Liebe Menschen, schminkt euch so viel, wie ihr wollt!

Sind Menschen, die sich schminken, unnatürlich oder unfeministisch? Unsere Autorin sagt: nein. Ein Kommentar

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Schminke für alle! Denn sie kann auch Freiheit bedeuten. Illustration: Elif Küçük / ze.tt

Es gab eine Zeit, da wollte ich aufhören, mich zu schminken. Ich wollte weg von täglichen Lastern, dafür länger schlafen, Geld sparen und einfach mal spontan irgendwo übernachten, ohne das Schminktäschchen dabei zu haben; und trotzdem am nächsten Tag ins Büro gehen und mich fantastisch fühlen. Schnell fiel mir aber auf, dass ich fürs morgendliche Scrollen durch die Facebook-Timeline weitaus mehr Zeit verschwende als die fünf Minuten, die ich mit dem Schminkpinsel vor dem Spiegel verbringe, dass Schminke nicht teuer sein muss, und dass ich ohnehin nicht gerne irgendwo spontan übernachte, weil ich mein eigenes Bett liebe. Was spricht also dagegen, dass ich mich weiterschminke?

Vieles, werden manche verständnislos sagen, wie etwa der Zwang, es zu tun. Die Soziologin Barbara Kuchler spricht gar von einem „Regime des Gutaussehenmüssens“. In einer Schminkdiktatur lebe ich meinem eigenen Gefühl nach nicht. Das fände Kuchler nicht verwunderlich, immerhin würden wir hier von einem Zwang sprechen, der sich nicht erzwungen anfühlen soll: gesellschaftliche Normen und Codes werden auf diese Weise verinnerlicht, sie fühlen sich eben normal an. Ist das ein starkes Argument gegen das Schminken? Darauf will ich später eingehen. An dieser Stelle interessiert mich viel mehr die Forderung, mit der solche Feststellungen von Schmink-Gegner*innen wie Kuchler oft einhergehen: Ich habe aufgehört mich zu schminken, warum tut ihr Ewiggestrigen es eigentlich noch?

Können geschminkte Frauen nicht frei sein?

Diese Inszenierung des Pionier*innentums in dieser Debatte irritiert mich oft – wird sie doch hierzulande schon seit Jahrzehnten geführt. Schon in den 1960er-Jahren sprachen US-amerikanische und europäische Theoretiker*innen von einem Weiblichkeitswahn, BHs wurden verbrannt, um gegen Schönheitsnormen zu protestieren. An manchen Tagen bin auch ich zu faul, meine Pyjamahose gegen eine Jeans zu tauschen, geschweige denn, mich zu schminken. Dann sitze ich im Restaurant, völlig blass, aber zufrieden. Wie eine Kämpferin fühle ich mich dann nicht, vor allem nicht eine im Kampf gegen die anderen.

Ich blicke dann in die strahlenden und geschminkten Gesichter meiner Freund*innen – und freue mich für sie und über den schönen Anblick. Diese Freude können offenkundig nicht alle teilen. Erst kürzlich erschien auf ze.tt ein viel diskutierter Artikel der Autorin Katja Lewina mit dem Titel: Was passierte, als ich aufhörte, mich zu schminken. Sie beschreibt, wie „verdammt großartig“ sich ihr neues Selbstbild anfühle. Gleichzeitig scheint die Autorin verärgert über Menschen, die sich weiterhin schminken. Um genauer zu sein: über Frauen. Ihr Blick auf andere Frauen habe sich verändert, schreibt sie, er sei „schärfer“ geworden.

Dabei stellt Lewina zunächst fest: „Tatsächlich ist es ein großes Glück, dass wir in Zeiten und Gefilden leben, in denen wir mit unserem Körper so ziemlich alles anstellen können, was wir wollen.“ Dieses Glück ist eigentlich ein Privileg, das nur auf gewisse Menschen zutrifft, deren Körper und dessen Auftreten einer bestimmten Norm entsprechen, während trans* Menschen etwa weiterhin viele politische und soziale Kämpfe austragen müssen bis zu einer Geschlechtsangleichung, intersexuelle oder nicht-binäre Menschen immer noch diskriminiert werden oder Hijab tragende Frauen ständig unter Beschuss stehen. Doch gerade Menschen, die dieses Privileg anpreisen, hindert es leider nicht daran, die Körper anderer, insbesondere von Frauen, nach bestimmten Richtmarken zu bewerten und ihnen ihre Freiheit oder Selbstständigkeit abzusprechen.

Schminken ist eine jahrhundertealte gesellschaftliche Praxis

An dieser Stelle kommt sicherlich das Argument: Was hat es mit dem freien Willen zu tun, wenn Menschen sich nur schminken, weil sie es so gelernt haben? Sehr gut aufgepasst im Philosophieunterricht der zehnten Klasse! Rückfrage: Bei was ist das eigentlich nicht so? Es ist keine revolutionäre Einsicht, zu erkennen, dass das Wohlbefinden, das wir dadurch gewinnen, geschminkt zu sein, auch von der Anerkennung durch andere abhängig ist. Beides steht oftmals in Relation zueinander und nennt sich Leben in der Gesellschaft. Es macht das Erlebte jedoch nicht weniger real und erstrebenswert.

Was weiß ich über die Menschen und deren Schönheitsverständnis, die sich auf die eine oder andere Art und Weise schminken? Was weiß ich über deren Leben?

Menschen wie Barbara Kuchler haben sich also held*innenhaft trotz des gesellschaftlichen Drucks gegen den Schminkkasten entschieden, während sie beobachten, was andere Frauen „[…] alles mit ihrem Körper anstellten, um angeblich gut auszusehen“, wie Lewina in ihrem Text schreibt. Warum „angeblich“? Wäre die Autorin in eine andere Zeit, in eine andere Klasse, in ein anderes Umfeld geboren, hätte sie sicherlich andere Vorstellungen von gut und schön gehabt. Geschmack ist auch wie Wertevorstellungen eine Kategorie, die stark von der sozialen Position eines Menschen abhängt. Was weiß ich über die Menschen und deren Schönheitsverständnis, die sich auf die eine oder andere Art und Weise schminken? Was weiß ich über deren Leben? Und wer gibt mir das Recht, mein Verständnis von Schönheit über ihres zu stellen?   

Schminken ist eine kulturelle Praxis, die an verschiedenen Orten der Welt seit Jahrtausenden gang und gäbe ist – lange, bevor die westliche Kosmetikindustrie sie für sich entdeckte. Diese als wertlos oder schändlich hinzustellen, offenbart eine gewisse Ironie, gerade wenn dieser Vorstoß von Menschen kommt, die sich als besonders progressiv oder humanistisch verstehen.

Schminken ist nicht etwas ausschließlich Weibliches

Eines der grundlegendsten Argumente von Schmink-Gegner*innen ist: Frauen, die sich schminken, zementieren Geschlechterrollen, sie sind mitverantwortlich für gewisse Asymmetrien, wie etwa dass es bei Frauen mehr aufs Aussehen ankommt als bei Männern. Die, die sich den Rollen fügen, sind unfrei und schlussendlich auch unfeministisch oder zumindest kein feministisches Vorbild. Zu allererst: Es stimmt zwar, dass Körper von Menschen, die als Frauen definiert werden, in unserer Gesellschaft stärker durch Schönheitsnormen reguliert sind, aber nein, Schminke ist nicht etwas exklusiv Weibliches. Und selbst, wenn es das sein sollte, wäre es ein Grund mehr, Schminke zu demokratisieren!

Auch Männer, die etwa über den roten Teppich laufen, kommen frisch aus der Maske. Ich kenne viele Männer und nicht-binäre Personen in meinem Umfeld, die sich im Alltag schminken. Manchmal schminke ich meinen Freund. Er freut sich jedes Mal wie ein kleines Kind, mehr noch: An diesen Abenden sehe ich ihn in der Bar selbstzufrieden schmunzeln, wenn er in sein Spiegelbild schaut. Ja, wahrscheinlich würden die wenigsten Menschen in unserer heteronormativen Gesellschaft es nachvollziehen können, dass erwachsene Menschen, die keine Frauen sind, sich gerne schminken. Aber genau darum geht es: um die Irritation vorherrschender Bilder und Zuschreibungen. Dazu gehört auch, die Vorstellung zu stören, dass die ideale, selbstbewusste, feministische Frau sich nicht schminkt. Innerhalb unserer gesellschaftlichen Prägung gibt es unmittelbare Freiräume, und jeder Mensch entscheidet selbst, wie er die füllt: mit Schminke, mit Highheels, nackt, verhüllt oder mit Arschgeweih.

Es gibt kein wahres Ich. Und wenn, ist es nicht unbedingt ungeschminkt

Es geht nicht darum, dass geschminkte Frauen – auch diese Denke ist übrigens strikt heteronormativ – Männern was fürs „Auge bieten wollen“, wie Kuchler schreibt, oder nichts „besseres in ihrem Leben zu tun haben, als andere über ihr Äußeres zu bescheißen“, wie Lewina. Ganz im Gegenteil, die meisten Frauen, darunter Women of Color, haben genug Kämpfe auszutragen: Sie müssen sich fragen, warum für sie gewisse Karrierestufen oder Bildungswege unerreichbar sind, wie sie sich gegen Sexismus und Diskriminierung wehren können. Sie haben einfach Besseres zu tun, als sich mit pseudophilosophischen Fragen zu beschäftigen, was es mit ihrem Selbstbild macht, wenn sie kein Make-up im Gesicht tragen. Hinzu kommt: Menschen gewinnen durch die Schminke in ihrem Gesicht Selbstvertrauen und im Umkehrschluss Sichtbarkeit. Das ist nicht verwerflich. Für manche ist diese Sichtbarkeit notwendig, weil die Unsichtbarkeit ihnen ihre Lebensgrundlage raubt.

Katja Lewina schreibt hingegen in ihrem Text, dass Menschen zwar sichtbarer werden würden, aber mit einem Äußeren, das nicht ihnen gehöre. So habe sie es damals, als sie sich noch schminkte, empfunden: „Es gehörte vielleicht Chanel und Lancôme, aber ganz bestimmt nicht mir“, schreibt sie: „Mein Gesicht war manchmal blass und müde, manchmal rot vor Aufregung, manchmal voll mit kleinen Pickeln. Das war ich.“ Dieser Aussage liegt ein Gedanke zugrunde, den ich nicht müde werde, abzustreiten: Es gibt kein wahres, absolutes Ich. Und wenn, wer entscheidet darüber, dass dieses nicht geschminkt sein darf?

Schmink-Gegner*innen, dann hört auf, euch zu frisieren!

Es gibt Menschen, für die das Geschminktsein als unverzichtbarer Bestandteil zu ihrer Identität gehört: Dazu gehören viele trans* Frauen. Sie sind erst sie selbst, wenn sie geschminkt sind. Sie protestieren damit dagegen, nicht sie selbst sein zu dürfen. In ihrer Kolumne Lost in Trans*lation erzählt etwa die türkeistämmige trans* Autorin Michelle Demishevich von ihrem Leben im Berliner Exil. In einem Text beschreibt sie, wie sie die ersten Monate in Deutschland ohne den regelmäßigen Besuch bei der Kosmetikerin verbrachte. Sie schreibt: „Wenn ich nicht zur Kosmetikerin gehe, fühle ich mich nicht wie eine Frau. Ich verstecke mich, trage weite Kleidung, Hose, flache Schuhe. Kurz: Ich kann nicht die starke Istanbulerin sein, die ich einmal war. Denn mich schick zu machen, gibt mir die Kraft, die ich zum Überleben als trans Frau brauche.“

Wir alle schlüpfen tagtäglich in verschiedene soziale Rollen, geschminkt, ungeschminkt, nackt, angezogen – jedes Mal sind wir das. Und niemand hat das Recht, uns das abzusprechen. Denn dann würde wieder nur ein anderes Bild unserer selbst zur Norm erhoben werden. Und alles, was davon abweicht, ist mal wieder scheiße. Wer außerdem so argumentiert, schaufelt sich gleichsam selbst ein Grab. Denn wer sagt, dass ein Mensch nicht er selbst ist, wenn er geschminkt ist, sagt auch, dass er nicht er selbst ist, wenn er die Haare einer aktuellen Mode entsprechend trägt. Also warum nicht mal einfach ganz natürlich lang wachsen und verfilzen lassen? Warum sich gewissen Vorstellungen entsprechend kleiden, ein grauer Lumpensack würde es doch auch tun? Unser gesamter Körper gehört dieser Definition nach nicht uns, sobald er auf dieser Welt ist. Denn Gestus und Habitus sind anerzogen, die Art, wie wir lachen, wie wir uns im Raum bewegen. Der Körper ist durch und durch an gesellschaftlichen Erwartungen erwachsen. Sind wir deshalb nicht eins mit ihm?

Wir können vieles zugleich sein. Und das ist Freiheit.

Selbstverständlich sind wir das. Dadurch sind wir auch eins mit der Gesellschaft. Ein einzelnes „Scheiß drauf, ich spiele nicht mehr mit“, das auch die Soziologin Barbara Kuchler hören will, kann leichter über die Tastatur als mit einem Selbstbild konform gehen, das vielen Menschen seit ihrer frühen Kindheit anerzogen wurde. Selbstverständlich muss nichts, was schon immer so war, auch so bleiben. Dennoch werden Veränderungen immer zwischen Individuum und Gesellschaft ausgehandelt. Das beansprucht viel Zeit und Energie. Es ist nicht feige, dieser Konfrontation aus dem Weg zu gehen.

Interessant ist auch, dass Anti-Schmink-Verfechter*innen früher oder später doch wieder eine Außenperspektive mit reinbringen, die sie eigentlich vehement verurteilen. Sehgewohnheiten ändern sich, sagen sie, zunächst gewöhnen wir uns an unser neues Äußeres, dann unsere Umgebung. Das stimmt. Die Aufgabe, ihre These zu untermauern, fällt etwa in Katja Lewinas Text dann doch wieder einem Mann zu: „Mein Mann“, so schreibt sie, „dem die Frauen früher gar nicht tussig genug sein konnten, erzählte mir, wie unattraktiv er inzwischen stark geschminkte Frauen fand.“ Es gibt sie nun mal, unser Leben ist darüber strukturiert, dass diese Außenperspektive auf uns einwirkt und wir auf sie reagieren – reagieren müssen.

Es geht tatsächlich, dass man eine Person geschminkt umwerfend finden kann – manchmal, wenn sich meine Freund*innen herrichten, klappt mir fast die Kinnlade herunter, so schön ist das – und manchmal, wenn sie gerade aus dem Schlaf erwacht ist. Menschen können geschminkt und feministisch oder sogar geschminkt und natürlich sein. Es geht alles zugleich. Und das ist Freiheit.

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