Lost Places: Verlassene Psychiatrien sind gruseliger als jede Geisterbahn

Fotograf Peter Untermaierhofer besucht verlassene Orte und hält deren Vergänglichkeit mit seiner Kamera fest. Als er ehemalige Psychiatrien in Italien fotografierte, spürte er förmlich das Leid, das dort geschah.

Lost Places haben eine spezielle Magie. Sei es ein verfallenes Krankenhaus, ein verlassenes Hotel oder Fabrikgebäude, sie alle strahlen eine besondere Mischung aus Charme und Gefahr aus. Sie laden ein, von uns (wieder-)entdeckt zu werden, gleichzeitig warnen sie uns davor, ihre porösen und teils unheimlichen Räumlichkeiten zu betreten. Wer es trotzdem tut, hat die Möglichkeit, in die Vergangenheit zu reisen und über morsche Böden, unter herabgestürzten Decken und entlang abblätternder Wände die Vergänglichkeit der Menschen und der von ihnen geschaffenen Gebäude zu erkunden.

Peter Untermaierhofer aus Niederbayern fotografiert seit fast zehn Jahren Lost Places. Schon mit seiner ersten Kamera, die er sich 2008 während seines Studiums kaufte, ging er an verlassene Orte seiner Jugend zurück. „Es war abenteuerlich, die ausgebrannte Fabrikantenvilla im Wald oder die alte Rüstungs-Produktionsanlage aus dem Zweiten Weltkrieg mit meiner Kamera zu erforschen“, erinnert sich der 35 Jahre alte Fotograf.

Heute fotografiert er verschiedene Überbleibsel der menschlichen Zivilisation. Vor allem seine Fotoserie über verlassene Psychiatrien (ital.: Manicomi), Krankenhäuser und Pflegeeinrichtungen in Italien lässt erahnen, wie gruselig Untermaierhofers Job teilweise sein kann: „Jedes Geräusch, das nicht natürlich wirkt, lässt mich innerlich zusammenzucken. Wer oder was könnte das gewesen sein?“ Alleine unterwegs zu sein, intensiviere dieses Angstgefühl zwar, allerdings würde es auch die Sinne schärfen, sagt er. Gerade bei sehr baufälligen Einrichtungen müsse er sich auf seine Wahrnehmung verlassen können, die Verletzungsgefahr sei einfach zu groß. Wie morsch ist das Holz? Trägt die Decke noch? Könnte diese Treppe vielleicht einstürzen? Passiert sei ihm bisher noch nichts.

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© Peter Untermaierhofer

Manchmal stößt der Fotograf bei seiner Entdeckungstour durch die psychiatrischen Anstalten auf Alltagsgegenstände. Findet er Behandlungsstühle, Wohnzellen mit alten Kissen, vergilbte Akten, oder manchmal sogar alte Fotos der Anstalt selbst, müsse er notgedrungen an das Leid denken, das sich hier wohl zugetragen haben muss. Psychiatrien waren Orte, an denen Konformität erzwungen wurde. Gerade im 18. und 19. Jahrhundert war es noch Ziel, den sogenannten Wahnsinn von Andersdenkenden zu behandeln, notfalls auch mit menschenunwürdigen Methoden. „In Italien wurden damals nämlich nicht bloß geistig verwirrte Menschen eingesperrt, sondern auch mal politisch Quertreibende und Leute, die den Mächtigen ein Dorn im Auge waren“, sagt Untermaierhofer. Wenn er heute durch diese dunklen, verfallenen Gänge schleicht, lässt die nächste Gänsehaut nicht lange auf sich warten.

Wo genau sich die verschiedenen Manicomios in Italien befinden, möchte Untermaierhofer nicht preisgeben: zum Schutz des Ortes, damit die ohnehin schon verfallenen Gebäude noch ein wenig länger am Leben bleiben.


Teil 2: Lost Places: Der verstummte Applaus von verlassenen Kino- und Theatersälen

Teil 3: Lost Places: Wenn prächtige Hotels zu Ruinen verfallen

Teil 4: Lost Places: So charmant sehen verlassene Fabriken aus

Teil 5: Lost Places: Der verfallene Prunk alter Schlösser