Männer, so befreit ihr euch vom Druck, der perfekte Liebhaber sein zu müssen

Männer denken oft, sie müssten eine Sexmaschine sein. Gelingt es, dieses Rollenbild abzustreifen, ist der Weg frei für einen offeneren Umgang mit der eigenen Sexualität.

Fallen veraltete Klischees, kann ein stärkeres Miteinander entstehen. C0 / Pexels

Ich als Mann habe zu funktionieren. Ich habe der perfekte Liebhaber zu sein, sonst bin ich kein Mann. Das weiß ich schon, seit ich sehr jung bin, das weiß nahezu jeder Mann in meinem Umfeld.

Männer, die nicht immer erregt sind, mal keine Lust haben, beim Geschlechtsverkehr vermeintlich zu schnell kommen oder verkopft sind, die galten und gelten für viele Menschen als Schlappschwänze, vor allem aber für sich selbst. Viele Männer verinnerlichen diesen Gedankengang so tief, bis sie von extremen Leistungsdruck geplagt sind: Ich. Muss. Gut. Sein. Warum ist das so?

Während meiner Suche nach Antworten fand ich heraus: Dieses Rollenbild des ständig potenten Triebroboters, der befriedigen muss und seine Verletzlichkeit unter den Tisch kehrt, ist ein Ursprung für unzählige Probleme, persönliche wie gesellschaftliche. Wollen wir uns von Ängsten und Druck befreien, müssen wir diese Denkfehler endgültig abstreifen. Das gilt für Männer und Frauen gleichermaßen. Der positive Nebeneffekt? Wir werden selbstbestimmter und offener miteinander umgehen können – und viel besseren Sex haben.

Die meisten Männer sind betroffen

Das Problem mit den Leistungsgedanken ist kein Thema das nur wenige betrifft: Forschende zum Thema gehen im Gegenteil davon aus, dass die meisten Männer unter dem Erwartungsdruck stehen, in Beziehungen und der Sexualität etwas leisten zu müssen, um geliebt zu werden – und zwar als Teil tiefgehender und unbewusster Einstellungen und Haltungen. Auf dieser Basis machen sie ihre Erfahrungen, sie gestaltet ihr Bild vom Miteinander.

„Die hohe Anzahl an Männern, die an sexuellen Störungen leiden oder Schwierigkeiten haben, eine Beziehung zu begründen, macht deutlich, dass wir hier nicht von einem Randthema sprechen“, erklärt der Psychologe Robert A. Coordes. Er leitet das Berliner Institut für Beziehungsdynamik und ist spezialisiert auf Sexualtherapie, vor allem auf männliche Sexualstörungen. Laut ihm sind den meisten Männern ihre eigenen psychologischen Muster nicht bewusst, zudem ist es großteils nach wie vor tabuisiert, darüber zu sprechen. „Ängste und Druck zu erleben ist in vielen Männerkontexten nicht statthaft – man scheint häufig eher bestrebt, sich zu optimieren und stark zu machen.“

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Die Schwierigkeit, Beziehungen zu begründen – das kenne ich von mir selbst und aus meinem Freundeskreis. Männer scheinen häufig Beziehungen einzugehen, weil ihnen der Status wichtig ist, weil sie sich einreden, sie würden so als funktionierender Kerl wahrgenommen, und nicht, weil sie mit der Person aufgehen können und sich ein konsensuelles, respektvolles Miteinander auf Augenhöhe wünschen.

Das ist laut Coordes die Krux: „Die meisten Menschen, nicht nur Männer, leben ein von sich selbst entfremdetes (Beziehungs-)Leben. Sie haben keinen Bezug zu ihrem Körper und haben ihre eigentlichen und sexuellen Bedürfnisse und das, was ihnen eigentlich gut tut, aus den Augen verloren.“ Permanent werde uns medial suggeriert, dass wir uns selbst optimieren können und sollten, um unsere Performance zu verbessern. „Uns wird vermittelt, dass wir mit mehr Leistung als Beziehungs- und Sexualpartner attraktiver werden. Doch genau diese Bestrebungen führen zu immer mehr Entfremdung von uns“, sagt Coordes. Und zunehmende Entfremdung wird uns umgekehrt zu immer mehr Leistung antreiben. Ein Teufelskreis. Eine tiefe Verbindlichkeit und erfüllender Sex werden laut dem Psychologen damit immer unerreichbar. „Zurück bleibt Leere und Beziehungslosigkeit. Phänomene, die unsere Zeit kennzeichnen.“

Wie der Mann sich selbst fremd wird

Denke ich an die Entfremdung, die Coordes meint, kommen mir ein paar tiefgründige Gespräche mit Freunden in den Kopf. Wir sprechen dann darüber, dass wir manchmal vor lauter Stress keine Lust auf Sex haben, ihn aber trotzdem haben, weil wir denken, das müssten wir eben. Wir sprechen darüber, wie schwer es uns fällt, uns im Spiegel zu betrachten, uns begehrenswert zu fühlen und liebevoll mit uns umzugehen. Wir sprechen darüber, wie schwer es uns fällt, uns zu berühren, als sexuelle Wesen zu verstehen, mit Wünschen und Verletzlichkeit, mit Lust und Unlust. Dass solche Gespräche die Ausnahme bleiben und oft nur mit Lockermachern aufkommen, sagt viel über die Kraft dieser Entfremdungsspirale aus, in der wir feststecken.

Wo kommt das her? Lange ging ich davon aus, dass die Popkultur daran große Schuld trägt, hauptsächlich die Pornografie. Wir wuchsen schließlich mit Filmen auf, in denen Frauen mit lustvoll verzerrten Gesichtern im Kamerafokus stehen, während von den Männern lediglich sehr große und harte Penisse zu sehen sind, die eine Stunde ununterbrochen penetrieren und Frauen zum Orgasmus bringen. Unbewusst sagt uns das: Tut ihr das nicht, bringt ihr’s nicht. Dass diese Darstellung nichts mit der Realität zu tun hat, wissen alle, die schon mal Sex hatten, und dennoch ist unsere Idealvorstellung davon geprägt. Das Resultat ist, zumindest in meiner Wahrnehmung, dass wir bei Sex häufig in diesen Rollen agieren, von denen wir glauben, wir müssten sie ausfüllen. Wir haben zu befriedigen oder wir haben befriedigt zu werden. Mit den Sexualpartner*innen reflektieren und Wünsche offen kommunizieren? Eine Seltenheit.

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Dass wir verqueren Rollenbildern aufsitzen, belegt die Wissenschaft. Eine Studie von Sexualforschenden aus England und Kanada aus dem Jahr 2016 zeigt, dass männliche Lust mit ihren Emotionen und Zufriedenheit zusammenhängt. Sie befragten vor allem Männer in langjährigen Beziehungen. Sie fanden heraus: Bei Beziehungsproblemen geht der Sex zurück. Und in einer Studie von 2009 fand man heraus, dass sich Männer und Frauen im Bezug auf Sex viel weniger unterscheiden als angenommen. Für beide gehört Harmonie, Liebe und Sex zusammen. Männer sprechen nur seltener darüber. Das passt ganz und gar nicht mit diesem Bild der gesichtslosen Sexmaschine zusammen.

Ich erinnere mich: In unzähligen Filmen und Serien wie Sex and the City wird sich über diese Männer lustig gemacht, die nach kurzer Zeit ejakulieren oder keinen hochbekommen. Im Bekanntenkreis wird das in diesem Geiste fortgesetzt, es wird frei raus bewertet: Die*der ist gut, die*der eine Flasche im Bett. Frauen kommunizieren Unlust häufiger, dagegen scheint es common sense zu sein, dass Männer auf Abruf bereit sind, protestlos. Wie könnten wir da anders, als diese Bilder für uns selbst anzunehmen, obwohl wir tief drin wissen, dass sie Quatsch sind? Wie ich feststellen musste, ist der Einfluss der Popkultur auf unser sexuelles Selbstbild aber nur die Spitze des Eisbergs.

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„Die Wurzeln der Entfremdung liegen in der Regel in der kindlichen und jugendlichen Entwicklung“, sagt Psychologe Coordes. Würden Männer hier die Erfahrung machen, dass sie wertvolle Menschen und Beziehungspartner sind und dafür keine besondere Leistung notwendig ist, dann könnte sich diese Erfahrung als dauerhafte Einstellung verankern und zur Grundlage für weitere Beziehungen werden. „Wenn Männer hier lernen, dass sie lieben können und liebenswerte Menschen sind, dann werden sie auch in späteren Beziehungen auf diese Ressourcen zurückgreifen können und liebevolle Nähe aufbauen anstatt mit Leistung überzeugen zu wollen.“ 

In der Realität sieht es leider meistens so aus: Der Mann hat schon in der Kindheit und Jugend stark zu sein, den Schmerz runterzuschlucken und später ordentlich Geld zu verdienen. Er hat Verantwortung zu übernehmen und besondere Leistungen zu erbringen, um überhaupt nur das Gefühl vermittelt zu bekommen, er würde genügen. Seine bloße Anwesenheit reicht dafür nicht aus.

Wie man unbewusste, schädliche Muster erkennt

Nacktheit und Sexualität zu erleben und entdecken, ist wichtig für uns Menschen, nicht nur zu Fortpflanzungszwecken. Der klinische Sexualpsychologe Christoph Joseph Ahlers beschreibt Sex in seinem Buch Himmel auf Erden und Hölle im Kopf als intimste Form von Kommunikation, als intensive Möglichkeit, psychosoziale Grundbedürfnisse körperlich und seelisch zugleich zu erfüllen. Als sehr tiefgreifendes menschliches Bedürfnis also, dem wir allein deshalb einen hohen Stellenwert beimessen sollten.

Ahlers geht noch weiter: Laut ihm müssen wir uns radikal von allgemeinen Ansprüchen und Leistungsvorstellungen im Bezug auf Sexualität emanzipieren, um befreiter und glücklicher leben zu können. Im Umkehrschluss heißt das, dass wir uns uns selbst wieder annähern müssen.

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Damit das gelingt, müssen wir zunächst begreifen, dass wir innerliche Programme abspulen, wenn es darum geht, uns als Liebhaber oder liebenswert zu beweisen, gut performen zu wollen. Psychologe Coordes beschreibt diese so: „Der Mann wird eigene Ängste in der Regel verdrängen, überspielen und hoffen, dass dem*der Partner*in diese nicht auffallen. Dadurch steigt der innere Druck.“ Der betreffende Mensch bezahlt dieses Versteckspiel dann mit Gefühlsarmut, oberflächlichen Beziehungen, depressiven Episoden oder sogar sexuellen Störungen.

Wenn man gelernt hat, für andere Leistung zu bringen, dann wird der*die Partner*in immer auch zu jemandem, dem*der gegenüber man eine gewisse Abhängigkeit erlebt. „Damit wird die Beziehung und die Sexualität in der Regel immer auch zwiespältig, schließlich will man ja Leistung bringen, um geliebt zu werden, andererseits droht dann aber auch die eigene Autonomie verloren zu gehen. Streits und Machtkämpfe in Beziehungen sind dann häufig die Folge“, sagt Coordes. Die gute Nachricht: Wir können uns diese Programme abtrainieren.

Gesunde Beziehung zu uns selbst = besseres Gefühl, besserer Sex

„An der männlichen Erektion hängt nicht selten das gesamte männliche Selbstbewusstsein – steht er, dann steht auch der Mann zu sich. Geht die Erektion verloren, so bleibt häufig genug so gut wie nichts vom Mann übrig“, sagt Coordes. Dabei kann es auch sein, dass die Erektion gegangen ist, weil die Situation mit dem*der Partner*in einfach nicht erotisch war oder weil der Mann im Kopf seine Ängste und Leistungsvorstellungen durchspielt. „Diese Faktoren gilt es ins Bewusstsein zu führen, um damit verbindender und selbstbestimmter zu handeln.“

Leider beginnen wir Menschen immer erst dann unsere Rollenbilder oder Einstellungen zu hinterfragen, wenn wir erfahren, dass diese unsere Leben einschränken. „Viele Männer merken erst dann, dass sie etwas für sich tun sollten, wenn sie ihre Partnerin verlieren oder wenn sie so massiv an sexuellen Störungen leiden, dass Sex fast unmöglich wird“, sagt Coordes. „Das ist in der Regel eine sehr wichtige, wenn auch schmerzhafte Erkenntnis – dann bekommen Männer mit, dass es Bereiche in ihrem Leben und in ihrer Selbstbeziehung gibt, die sie nicht über verbesserte Performance beeinflussen können.“

Der Experte gibt Männern, die bemerken, dass sie in Sachen Beziehung und Sexualität lange einem falschen Selbstideal nachgerannt sind, folgenden Ratschlag: Will ein Mann etwas verändern, muss er sich selbst mehr in den Fokus zu nehmen. Er muss sich selbst erforschen, seine eigenen Bedürfnisse ergründen und sich mit den eigenen Ängsten konfrontieren. Wo es sonst darum geht, den*die Partner*in um jeden Preis zufrieden zu stellen, muss es jetzt darum gehen, die Selbstbeziehung zu stärken. Eine gesunde Beziehung zu sich selbst führt zu einem besseren Körpergefühl – oder überhaupt erst mal zu einem Gefühl für sich selbst.

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So sehr das schmerzt, weil es viele Modelle infrage stellt, nach denen wir lange lebten, scheint es, als müssten viele Männer sich in dieser Hinsicht neu kennenlernen. Ein neues Verständnis dafür entwickeln, warum wir funktionieren, wie wir funktionieren. Dazu gehört womöglich auch, Kommunikation über den Sex einzufordern, wo sie bisher nicht stattfand, uns bewusst zu machen, dass auch wir Nein sagen können, wenn wir gerade keine Lust verspüren und eben nicht bedingungslos funktionieren müssen.

Begreifen wir, dass wir auch ohne Leistung, im Bett oder wo auch immer liebenswert sind, ist der erste Schritt gemacht. Es gibt keinen Grund für unsere Versagensängste, einfach weil es nichts gibt, bei dem wir versagen könnten. Denn zu Sex gehören mindestens zwei – und wenn es irgendeine Verantwortung geben sollte, gut im Bett zu sein, dann liegt diese bei beiden.