Lieder grölen, Apfelwein trinken: Wie feministische Ultras die Fußballfankultur verändern wollen

Die Ultras des 1. FFC Frankfurt setzen sich für Feminismus innerhalb der Fußballfankultur ein. Wir haben die Bande zum Saisonauftakt begleitet.

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Die Nutria-Bande hat zum Saisonauftakt Banner mitgebracht. Foto: N. Günther

Es ist Saisonauftakt der Frauenfußball-Bundesliga. Der 1. FFC Frankfurt spielt gegen 1. FFC Turbine Potsdam, den Erzfeind. Eine emotionale Partie. Im Stadion am Brentanobad im Frankfurter Stadtteil Rödelheim haben sich 2.550 Zuschauer*innen eingefunden – ungewöhnlich viele für ein Frauenfußballspiel. Das Stadion hat eine Gesamtkapazität von 5.650 Personen.

Mitten im Stehblock: das blau-rot-weiße Banner der Nutria-Bande. Neben Rentner*innen mit Socken in Sandalen haben sich 18 Hardcorefans des neuen Ultra-Clubs Nutria-Bande eingefunden. Zum Anpfiff grölt die Truppe auf die Melodie von Filmriss der Punkband Knochenfabrik: „Solange wir noch singen können, geht noch ein Ball rein. Wir singen, bis der FFC gewinnt. So stolz wir als Fans sind, wird unser Gegner niemals sein, wir halten unsere Fahne in den Wind!“ Dazu ertönt ein Knall aus einer Konfettikanone, und noch einer. Es regnet blaue Streifen auf die Zuschauer*innen.

Eine Frau mit kurzem, blond gefärbtem Haar brüllt in ein Megafon: „Sturzbetrunken, trotzdem da, nous sommes la groupe de Nutria. Unsere Farben, blau-rot-weiß, stehen für asozialen Scheiß!“ Etwas unkoordiniert schließen sich die anderen Mitglieder dem Gesang an. Ein zweites Banner wird ausgepackt: Es zeigt eine blaue Tüte Pommes mit der Aufschrift „Meisterschaft“.

Denise, die Vorsängerin, wendet sich kurz von ihrem Megafon ab, um das Banner der Ultras zu erklären. Es gehe sehr viel um Saufen und Pommes, sagt sie, „die Spielerinnen des 1. FFC Frankfurt lieben Pommes, deshalb greifen wir das auch auf.“ Sie dreht sich wieder um und schreit in ihr Megafon: „Ran an die Pommes!“ Um ihre Stimme zu ölen, nimmt sie einen großen Schluck Apfelwein.

„Wir fanden‘s mega geil“

Als Ultras bezeichnet man besonders aktive Fußballfans, die bei Spielen zum Beispiel dadurch auffallen, dass sie Tribünenbilder, selbst erdachte Choreografien, inszenieren. Sie sind meist hierarchisch organisiert und pflegen einen engen Kontakt zu ihrem Fußballverein. In der Regel stehen sie dabei der Kommerzialisierung des Sports kritisch gegenüber. Untereinander unterscheiden sich die einzelnen Gruppierungen stark in ihren politischen Überzeugungen und der Akzeptanz von Gewalt. Die eher maskulin geprägte Ultra-Fankultur konzentriert sich fast ausschließlich auf Männerfußball, 300 Gruppen soll es deutschlandweit circa geben. Ultras im Frauenfußball gibt es seltener.

Den Ultra-Fanclub des 1. FFC Frankfurt haben Sina und Denise vor einem Jahr ins Leben gerufen. Zuvor hatten die Freundinnen gemeinsam Konzerte organisiert – immer mit dem Fokus darauf, Frauen auf der Bühne zu repräsentieren. Auch mit dem Grölen haben sie Erfahrung: Beide spielten in einer feministischen Punkband.

Denise sei schon länger Fußballfan gewesen, erzählt sie. Allerdings habe sie immer den Männersport verfolgt. Zum Frauenfußball kam sie durch die Empfehlung von Sina. Lediglich ein Spiel mussten sich Denise und ein Kumpel anschauen, da war es um sie geschehen. „Wir haben uns direkt einen Schal gekauft und fanden’s mega geil.“ Mit der Zeit kamen weitere Leute hinzu, sie gründeten eine Telegramgruppe, um sich besser zu organisieren.

Allmählich wurden aus fußballinteressierten Stadionbesucher*innen fanatische Fans. Die Nutria-Bande findet, dass weibliche Fans in jede gute Kurve gehören. Viel zu oft seien Publikum, Fanclubs und Ultra-Gruppierungen im Fußball von männlichen Strukturen dominiert und zugleich von Sexismus durchzogen, finden Denise und ihre Nutrias. Ihre Ultra-Gruppe soll zeigen, dass Fankultur auch anders geht.

Feministisch, antifaschistisch und antirassistisch

Bereits in der sechsten Minute fällt das erste Tor für Frankfurt. Im Stehblock bildet sich eine wilde Traube aus johlenden Ultras. Ganz vorne liegen sich Denise, Sina, Johanna und Linda kurz in den Armen. Johanna schwingt ein Bein über die Abgrenzung zum Spielfeld und bejubelt die Torjägerin Feiersinger. Sina schnappt sich die Trommel und schlägt im Stakkato auf sie ein. Denise greift zum Megafon und schreit aus voller Lunge: „Allez! 1. FFC!“

„Für eine Fan-Gruppierung haben wir einen sehr hohen Frauenanteil, sind aber nicht ausschließlich weiblich“, sagt Denise. „Mittlerweile sind wir gemischt.“ Die Nutria-Bande habe insgesamt 30 Mitglieder, davon seien 20 sehr aktiv. „Für alle ist klar, dass die Frauen bei uns was zu sagen haben und ihnen zugehört wird. In anderen Fan-Kontexten ist das oft nicht der Fall.“

Auf klassisch-strenge Hierarchien wie bei anderen Ultras verzichtet die Nutria-Bande. „Aufgrund unserer Werte geht es bei uns wahrscheinlich weniger hierarchisch zu als in anderen Fanszenen“, erklärt Denise. Der Umgang sei bei ihnen anders, weil die Bande darauf achte, dass Frauen vorne stehen und was zu sagen haben. „Ich bin die Capa und am lautesten, das ist mein Job“, sagt Denise. Die Nutria-Bande hat die männliche Form „Capo“ für „Vorsänger“ in die weibliche „Capa“ umgewandelt. Denise wurde ausgewählt, „weil ich immer so laut und ein bisschen prollig bin“, sagt sie grinsend.

Feministisch, antifaschistisch und antirassistisch – das sind die Prinzipien der Nutria-Bande, auf sie können sich alle Mitglieder einigen. Beim Begriff Ultras scheiden sich allerdings die Geister. Einige finden es gut, sich als Ultras zu bezeichnen, andere bestehen darauf, dass sie eine Bande sind. Die Ultras-Bezeichnung ist manchen zu negativ besetzt, weil herkömmliche Ultra-Clubs von sexistischen Strukturen durchzogen seien.

Bei den Nutrias geht es friedlich zu. Das Spiel gegen Turbine Potsdam geht in die 30. Minute. Anstelle von „Kein Gott, kein Staat, kein Patriarchat“ grölt die Nutria-Bande jetzt: „Kein Gott, kein Staat, FFC!“

Die Nutria-Bande will die Unabhängigkeit des 1. FFC Frankfurt erhalten

Ein wichtiges Thema für die Bande ist ein anstehender Wandel ihres Vereins. Bisher war der 1. FFC Frankfurt einer der wenigen, die nicht unter der Schirmherrschaft eines großen Männerfußballvereins stehen. Bald soll aber der 1. FFC Frankfurt von seinem männlichen Pendant, Eintracht Frankfurt, übernommen werden.

„Einerseits ist das natürlich finanziell sehr gut für den Verein“, sagt Denise. „Andererseits ist die Tradition als alt eingesessener, unabhängiger Verein dann Geschichte.“ Die Bande findet, dass eine Übernahme des Frauenfußballclubs durch die Spielgemeinschaft Eintracht dem Männerfußball mehr Vorteile bringen würde als den Frauen.

„Der Männerfußballclub möchte durch diesen Deal ganz klar seinen Stand erheben, indem er endlich auch einen Fußballverein mit Bundesliganiveau sein Eigen nennen kann“, so die Meinung der Bande.

Zur Sportgemeinde Eintracht (SGE) gehöre bereits ein Fußballverein ohne Männer, der jedoch nur in der Regionalliga Süd spiele. „Anstatt diesen nun zu fördern, was über Jahre vernachlässigt wurde, möchte der Vorstand lieber direkt auf den durch die WM angeheizten Fußball-Hype aufspringen mit einer erstklassigen Mannschaft“, sagen die Ultras entschieden.

Die Nutria-Bande hat bisher noch keinen Kontakt zum Verein aufgenommen, aber in Zukunft wollen sie an der Gestaltung ihres Vereins mitwirken. Noch steckt die Bande in der Entwicklungsphase.

Nach dem Spiel steht Nager-Gucken auf dem Programm

Am Ende gewinnt der 1. FFC Frankfurt mit 3:2 gegen den 1. FFC Turbine Potsdam. Die Nutria-Bande zieht ab und stattet ihren Namensgebern einen standardmäßigen Besuch ab.

Neben dem Stadion am Brentanobad lebt eine Schar kleiner Nutrias, Biberratten. Ab und zu besucht die Nutria-Bande nach dem Spiel ihre tierischen Namensgeber, macht Fotos, trinkt Bier und betrachtet die Nagetiere. „Manche lieben sie, manche hassen sie abgrundtief. Sie sind eigentlich ganz süß, rebellisch und machen ihr Ding“, findet Denise, „so kamen wir auf die Idee, diesen Namen auf uns zu übertragen.“