Lilli, 19 – „Ich finde es schlimm, dass in Berlin so viel Kiez zerstört wird“

Lilli ist mit 15 Straßenkatzen aufgewachsen, turnt in einer Zirkusgruppe, wundert sich darüber, was Boulevardmedien so schreiben dürfen und engagiert sich für urige Orte in der Hauptstadt, die von Gentrifizierung bedroht sind.

In der Serie Youthhood porträtieren wir junge Menschen zwischen 17 und 20 Jahren. Sie erzählen bei ze.tt, wovor sie Angst haben, wie ihr erster Kuss war, wie sie arbeiten wollen und was für sie Familie bedeutet. Wir wollen wissen, wie es ihnen geht.

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Foto: © Ralf Obergfell

Steckbrief

Name: Lilli Conradt
Alter: 19
Schule: Anna-Freud-Schule, Oberstufenzentrum für Sozialwesen/Erzieherinnenausbildung
Geburtsort: Berlin
Wohnort: Berlin, Tempelhof
Gender: egal

ze.tt: Lilli, wie bist du aufgewachsen?

Lilli: Ich bin in Berlin Tempelhof mit meinen Eltern, meinen beiden älteren Brüdern und 15 Straßenkatzen aufgewachsen. Die hat mein Papa damals aus Spanien nach Deutschland mitgebracht, um sie zu retten.

Als ich neun Jahre alt war, haben sich meine Eltern getrennt und meine Mutter und ich sind einige Male umgezogen. Meine Brüder sind bei meinem Vater geblieben. Als kleine Schwester mit zwei großen Brüdern ist es nicht immer einfach: Ich war ein Kind, das gerne in Ruhe gespielt hat und sie hatten oft ihren Spaß daran, mich zu ärgern. Brüder halt. Ich wollte nicht geärgert werden und ich habe auch nie jemanden geärgert. Heute schimmert nur noch manchmal dieses Schema „Du bist ja die Kleine“ durch, aber wir verstehen uns alle.

Ich bin mit 15 Straßenkatzen aufgewachsen.

Lilli, 19

Seit ich 18 bin, wohne ich alleine. Als Kind habe ich es geliebt, bei meinen alten Nachbarn zu klingeln und mit deren Enkel zu spielen und gemeinsam zu kochen. Obwohl wir mitten in Berlin wohnten, kannten wir uns alle in unserer Straße und hatten so ein richtiges Dorffeeling.

In welchen Momenten legst du dein Handy beiseite?

Mein Handy ist immer an, aber lautlos. Auf jeden Fall immer dann, wenn ich mit Kindern arbeite: im Hort, beim Turnen. Gerade Kinder brauchen dieses Persönliche und ich möchte ein Vorbild sein. Ich finde es selber nicht schön, wenn Leute so viel am Handy sind, deswegen mache ich das auch nicht.

Wie siehst du die Welt 2050?

Mein Leben plane ich gar nicht so sehr voraus. Wir Menschen werden der Erde schaden, wenn wir unser Verhalten nicht ändern. Auch dass wir so viel Fleisch essen, hat Folgen. Seit ich 14 bin, ernähre ich mich vegetarisch. Ich bin eines Morgens aufgewacht und dachte: „Was ist das denn für ein Schwachsinn, warum essen wir denn tote Tiere?“ Als ich nach dem Aufwachen zu meiner Mutter nach unten gegangen bin, habe ich ihr von meinem Entschluss erzählt und sie war voll cool und meinte: „Okay, dann mache ich das jetzt auch!“

Ich bin eines Morgens aufgewacht und dachte: Was ist das denn für ein Schwachsinn, warum essen wir denn tote Tiere?

Lilli, 19

Meine Mama und ich haben unglaublich viel gemeinsam. Sie ist auch Erzieherin. Ich bin viel in der linken Szene Berlins unterwegs und das war sie früher auch. Sie war an den gleichen Orten unterwegs, an denen ich jetzt auch bin: im Tommy-Weisbecker-Haus in Kreuzberg oder in der Leydicke, so eine Ur-Berliner Kneipe.

Ich möchte aber in keine Partei eintreten. Ich denke, ich kann meine Meinung auch vertreten, ohne, dass ich irgendwo was unterschrieben habe dafür. Ich bin viel auf Demonstrationen und demonstriere bei den Mietwahndemos, bei Fridays for Future, Kundegebungen für bedrohte Orte oder Projekte in Berlin. Mir liegen Orte, die die Stadt ausmachen, am Herzen. Ich finde es schlimm, dass in Berlin so viel Kiez zerstört wird. Es geht häufig um so viel Geld: Ich habe das bei Jugendzentren erlebt, in denen ich war, die dann aus ihren Einrichtungen geschmissen wurden, damit da Büros reinkommen können, damit der Vermieter mehr verdient. Das macht so viel kaputt.

Ab wann sind Menschen für dich alt?

Ich höre oft, dass ich älter wirke als ich tatsächlich bin. Die meisten meiner Freunde sind auch zwei, drei Jahre älter als ich. Ich denke, man ist immer nur so alt, wie man sich fühlt. Alter ist eine Zahl. Das Verhalten drückt viel mehr aus.

Wovor hast du Angst?

Die Art und Weise, wie Medien uns Informationen vermitteln, finde ich manchmal beängstigend – und welche Macht das haben kann. Das ist schon verrückt, was geschrieben werden kann und man muss schon sehr darauf achten, welchen Medien man vertrauen kann. Das gilt nicht für alle Medien. Aber BILD, BZ und ähnliche, es ist schon verrückt, dass das, was die veröffentlichen, geschrieben werden darf.

Die Art und Weise, wie Medien uns Informationen vermitteln, finde ich manchmal beängstigend – und welche Macht das haben kann.

Lilli, 19

Gerade in der Corona-Krise war es für mich wirklich schwierig, zu beurteilen, was jetzt Panikmache ist und was man ernst nehmen muss. Und dass man sich diese Frage überhaupt stellen muss, finde ich ganz schlimm. Medien sollten so seriös sein, dass man sich die Frage gar nicht stellen müsste.

Was gibt dir Hoffnung?

Menschen auf Demos zu sehen, die wegen des gleichen Grundes demonstrieren wie ich. Mich überwältigt das zum Teil so unglaublich, mit Zehntausenden anderen für etwas einzustehen und zur gleichen Zeit am gleichen Ort zu sein. Dieses Loslaufen, am Anfang der Demo, wenn die Musik lauter wird – da habe ich fast jedes Mal diesen Schauer, eine Gänsehaut.

Wie gehst du mit Einsamkeit um?

Ich wohne alleine, da musste ich mich die letzten anderthalb Jahre mit auseinandersetzen. Ich musste mit 18 ausziehen und die Wohnung, in der ich jetzt wohne, war das, was am schnellsten funktioniert hat, deshalb ist es keine WG geworden. Meine Mama ist mittlerweile wie eine beste Freundin für mich, aber das war eine zeitlang mal anders.

Ich weiß, was ich will, deswegen mache ich mir nicht so viele Gedanken über mich selbst. Das können andere manchmal gar nicht nachvollziehen. Ich bin am liebsten einfach froh und zerdenke Dinge deswegen nicht so gerne.

Wie möchtest du arbeiten?

Ich arbeite mit Kindern, und als kleine Schwester mit zwei größeren Brüdern, bin ich es schon mein Leben lang gewöhnt, dass mich wenig aus der Ruhe bringt. Kinder haben Spaß daran, andere zu ärgern oder noch viel mehr, wenn die anderen darauf eingehen. Wenn ich das heute meinen Kindern auf der Arbeit sage, kann ich ihnen manchmal helfen.

Ich mache gerade ein Praktikum innerhalb meiner Ausbildung: In dem arbeite ich vier Tage die Woche in einem Hort mit Erstklässler*innen und immer freitags habe ich Schule. Nach meiner Ausbildung möchte ich auf alle Fälle mit Kindern weiterarbeiten. Ich überlege, noch zu studieren und Grundschullehrerin zu werden und wenn ich nicht studiere, würde ich am liebsten in einem Schüler*innen- oder Kinderladen arbeiten. Das sind Alternativen zu Kindergärten oder Horten, meistens mit einer kleineren Gruppe und einer noch engeren Betreuung.

Ich will so arbeiten, dass ich meine eigenen Ideen mit den Kindern und Jugendlichen umsetzen kann. Basteln, Ausflüge machen, an den See fahren – da will ich Freiheiten haben.

Was setzt dich unter Druck?

Alles, was mit Wettbewerben und Kräftemessen zu tun hat, finde ich ganz schrecklich. Ich turne seit ich sechs bin und habe nie an einem Wettkampf teilgenommen. Heute bin ich nebenbei Kindertrainerin und turne einmal die Woche mit Kindern. Wenn ich danach noch Lust habe, trainiere ich für mich selbst auch noch eine Runde.

Ich bin nebenbei auch noch in einer Zirkusgruppe, „Die Zirkus Zecken„. Das ist eine Gruppe von Punks, die Zirkus machen. Wir machen kleine Feuershows und treten bei Konzerten und Festivals auf. Ich kann mich ganz gut dehnen und mache dann so „Schlangenzeugs“ (lacht).

Wie war dein erster Kuss?

Die Frage ist wie aus einer Teenie-Zeitschrift. Ich möchte nicht, dass das jemand über mich liest.

Außerdem auf ze.tt: „Über meinen ersten Kuss habe ich mir viel zu viele Gedanken gemacht“

Was bedeutet für dich Familie?

Bei meiner Familie wird’s nie langweilig. Irgendwer zieht immer weg, einer muss ins Krankenhaus, einer hatte einen Unfall. Irgendwas ist immer. Ich hatte bis vor Kurzem zwei Ratten, die waren wie meine Mitbewohnerinnen. Meine Zirkusgruppe ist meine Zirkusfamilie. Ich muss mit den Leuten nicht blutsverwandt sein, damit die zu meiner Familie gehören.

In welchen Momenten fühlst du dich nicht ernst genommen?

Ich erinnere mich selten an negative Momente. Abe, wenn jemand „Ja, du bist ja die Kleinste“ innerhalb der Familie sagt, das nervt schon. Dann denke ich: Ich will jetzt nicht niedlich sein, sondern ich will, dass ihr mir zuhört!

Wann hast du dich das letzte Mal so richtig glücklich gefühlt?

Ich war letztes Jahr für zwei Monate in Madrid und das war die schönste Zeit. Ich habe dort in einem Kindergarten gearbeitet und war überwältigt von dieser Herzlichkeit der Menschen, mit denen ich zusammengearbeitet habe.


Teil 1: Sebastian, 19 – „Manchmal fühle ich mich einsam, wenn ich auf einer Party bin“
Teil 2: Feline, 17 – „Über meinen ersten Kuss habe ich mir viel zu viele Gedanken gemacht“
Teil 3: Evan, 18 – „Ich habe das Gefühl, etwas zu verpassen, wenn ich nicht available bin“
Teil 4: Pauline, 17 – „Alle zwei Tage höre ich dumme Kommentare von Männern“
Teil 5: Felix, 20 – „Ich bin mal im Kleid zu einer Familienfeier gegangen und war barfuß in der Schule“
Teil 6: Nesrien, 19 – „Mein größter Traum ist es, eine eigene Strandbar im Süden zu eröffnen“
Teil 7: Mattis, 17 – „Ich wollte nie ein Scheidungskind sein“

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