Lisa ist in einen Handwerkergesellen auf der Walz verliebt – und muss sich an strenge Regeln halten

Die Walz ist eine Art traditionelles Work and Travel für Handwerkergesell*innen. Für deren Partner*innen bedeutet das: Verharren in konservativen Beziehungsmodellen und mindestens drei Jahre Fernbeziehung. Lisa und Mathis halten das seit anderthalb Jahren durch.

Mathis und Lisa treffen sich nach 3 Monaten wieder.

Wiedersehen auf der Walz © privat

Lisa hat die unsichtbare Grenze um 73 Kilometer überschritten. Eine Grenze, die es nur für Frauen wie sie und Männer wie ihren Freund Mathis gibt. 73 Kilometer jenseits dieser Grenze liegt Heide, eine Kleinstadt in Schleswig-Holstein. Für die beiden ist es nicht irgendein Ort: Heide wurde ihr Treffpunkt, als Mathis sich vor anderthalb Jahren entschied, auf die Walz zu gehen. Seitdem gelten in ihrer Beziehung neue Regeln. Die wichtigste: Den Kreis mit 50 Kilometern Radius, den die Regeln der Walz um Mathis’ Heimatort ziehen, darf er drei Jahre und einen Tag lang nicht betreten. Wenn die beiden einander sehen wollen, muss Lisa hinter diese Grenze. Weil da Marschland und Äcker liegen, muss sie sogar bis nach Heide.

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Ein Dienstagvormittag. Lisa sitzt auf einer Parkbank und wartet auf Mathis. Die 20-Jährige schaut auf ihr Handy, schaut aus Gewohnheit, ob Nachrichten angekommen sind. Obwohl sie weiß, Mathis wird ihr nicht schreiben, denn Wandergesell*innen dürfen kein Handy mit sich führen. Immerhin weiß sie sicher, dass er kommen wird. Was sie nicht weiß, ist wann. Es kann in fünf Minuten sein oder in zwei Stunden. Wandergesell*innen ist es verboten, Geld für Benzin oder Fahrkarten auszugeben.

Lisa wird wie immer fotografieren, wie Mathis davonzieht

An solchen Wochenenden sind sie wie andere Paare auch, gehen Essen, trinken Bier. Wenn ihr Geld reicht, mieten sie ein Airbnb, sonst übernachten sie bei Freund*innen. Oft haben sie nur ein paar Tage. Wandergesell*innen müssen spätestens nach sieben Tagen weiterziehen, wenn sie an ihrem Aufenthaltsort keine Arbeit gefunden haben. Diesmal haben Lisa und Mathis nur 36 Stunden zusammen, später wird wieder so ein Abschiedsmoment sein. Lisa wird wie immer fotografieren, wie Mathis davonzieht. Sie wird das Bild schwarz-weiß färben, auf Instagram posten und schreiben:

Liebe ist nicht etwas, was man schützt, sondern etwas, was man riskiert. #ichliebediesenkerlda #wandergesellemeinesherzens”

Seit Herbst 2016 hält Lisa ihre Fernbeziehung mit Mathis fest. Mit Fotos, Posts auf ihrem Blog Wandergeselle, aber auch mit Eintrittskarten, die sie in ein rotes Ringbuch klebt – es soll ein Geschenk werden, wenn Mathis von der Walz zurückkommt.

Daumen drücken, dass die Beziehung hält

Wenn Lisa bloggt, setzt sie sich in ihren Sessel am Fenster, neben sich ihre Kaffeemaschine. Der Platz am Fenster ist ihr Mathis-Platz. Lisa lehnt sich zurück, den Laptop auf dem Schoß. Auf ihrem Dekolleté prangt ein Tattoo in geschwungenen Lettern: hope. Daneben die Zeichnung eines Vergissmeinnicht. Ihre lilafarbenen Haare hat sie zu einem Dutt gebunden, auf den Augen einen breiten Lidstrich, zwischen den Nasenlöchern einen Ring. Die junge Frau träumt sich die Tage in Heide zurück. Sie tippt:

Mittwoch setzten wir meinen Wandergesellen in Heide ab, ich hoffe, bis zum nächsten Treffen muss ich keine 3 Monate warten. Daumen drücken. Bitte.”

Daumen drücken auch dafür, dass die Beziehung überhaupt hält. Das funktioniert bei den wenigsten. Drei Jahre, in denen man einander kaum sieht und fast keinen Kontakt hat, sind eine harte Probe.

Nach dem Abschied in Heide, stellte sich Mathis an die Tankstelle Meldorferstraße. Am Anfang kostete es ihn Überwindung, fremde Menschen anzusprechen und um eine Mitfahrgelegenheit zu bitten, mittlerweile hat er sich daran gewöhnt. “Moin moin”, ruft der junge Zimmermann einem Mann an Tanksäule eins zu, “fahren Sie Richtung Süden und haben zufällig noch einen Platz frei?” Die Frau auf dem Beifahrersitz schaut auf und mustert Mathis: Schwarze Cordhose mit Schlag, dunkle Weste mit sechs hellen Knöpfen auf der Brust und je drei an den Ärmeln – die sechs stehen für sechs Arbeitstage pro Woche, die drei für die drei Jahre Walz. Unter der Weste trägt er ein weißes Hemd ohne Kragen, am Hals ein schwarzes Band ähnlich einem Schlips, auf dem Kopf einen großen Schlapphut.

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Das ist Mathis’ Outfit für 1096 Tage. Maßgeschneidert in der Schweiz für knapp 1900 Euro. Seine Habseligkeiten hat er in dieser Kluft verstaut. Die Taschen seiner Weste sind ausgebeult. Darin sein Reisetagebuch, eine Karte von Deutschland und der Schweiz. Zollstock und Zahnbürste stecken in der Knietasche. Alles andere, ein T-Shirt, Ersatzunterhose, Socken, Schlafsack, Isomatte und seinen Hammer, hat er in seine Charly gepackt, ein zur Wurst gewickeltes Tuch. So steht er an Tanksäule eins. Die Beifahrerin schaut ihren Mann an, der schüttelt den Kopf. Mathis wird noch fünf weitere Fahrer*innen ansprechen, bis ihn eine*r mitnimmt. Wohin, weiß er nie. Er will es auch nicht wissen. Es ist dieses Gefühl der absoluten Freiheit, das ihn an der Walz reizt.

Mathis sorgt sich nicht um Lisa

Damit muss Lisa klarkommen. Etwa einmal in der Woche schreibt Mathis ihr eine E-Mail. Je nachdem, wo er gerade ist, kann es auch seltener sein. Sie schreibt ihm jeden Abend. Obwohl sie weiß, dass er die Mails erst lesen wird, wenn er an einen Computer kommt. Lisa ist immer online, sie pflegt ihren privaten Instagram-Account und einen zweiten für Fotoarbeiten, die sie als Auszubildende anfertigen muss. Über WhatsApp verabredet sie sich mit Freund*innen fürs Kino, auf ein Bier oder um an die Nordsee zu fahren. Auf ihrem Blog erzählt Lisa, dass sie dann immer die gleichen Fragen beantworten muss:

Wo treibt er sich gerade so rum? Wie es eben so ist, weiß ich die meiste Zeit nicht, wo er gerade ist. (…) Klar, wüsste ich gerne, wo sich der Gute gerade rum treibt – einfach für mich, zur Sicherheit oder so. (Ich hatte sogar schon mal die Idee ihm einen GPS-Chip heimlich einzupflanzen).“

Mathis sorgt sich nicht um Lisa. Er macht sich Gedanken, wo er heute Abend schlafen soll. Für Übernachtungen darf er nicht bezahlen – wieder so eine Regel. Wenn er Arbeit hat, kann er bei den Chef*innen auf der Couch schlafen. Ein paar Mal musste er im Freien übernachten, im Sommer ist das okay. Oft treibt er sich in Studentenkneipen rum. Da ist lange was los und die Leute sind locker drauf. Am nächsten Tag klappert er dann die Zimmereien im Ort ab und fragt, ob jemand eine*n Gesell*in gebrauchen kann. Dieser Ort kann überall sein, wo es Arbeit gibt. Während der Walz wollen Gesell*innen ihr Handwerk verbessern. Früher zogen deshalb etliche los, heute sind es nur noch 500.

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Wie er sich auf der Wanderschaft zu verhalten hat, steht in einem kleinen Regelbuch, das er immer bei sich trägt. Die meisten Regeln sind geheim. Lisa weiß nur, dass es um Solidarität unter den Wandergesell*innen geht und darum, die Tradition der Walz zu erhalten. Bei Verstößen maßregeln sich die Gesell*innen auf Wanderschaft gegenseitig. Dennoch kann niemand kontrollieren, ob Mathis die unsichtbare 50-Kilometer-Grenze wirklich einhält oder mal für ein Busticket zahlt. Mathis befolgt die Regeln trotzdem – weil er das will.

Früher sollten Wandergesell*innen ledig sein

Für Lisa war das alles neu. Eine*n Wandergesell*in hatte sie bisher höchstens mal im Vorbeilaufen gesehen. Als Mathis und sie ein Paar wurden, waren es noch zwei Monate bis zum Beginn seiner Walz. Sie wusste, dass er gehen würde. Einerseits findet sie es gut, dass er seinen Plan durchzieht, andererseits drängt die Walz sie stärker in ein konservatives Beziehungsmodell als sie gedacht hatte. Und das geht so: Der Mann macht sein Ding und sie, die Liebende, wartet.

Lisa würde auch gerne so etwas erleben wie Mathis, ein Abenteuer mit Gemeinschaftsoption. Gesell*innen organisieren sich in Schächten, die in vielen Städten Stammtische mit erfahrenen Mitgliedern oder Herbergshäuser als Anlaufstellen anbieten. Vor über 100 Jahren schufen sie ein Netzwerk, verstehen sich seither als Bruderschaft. Frauen nehmen nur wenige dieser Schächte auf. Wollen sie auf die Walz, sind sie meist Freireisende und auf sich gestellt. Für einen Zeitraum aber können die Gesell*innen in einer Gruppe wandern.

Einmal im Monat trifft Mathis Mitglieder seiner Schacht. „Grüß dich, Kamerad“, sagt er beim Stammtisch in einem Wirtshaus und gibt den Männern die Hand. Es gehört zur Tradition aller deutschen Schächte, dass nur Männer aufgenommen werden. Früher sollten Wandergesellen ledig sein. Bis heute halten sich viele daran. Wenn Mathis erzählt, dass er eine Freundin hat, kommt das selten gut an. „Das schränkt einen total in seiner Freiheit ein. Außerdem haben die meisten dann in jedem Bundesland eine Neue“, sagt einer am Tisch.

„Er fehlt mir hier unglaublich“

Drei Monate sind vergangen seit dem letzten Treffen. Gestern hat Lisa eine Mail bekommen, dass Mathis am Wochenende nach Heide kommen kann. Sie hat ihm sofort geantwortet, dass sie da sein wird, dass sie ihren Wochenendplan für ihn umschmeißt. Seinen einen großen Plan, die Walz, würde Mathis nie ändern, auch nicht für Lisa. Als sie letztes Jahr im März zwei Wochen lang im Krankenhaus lag, konnte er sich erst melden, als sie wieder zu Hause war.

„Gerade jetzt, gerade in meiner Genesungszeit, fehlt er mir, er fehlt mir hier unglaublich“, schrieb Lisa nach ihrer OP. Heute, knapp ein Jahr später scheint vergessen zu sein, wie verletzt sie war. Sie bloggt:

3 Monate ist es her, als wir uns das letzte Mal sahen. Morgen ist es soweit: ich sehe ihn wieder. Für den einen mag 3 Monate kurz sein, für den anderen lang. Und das ist es auch. Es ist schön zu wissen, dass diese Zeit jetzt geschafft ist.“

Ein Tag später. Die Sitzbank in Heide. Dann Mathis. Sie laufen durch die engen Straßen. Hand in Hand, wie viele Paare. Doch diesem Paar schauen die Leute hinterher. Sie mit Hotpants, er mit schwarzer Kluft. Sie mit Turnbeutel auf dem Rücken, er mit seiner Charly auf der Schulter. Sie mit schwarzem Lippenstift und Nasenpiercing, er mit zerzaustem Bart und einem Handwerkerohrring. Sie mittlerweile mit roten Haaren, er mit seinem schwarzen Schlapphut.

Lisa findet Mathis in seiner Kluft attraktiv. Sie wird ihn wieder überreden, Fotos von ihm machen zu dürfen. Sie wird sie in das Album kleben und anschauen, wenn sie sich mal wieder fragt, wo er gerade ist.

Update: In einer früheren Version dieses Textes fehlte die Information, dass es auch Vereinigungen gibt, die Frauen aufnehmen und das Reisen in Gruppen erlauben. Dies haben wir nachträglich ergänzt.