Like meine Depression – wie Instagram für psychisch Kranke zur Belastung werden kann

Auf Instagram schreiben viele User*innen offen über ihre psychischen Erkrankungen. Diese Entstigmatisierung ist wichtig, es kann aber auch kontraproduktiv werden.

instagram depression
Mutige Offenheit kann auch zu einer Abwärtsspirale werden. Foto: Ian Dooley / Unsplash | CC0

Instagram ist die Plattform für das schöne Leben. Für gute Laune, lange Strände, hübsche Kleider und Partys mit Menschen, die glücklich im Sonnenuntergang tanzen. Viel sorgsam kuratierter Content, oft auch ein bisschen unerheblich: Bananenbrote, gut ausgeleuchtete Keramik, schmeichelhafte Selfies, ironische Selfies, Selfies mit Hund. Und passend dazu die entsprechenden Reaktionen:  „Wow, du Schöne“, „Mach mich nicht neidisch“, „liebe alles <3“.

Instagram kann aber auch anders. Denn es findet sich dort ebenso Content, der ganz bewusst einen kleinen Keil in die gefilterte Inszenierung treibt – wie ein Korrektiv der vermeintlich heilen Welt. Statt „Na, ihr Hübschen. Ich hab mir erstmal einen Kaffee gemacht, damit ich gleich voll Power am Schreibtisch sitze“, Folgendes: „Ich lege mich hin, aber ich kann nicht schlafen. Mein Herz rast, ich zittere, ich kann nicht mehr.“ Dazu ein trauriges Gesicht.

Bananenbrote und psychische Erkrankungen

Solche Posts werden mit Hashtags wie #angststörung #depression oder #panikattacke geteilt. Von Accounts, die psychische Gesundheit ganz dezidiert zum Thema haben, aber auch von User*innen, die sonst genauso über ihre Bananenbrote oder Bücherlisten schreiben, aber eben auch von anderen Erlebnissen berichten, die ihren Alltag ausmachen: ihre psychischen Erkrankungen.

Das ist mutig und kann sehr befreiend sein. Denn psychische Erkrankungen werden immer noch stigmatisiert. Betroffene fühlen sich oft beschämt und trauen sich nicht, ihrem Umfeld von der Erkrankung zu erzählen, sich und anderen einzugestehen: „Ja, ich bin krank, mir geht es nicht gut.“ Dabei kann genau das heilsam sein. Für die Betroffenen, aber ein Stück weit auch gesamtgesellschaftlich. Denn gerade was die allgemeine Vorstellung von psychischen Erkrankungen angeht, sind die Bilder, die damit oft assoziiert werden, noch immer geprägt von antiquierten Vorstellungen oder schlicht von Extremfällen, über die medial berichtet wird.

Auf meinem Kanal soll es einfach um mich gehen und das, was ich so tue, und diese Diagnosen beziehungsweise das Leben damit gehören einfach dazu.

Lara

Dass psychische Erkrankungen – etwa 12 von 100 Menschen erkranken im Laufe ihres Lebens an einer Depression – in unserem Umfeld für einige Menschen zum Alltag gehören und für Außenstehende nicht unbedingt direkt bemerkbar sind, erschwert es vielen Betroffenen, sich zu bekennen. Wer am Wochenende noch im Club wild getanzt hat und am Montag eine Panikattacke hat, mag vielleicht Sorge haben, als unglaubwürdig wahrgenommen zu werden. Dabei sind die meisten psychischen Erkrankungen nicht durch permanentes Traurigsein und ausnahmslose Antriebslosigkeit gekennzeichnet – und damit selbst für das engste Umfeld oft gar nicht so leicht zu erkennen.

Und hier kommt wieder Instagram ins Spiel. Denn dort haben psychische Erkrankungen ihren Raum, weil sie eben für viele Menschen Alltag sind, genauso wie Bücherstapel und Fotos vom vergangenen Urlaub in Spanien. So geht auch Lara mit ihrem Account @takemetomymothership um. Lara ist diagnostiziert mit einer Borderline-Persönlichkeitsstörung, ADHS und einer depressiven Störung und spricht oft und intensiv in Posts darüber. Aber eben nicht nur: „Auf meinem Kanal soll es blöd gesagt einfach um mich gehen und das, was ich so tue, und diese Diagnosen beziehungsweise das Leben damit gehören einfach dazu.“

Aber ist eine Plattform, auf der das Like-Herzchen für viele eine Art Währung der Selbstwirksamkeit ist, wirklich geeignet, um solche Inhalte zu teilen? Posts, mit denen Lara Bilder ihrer Selbstverletzungsnarben teilt, werden hunderte Male gelikt. Was machen diese Likes mit psychisch Erkrankten? Wenn schockierende, verzweifelte oder traurige Posts vielleicht mehr Feedback bekommen als ein fröhliches Lächeln und unversehrte Haut?

Man sollte immer schauen, inwiefern man auch von einer Erkrankung profitiert.

Anke Glasmeyer, Psychotherapeutin

Die Psychotherapeutin Anke Glaßmeyer ist auch auf Instagram aktiv und vergleicht den Zuspruch für Posts mit Beschreibungen von Rückfällen, Panikattacken und Angststörungen mit einem Phänomen, welches zum Beispiel auch der Journalismus kennt: Negative Nachrichten ziehen besser. Soweit, so nachvollziehbar. Gefährlich wird es allerdings dann, wenn die dadurch gewonnene Aufmerksamkeit süchtig macht. Und so vielleicht auch positive Aspekte des eigenen Lebens nicht mehr so wahrgenommen werden und User*innen sich zu stark auf die negativen Aspekte konzentrieren, weil sie besser „funktionieren“.

In der Psychologie gibt es einen Fachausdruck für dieses Phänomen, wie Glaßmeyer ausführt: „Man sollte immer schauen, inwiefern man auch von einer Erkrankung profitiert. Sekundären Krankheitsgewinn nennt man das. Wenn man zum Beispiel besonders viel Mitleid oder Zuspruch bekommt. Der sollte aber nicht der Besserung im Wege stehen.“

Manchmal ein schmaler Grat

Lara ist sich dieser Gefahr bewusst: „Ich kenne den Struggle, dass man sich manchmal fragt, ob sich überhaupt noch jemand für einen interessiert, wenn es einem psychisch besser geht oder man Erfolge teilt, kann es aber auch verstehen, dass jemand, dem es gerade psychisch sehr schlecht geht, auf Instagram keine Erfolge von anderen sehen mag.“

Auch Dinah hat sich über dieses Phänomen schon Gedanken gemacht. Sie ist als Therapie-Influencerin (@erklaerungsnot) viel auf Instagram unterwegs und sagt: „Es gibt manche Betroffenen-Accounts, die machen das sehr gut. Aber ich lese manchmal auch, wie Leute in ihren Profilen ihre Diagnoseschlüssel angeben und Triggerwarnungen dazu schreiben – ‚Bald ist mein Leben vorbei‘ und solche Sachen. Da wird dann schon mit dem Krankheitsbild geprahlt. Das ist total gefährlich, gerade, wenn sich junge Menschen so zusammenschließen.“

Gefährlich, weil sich die mutige Offenheit in eine Abwärtsspirale verwandeln kann, wenn sie zu stark vermarktet wird.

Keine Standardlösung

Psychotherapeutin Glaßmeyer empfiehlt dagegen ein bisschen Wachsamkeit beim eigenen Postingverhalten: „Wenn man merkt, dass man nur noch Negatives postet und dabei stark auf die Likes achtet, viel Feedback zu negativen Dingen bekommt und das die Stimmung beeinflusst, sind das Warnsignale.“ Wer diese Warnsignale wahrnimmt, sollte sich überlegen, den Account in einer anderen Art und Weise zu führen, oder zeitweise zu deaktivieren oder sogar zu löschen. Auf jeden Fall auch in der Therapie darüber sprechen, rät Glaßmeyer. Eine Standardlösung gebe es allerdings nicht, sagt sie.

Und es gibt auch die Möglichkeit, einen anderen Blickwinkel auf Krankheiten zu zeigen, zum Beispiel über Dinge zu schreiben, die helfen. Dinah nennt self care, Psychohygiene oder Psychoedukation – Themen, die sowohl für Abonnent*innen als auch für betroffene User*innen selbst nicht nur interessant sein können, sondern auch helfen können, ein möglicherweise ausgewogeneres Bild der eigenen Erkrankung zu erkennen und zu zeigen.

Dazu gehört auch die Erkenntnis, dass psychische Erkrankungen – wie zum Beispiel eine Depression – nicht nur ein Gesicht haben. Und dass diese Gesichter eben nicht immer aussehen, wie es Stockbilder-Datenbanken nahelegen: schwarz-weiß, mit zerlaufener Mascara. Eine Depression kann dich auch im Gegenlicht anstrahlen. Lara zum Beispiel nutzt oft die Swipe-Funktion, um mehrere Eindrücke unterzubringen. Sie betont aber auch, wie wichtig es sei, zu verstehen, dass einzelne User*innen oder Accounts nicht als stellvertretend für ganze Krankheiten gesehen werden können: „Das Ziel ist, dass irgendwann einfach klar sein sollte, dass man natürlich nicht immer nur weint und im Bett liegt, wenn man psychisch erkrankt ist.“

Ein Bild auf Instagram zeigt eben nur eine Perspektive, eine Idee und ist, wie Anke Glaßmeyer sagt, „nicht das reale Leben“.