Männer-Initiation: Warum Ole sich zum Mann weihen ließ

Ole, 31, ließ sich bei einer Männer-Initiation gemeinsam mit 60 anderen zum Mann weihen. Eine Geschichte über das männliche Geschlecht und seine Identitätskrise

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„Ich hatte nicht das Gefühl einen Weg gehen zu müssen, ich wollte ankommen", erzählt Ole. © ze.tt

Um die 60 Männer stehen auf einem Parkplatz irgendwo in Nordbayern im Oktober vergangenen Jahres. Sie kennen einander nicht und kommen gerade ins Gespräch. Männer unterschiedlicher Generationen. Männer mit Pferdeschwanz und Goldkettchen. Männer in Funktionskleidung und Kapuzenpulli. Es herrscht die Atmosphäre eines Betriebsausflugs. Manche sind laut und reißen Witze, andere hören erst mal zu. Obwohl sie alle in den Tagen zuvor viele E-Mails und Informationen bekommen haben, weiß niemand, was sie in den folgenden fünf Tage erwartet. Die Gründe, warum sie hier sind, sind divers. Nur eines verbindet sie: ein Zweifel an ihrer Männlichkeit.

Männer-Initiation: „Was macht den Mann zum Mann?“

Eine sogenannte Männer-Initiation soll ihnen die Zweifel nehmen. Die Organisatoren schreiben auf ihrer Seite, dass sie Männern helfen wollen, ihr wahres Ich zu entdecken. Eine derartig „tiefe seelische und spirituelle Erfahrung“ könne aber nicht theoretisch erworben werden, sondern müsse praktisch erlebt werden. „Dafür nutzen wir die Kraft von Ritualen und die Macht von Bildern und biblischen Texten.“ Kein Sesselkreis, keine Gruppenarbeit und kein Plaudern bei Schnittchen, stattdessen: Rituale, körperliche Anstregung und Seelenstriptease.

Weltweit nahmen bereits über 3.000 Männer aus mehr als 14 Ländern teil. Zumindest sagen das die OrganisatorenMänner-Initiationen finden in Österreich, Deutschland und den USA statt. Dahinter stehen Organisatoren wie Männerpfade, Illuman, Männerseelsorge und andere Verbände der Männerarbeit. Eine Initiation ist nach Definition von Wikipedia in der Völkerkunde die Reifefeier oder -weihe, bei der durch bestimmte Bräuche die Aufnahme in den Kreis einer Gruppe vollzogen wird – oft der Knaben in die Gesellschaft der Männer. Bei der Männer-Initiation soll ein fünftägiger Ritus den Mann zum Mann machen.

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Ole ist mit seinen 31 Jahren der Zweitjüngste der Runde. Noch bevor die Teilnehmer in den Bus auf dem Parkplatz steigen, geben sie ihre Kontrolle über die kommenden fünf Tage gemeinsam mit ihrem Handy und der Geldbörse ab. „Auch wenn ich der Organisation vertraute, fühlte es sich etwas an, wie gekidnappt zu werden“, erzählt er später.

An einem Sportplatz angekommen, steigen alle aus. Ein Mann tritt aus der Gruppe heraus und versammelt alle Teilnehmer in einer Schlange am Waldrand. Jeder müsse nun allein durch den Wald gehen – die erste Aufgabe. Bevor Ole seinen Weg durch den Wald startet, legt ihm einer der Organisatoren aufmunternd seine Hand auf die Schulter.

Ole auf der Suche nach der männlichen Spiritualität

Am Ende des Pfads wartet eine Blockhütte aus Holz und eine Feuerstelle auf die Männer. Die Hütte ist einfach gehalten: Waschbecken und sechs Betten pro Zimmer. Es ist eisig kalt. Ole teilt sich ein Zimmer mit fünf anderen Männern, über die er in den kommenden fünf Tagen sehr viel erfahren wird. Mehr als ihre Familien, Partner*innen und Freund*innen wissen.

Morgens nach Toastbrot und Müsli treffen sich die Männer zu Gesprächsrunden. „Hallo, ich bin Ole. Ich bin hier, weil ich wissen will, was es mit der Männlichkeit auf sich hat“, stellt er sich am ersten Tag vor. Ab diesem Tag versammeln sich nun jeden Vormittag die Teilnehmer zu Gesprächen an massiven Holztischen. Über was gesprochen wird, ist meist vorgegeben. So steht zum Beispiel „Vater“ auf ein Blatt Papier geschrieben. Zu Beginn sind die Männer in den Gesprächsrunden alle sehr schüchtern. Niemand will anfangen. Niemand will vor den Fremden sein Inneres preisgeben. In den Tagen darauf, kann nur die Glocke zum Mittagessen sie aus den Gesprächen reißen.

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Die Männer beginnen von Suchtproblemen, Gewalt und Schicksalsschlägen zu erzählen. Von gescheiterten Ehen, Vergewaltigungen und Drogenproblemen. „Ich hab’ mich manchmal entschuldigt, dass ich nichts derartig Großes teilen konnte“, erklärt Ole.

Vor der Männer-Initiation: Bin ich Mann genug?

Ole hatte als Kind keine Vaterfigur in seinem Leben. Bis er sechs Jahre alt war, zog ihn seine Mutter allein auf. Dann lernte sie Michael, seinen heutigen Stiefvater, kennen. Ole und Michael haben kein einfaches Verhältnis. Ole hadert mit seinem Aussehen. Er joggt häufig, hat darum starke Beine, sein Oberkörper ist im Vergleich aber wenig muskulös. Sein Gesicht ist weich, seine Gesichtszüge feminin, seine Stimme sehr tief. Wenn er sich mit den Schönheitsidealen in der Werbung, wie Unterwäschemodels vergleicht, fragt er sich: Was bedeutet Männlichkeit?

Ich wollte ergründen, was es bedeutet, ein Mann zu sein.“ 

Nach dem Abitur beginnt Ole Theologie zu studieren. Als er seine Freundin kennenlernt, erklärt er ihr, bald mit dem Studium abzuschließen. Nach insgesamt acht Jahren fehlen ihm immer noch die meisten Prüfungen. Er muss sich nach 16 Semestern eingestehen, dass er sein Studium nicht auf die Reihe bekommt. Sein Stiefvater arbeitet jahrelang mit Jugendlichen, die Suchtprobleme haben. Später als Lehrer im Gefängnis. Er will Ole dazu motivieren, seinen Problemen ins Auge zu sehen und nicht von sich wegzuschieben. Während seiner Jugend bekam Ole immer wieder einzelne Wortfetzen wie „Männerarbeit“ oder „Initiation“ durch seinen Stiefvater und seine Arbeit mit. Mit 31 Jahren und einem abgebrochenen Studium fragt er bei seinem Stiefvater erstmals genauer nach und meldet sich für kommende Männer-Initiation an.

Die Männlichkeit in der Krise

Verfolgt man die Medienberichte, scheint das männliche Geschlecht generell in einer Identitätskrise zu stecken. „Der Mann, so lassen sich diese Zahlen lesen, ist in der Krise. Und er verträgt diese Krise gar nicht gut. Sie macht ihn zum Extremisten, zum Fanatiker, Gewalttäter, vielleicht sogar zum Terroristen, mindestens aber zum Trump-Wähler. Der Mann ist ein gesellschaftlicher Problemfall“, schreibt die Süddeutsche. Männer würden sich neuerdings als Verlierer im Leben sehen, heißt es in dem Artikel. Dazu wird eine US-amerikanischen Studie zitiert, nach der sich Männer zwischen 18 und 34 Jahren im Arbeitsleben wegen ihres Geschlechts mehr diskriminiert fühlen als Frauen.

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„Wir haben unsere Rolle verloren. Der Macho ist out, der Softie unerträglich und der Normalo sterbenslangweilig“, schreibt der Autor Timm Kruse in seinem Erfahrungsbericht über die Initiation in seinem Buch: Meditiere ich noch, oder schwebe ich schon? Je selbstbewusster die Frauen werden würden, desto verletzlicher werden die Männer, schlussfolgert er.

Paula-Irene Villa leitet den Lehrstuhl für Soziologie und Genderstudies am Institut für Soziologie der Ludwig-Maximilians-Universität München und sieht das anders: „Wir wissen aus aus der historischen Männer- und Geschlechterforschung, dass die Thematisierung von Männlichkeit, gerade auch auf der Identitätsebene, in der Moderne fast nur im Krisenmodus geschieht“, erklärt sie ze.tt. Allein die Thematisierung von Männlichkeit, die Frage ,Wie bin ich als Mann?‘, würde als Symptom einer Krise verstanden.

Geheime Riten zur Weihung des Mannes

In einer Hütte in Nordbayern sucht Ole gemeinsam mit anderen Männern nach einem Ausweg aus der Krise. Nachmittags werden dort in einem sogenannten heiligen Raum Rituale zelebriert. Wie diese genau ablaufen, will Ole nicht verraten. Schließlich habe er dessen Geheimhaltung geschworen. Es lässt sich auch durch die Erfahrungsberichte im Internet nicht rekonstruieren. Angeblich wird geschwiegen, gefastet und gefroren. Ein anderer Teilnehmer erzählt in seinem Erfahrungsbericht beispielsweise davon, dass sie barfuß auf dem eiskalten Boden und mit freiem Oberkörper verharren, um die Härte des Lebens zu erfahren. Andere Rituale finden im Wald statt. Oft wird auch getrommelt, was einige Teilnehmer als magisch beschreiben.

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Alle Riten finden in Anlehnung an den US-amerikanischen Franziskanerpater Richard Rohr statt. Er gilt als Begründer und veröffentlichte Bücher wie Der Wilde Mann, Masken des Maskulinen, Adams Wiederkehr oder Vom Wilden Mann zum Weisen Mann. „Ich habe nicht einen männlichen Initiationsritus gefunden, der nicht Blut einschließt, echten physischen Kontakt, Nacktheit, körperliche Ausdauer (…) ein Stück Brutalität, wie das Zufügen von Wunden und Narben, dazu Schweiß, Speichel und auch Sperma“, schreibt Richard Rohr in seinem Buch Adams Wiederkehr. Das kann als Hinweis gedeutet werden, wie die Rituale in etwa ablaufen.

Rituale würden vor allem soziale Klarheit schaffen, erklärt die Professorin Paula-Irene Villa ze.tt. Auch in der deutschen Gesellschaft werden diese zelebriert wie: Hochzeiten, Taufen, Schultüten, Tanzschulen oder Abiball. „Sie sind schon lange nicht mehr allgemeingültig und zwingend. Unsere Gesellschaft ist komplex und stark von Individualisierung und Pluralisierung geprägt; sie kennt daher keine totalen Zugehörigkeiten mehr dieser Art. Das mag man bedauern. Man kann es aber auch als Ausdruck von Freiheit und Eigenverantwortung sehen.

Am fünften Tag findet das Abschlussritual statt. Dabei werden die Lehrenden, die Teilnehmer der Initiation, von den Ältesten, bereits initiierten Männern, aufgenommen. Nach dem Abschlussritual wartete sein Stiefvater Michael auf ihn. Er gratulierte Ole, nun ein initiierter Mann zu sein – so wie er es auch ist. Ein Moment der Annäherung.

Wenn man Ole fragt, was sich seit der Initiation in seinem Leben verändert habe, dann zuckt er mit den Schultern und sagt: „Gar nichts“. Erzählt aber, dass er eine Ausbildung mache, die ihm Spaß macht. „Auch dass ich eine feminine Seite habe, ist okay.“