Männer, die auf Pferden reiten

Schon wieder lässt sich ein Politiker auf einem Pferd ablichten, um die Fotos für seine Propaganda auszunutzen. Das führt zur Frage: Warum?

Bildschirmfoto 2019-10-17 um 12.21.29

Hüja! Foto: Twitter/ Will Ripley

Das Haar weht durch den Galopp im Wind, auf den Schultern flattert ein Pelz. Mit „edlem Glitter“ in den Augen „auf einem weißen Pferd durch den ersten Schnee reitend“– was gut und gerne der Einstieg einer romantischen Titelstory der aktuellen Wendy sein könnte, sind tatsächlich die pathetischen Worte, welche die offizielle nordkoreanische Nachrichtenagentur KCNA veröffentlicht hat. Sie beschreiben Nordkoreas Diktator Kim Jong-un, der beritten den Gipfel des Paektusan, der höchsten Erhebung des Changbai-Gebirges, erklommen haben will.

So feiert es zumindest die nordkoreanische Staatspropaganda und stilisiert den Diktator einmal mehr als den edlen Retter des Volkes. Der Ort des Geschehens ist dabei mitnichten zufällig gewählt. Der 2.750 Meter hohe Paektusan wird von Süd- wie Nordkoreaner*innen als heiliger Berg verehrt. So soll unter anderem Kim Jong-uns Vater Kim Jong-il laut der staatlichen Erzählung in einer Hütte auf dem Vulkan geboren worden sein – just in dem Moment, als zwei Regenbögen gleichzeitig den Himmel füllten. Aha.

Ein schneeweißes Meme-Märchen

Es ist nicht das erste Mal, dass sich ein Politiker auf einem Pferd ablichten lässt. Während Kim Jong-un sicher über ausreichende Propagandaaufnahmen von sich verfügt, scheinen Diktatoren auf Pferderücken spätestens seit dem Jahr 2009 ein ganz eigenes Genre zu sein. Damals ließ sich der russische Staatspräsident Wladimir Putin oberkörperfrei auf dem Rücken eines Kaltblüters ablichten – beim Ritt durch die sibirische Steppe.

Wer was auf sich hält, muss auf einem Pferd reiten

Die Autorin Tamsin Pickeral zählt die symbiotische Beziehung zwischen Mann und Pferd in ihrem Buch 30.000 Jahre Pferde in der Kunst zu den ältesten künstlerischen Zeugnissen der Menschheit. Darin beschreibt sie, wie der Mächtige noch mächtiger, stärker und anbetungswürdiger wurde, wenn er auf dem Rücken eines Pferdes saß. Nicht umsonst gehörten Reiterstandbilder daher zu den beliebtesten Herrscherdarstellungen. Der Besitz eines Pferdes zeuge zudem von Stärke, Reichtum und Macht und suggeriere die Verschmelzung von Mensch und Tier.

Obwohl es Kim Jong-un bei seinem Reiterbild vorgezogen hat, seinen Oberkörper in der Kälte mit einem Parka bedeckt zu halten, ist er Teil eines exklusiven Clubs von Politikern geworden, die auf einem Pferd fotografiert wurden. Wie die New York Times auflistest, sattelten zuvor bereits der kanadische Premierminister Justin Trudeau, Großbritanniens Premierminister Boris Johnson und der türkische Staatspräsident Recep Tayyip Erdoğan auf den Rücken eines Pferdes. Nun ja, 2003 ist Erdoğan bei einem ersten Versuch zwar noch vom Pferd gefallen, 14 Jahre später hat es aber geklappt. So oder so wird deutlich: Wer von sich als Politiker etwas hält, muss ein Bild von sich auf einem Pferd reitend besitzen.

Was die Aufnahmen, die Kim auf dem Rücken des galoppierenden Pferds zeigen, genau bedeuten sollen, ist derweil noch unklar. Die nordkoreanischen Staatsmedien beschrieben seinen „Marsch auf dem Pferderücken auf dem Paektu-Berg“ in geübter Rhetorik als „großes Ereignis von gewichtiger Bedeutung in der Geschichte der koreanischen Revolution“ und erzählen weiter von  „überschäumenden Emotionen und Freude“ darüber, dass es ein „großes Vorhaben geben wird, das die Welt verblüffen“ werde. Welche Rolle ein Pferd dabei spielen soll, bleibt abzuwarten.