„Liebe Kolleg:innen“: Stadt Lübeck nutzt seit heute gendersensible Sprache

Zum Jahreswechsel stellt Lübeck die Sprache der Verwaltung um. Künftig will die Stadt alle Menschen ansprechen. Ein Kurzinterview mit dem Bürgermeister.

Gendern Luebeck

So werden von Mitarbeitenden der Stadt Lübeck künftig Kolleg*innen genannt. Illustration: © ze.tt

Wenn in einem Schriftstück der Stadt Lübeck künftig von Menschen die Rede ist, mit denen man zusammenarbeitet, dann wird dort Kolleg:innen stehen. “Gender:Doppelpunkt” nennt die Stadt diese Art, genderneutral zu formulieren. „Spätestens seit dem Urteil des Bundesgerichtshofes, das das Recht auf Anerkennung eines dritten Geschlechts bestätigt und zu neuen gesetzlichen Änderungen führte, besteht auch für die Verwaltung der Hansestadt Lübeck Handlungsbedarf“, sagt Bürgermeister Jan Lindenau (SPD) dem Redaktionsnetzwerk Deutschland. Neben Lübeck haben unter anderem Hannover und Flensburg die Sprache der Verwaltung angepasst.

Anders als etwa bei ze.tt, wo wir das „*“ verwenden, nutzt die Stadt Lübeck einen Doppelpunkt. Zur Begründung heißt es in einem Leitfaden vom 2. Dezember 2019 für Mitarbeitende der Stadt: „Der Doppelpunkt zieht das Wort nicht auseinander wie der Unterstrich oder das Sternchen und bezieht trotzdem alle Personen mit ein.“

Wir haben den Bürgermeister einige Fragen gestellt. Er bestand darauf, die Fragen schriftlich zu beantworten.

Herr Lindenau, seit genau einem Monat gilt in Lübeck für Mitarbeitende der Verwaltung nun der Leitfaden für geschlechtergerechte Sprache. Wie sind die Reaktionen aus der Bevölkerung?

Jan Lindenau: Die Einführung erfolgte zum Jahreswechsel 2019/2020. Somit haben wir noch keine konkreten Erfahrungen. Erste Reaktionen aus der Bevölkerung gibt es bereits und reichen von „endlich das richtige Signal“ bis „muss das denn sein, haben wir nicht andere Probleme“.

Wie kommen die Angestellten im Rathaus und den stadteigenen Betrieben mit der Sprache zurecht?

Lübecks Bürgermeister Jan Lindenau
Jan Lindenau, 40, ist seit Mai 2018 im Amt. Foto: © dpa / Christian Charisius

Da die Einführung erst vor wenigen Tagen in der Verwaltung kommuniziert wurde, werden wir das abwarten müssen. Ich bin allerdings optimistisch, dass es zu keinen größeren Schwierigkeiten kommen wird.

In Ihrem Leitfaden heißt es „In diesem Zusammenhang ist allerdings zu beachten, dass es heute in manchen Kontexten (noch) unangemessen ist, eine andere Anrede als ‚Sehr geehrte Frau/sehr geehrter Herr‘ bzw. ‚Sehr geehrte Damen und Herren‘ zu verwenden.“ Welchen Zusammenhänge sind hier gemeint?

Hier könnte es zum Beispiel um die protokollarische Anrede von Staatsgästen gehen. Oder aber in der Kommunikation mit Menschen, die beispielsweise heute noch die Grußformel „Hochachtungsvoll“ verwenden statt „Mit freundlichen Grüßen“. Wie bei jedem Handeln der Verwaltung gilt es Sensibilität und Fingerspitzengefühl einzusetzen. Wir wollen überzeugen, Offenheit für Neues befördern und nicht verschrecken.

Wie viele Formulare müssen Sie anpassen? Wie lange wird die Umstellung Ihrer Meinung nach dauern?

Wir haben uns die sukzessive Umstellung in der Verwaltung vorgenommen. Im Jahr 2020 fangen wir an. Da wir gegenwärtig ohnehin viele Formulare aufgrund des Online-Zugangsgesetzes angehen und digitalisieren ist dies ein guter Zeitpunkt. Nach dem Online-Zugangsgesetz wollen wir bis 2022 fertig sein. Wir reden hier von über 500 Prozessen mit teilweise mehreren Formularen.

Gab es schon Anfragen aus anderen Städten, die sich für die Umsetzung eines solchen Leitfadens interessieren?

Nein, bisher nicht. Wir haben uns allerdings Tipps bei anderen Städten geholt, etwa aus Flensburg.

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