senior*innenresidenz näher.

Ich war irgendwann entschlossen, sie mir zu angeln!

Heinz, 93

Barbara hatte bereits ein Auge auf den 93-Jährigen geworfen und überredete ihn mitzumachen. „Ich hab sofort gewusst, dass ich den Mann haben möchte“, sagt die 73-Jährige. Doch auch an Heinz ging der Kurs nicht spurlos vorbei: „Umso mehr wir geredet haben oder essen gegangen sind, umso besser haben wir uns kennengelernt. Ich war irgendwann entschlossen, sie mir zu angeln!“

Barbara und Heinz
Die beiden Turteltäubchen Barbara und Heinz. Foto: Lucie Wittenberg

Als Barbara Urlaub in Gran Canaria macht, telefonieren die beiden täglich mehrere Stunden. Irgendwann fassen sie den Entschluss, dass er sie dort besuchen sollte, obwohl die beiden noch gar nicht zusammen waren. Heinz mietet ein Haus, das direkt neben Barbaras ist, verbunden durch eine abgeschlossene Verbindungstür. Schnell fragen sie an der Rezeption des Urlaubsortes nach, ob die Tür geöffnet werden könne. „Mutig, wie ich dann dachte zu sein und sein zu müssen, bin ich dann als erster durch die Türe gegangen“, schildert Heinz aufgeregt. „Wir waren immer sehr direkt. Das ist immer ein Vorteil vom Alter, dass man da nicht mehr drumherum redet“, stellt Barbara fest. „Die Zeit des Flirtens war dann sehr intensiv, ob der einen den anderen an die Hand nahm oder wir uns viel voneinander erzählten.“

Zurück in Deutschland und in ihrer Residenz verbringen sie die Sommerabende am nahegelegenen See, gehen schwimmen. „Die Phase des Verliebtseins, die mit 20 sehr überschwänglich und sehr laut war, die war eigentlich relativ kurz. Dann ist es in so ein Aufatmen übergegangen, in ein Gelassensein“, schwärmt Renate über ihren Mann. Nach drei Jahren gaben sich die beiden nämlich das Ja-Wort, für Heinz ist das mit 90 Jahren die erste Ehe. Die zwei Norddeutschen sind damit übrigens nicht allein: Das älteste Brautpaar der Welt heiratete 2015 mit 91 und 93 Jahren in Stockholm.

„Wir beide sind dankbar und glücklich, dass es uns so gut geht“, ergänzt Heinz. „Ich habe Verheiratetsein durch Barbara gelernt. Wir lernen voneinander, anstatt uns zu zanken.“
Ihre Hochzeit feierten die beiden in einem kleinen Kreis, später gab es eine Party in der Residenz: Dass sich hier Menschen noch verlieben oder gar am Ende heiraten, sei ziemlich ungewöhnlich, erzählen die beiden.

So unterschiedlich die Wege ihres Kennenlernens auch waren, so sehr ähneln sich die zwei Paare in ihrer Ansicht über Beziehungen: „Macht euch nicht so viele Gedanken, lebt, probiert euch aus“, rät Renate. Und auch Barbara findet: „Einfach nicht suchen und offen bleiben.“

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