„Was ist das für eine Welt, in der stärker gegen das Retten als gegen das Sterben vorgegangen wird?“

234 Menschen haben sie gerettet. Jetzt muss sich die Besatzung der Lifeline vor Gericht rechtfertigen. Während die Bundesregierung nur konsularische Hilfe anbot, kommt für die Crew von unerwarteter Seite finanzielle Unterstützung.

234 Menschen. Wir kennen die Namen dieser 234 Menschen nicht. Aber hinter dieser Zahl stecken Gesichter, Namen, Geschichten. Menschen eben. Diese 234 Menschen könnten tot sein. Sie versuchten, von Libyen über das Mittelmeer nach Europa überzusetzen. Sie gerieten in Seenot. Und sie wurden gerettet, von der 16-köpfigen Crew des Rettungsschiffes Lifeline.

234 Menschen leben weiter dank der Crew der Lifeline

Daraufhin irrte die Lifeline mehrere Tage über das Mittelmeer. Kein europäisches Land gestattete ihr, am Hafen anzulegen. Die gesundheitliche Lage mehrerer Geflüchteter, unter ihnen auch Frauen und Kinder, wurde immer kritischer. „Das ist langsam eine Frage von Leben und Tod“, sagte der Mission-Lifeline-Sprecher Axel Steier vergangenen Mittwoch. Schließlich kündigte Maltas Ministerpräsident Joseph Muscat an, dass das Schiff in den Hafen einlaufen dürfe.

[Außerdem bei ze.tt: EU verschärft Asylpolitik: Diese Entscheidung löst kein einziges echtes Problem]

Die Crew samt Schiff steckt seitdem im Hafen fest. Der Kapitän des Schiffes, Claus-Peter Reisch, wird gerichtlich belangt. Er musste am Montag zum ersten Mal vor Gericht aussagen. Laut MDR wird ihm vorgeworfen, ein nicht ordnungsgemäß registriertes Schiff gesteuert und damit unerlaubt in maltesische Hoheitsgewässer eingefahren zu sein. Zudem habe der Kapitän die Anweisungen der italienischen Behörden ignoriert, die Rettung der libyschen Küstenwache zu überlassen.

Reisch weist alle gegen ihn erhobenen Anschuldigungen zurück: „Unsere Mission hat 234 Menschen gerettet und ich bin mir keiner Schuld bewusst“, sagte Reisch laut einer Mitteilung der Organisation. „Die EU nimmt das Sterben aus politischen Gründen in Kauf. Das ist widerlich.“

Was ist das für eine Welt, in der stärker gegen das Retten als gegen das Sterben vorgegangen wird?“ – Claus-Peter Reisch

Schwere Vorwürfe erhob er gegen die libysche Küstenwache: „Ich stehe hier vor Gericht, aber warum steht hier nicht die libysche Küstenwache?“. Diese habe seine Besatzung und ihn „noch vor Kurzem mit dem Tod bedroht“, außerdem würden bei sogenannten Rettungen der Küstenwache regelmäßig Migrant*innen sterben.

Reisch ist zunächst gegen Kaution freigekommen. Ihm wurde jedoch der Pass abgenommen, er muss in Malta bleiben. Am 5. Juli ist der nächste Gerichtstermin angesetzt.

Und was macht die Bundesregierung?

Die Bundesregierung bot dem Kapitän konsularische Hilfe an. Bundesinnenminister Horst Seehofer (CSU) ließ bereits zuvor verlauten, man müsse das Schiff beschlagnahmen und strafrechtlich gegen die Crew ermitteln. Man wolle kein „Shuttle“ zwischen Libyen und der Europäischen Union einrichten.

[Außerdem bei ze.tt: Horst Seehofer: Das passiert, wenn der Innenminister zurücktritt]

Mehr Unterstützung als von der Bundesregierung kam vom TV-Moderator Jan Böhmermann. Er richtete eine Online-Spendenaktion ein:

Lasst uns gemeinsam für die beste Verteidigung zusammenschmeißen, die man sich für Geld kaufen kann.“ – Jan Böhmermann

Bis Dienstag kamen bereits mehr als 122.000 Euro für die Rechtskosten zusammen. Für alle, die ebenfalls die Crew der Lifeline unterstützen möchten: Hier geht es zu Böhmermanns Spendenaktion. Alternativ findet ihr einen direkten Spenden-Link auf der Homepage der Mission Lifeline.