„Männerwelten“ auf ProSieben: Frauen machen auf sexualisierte Gewalt aufmerksam

Mehrere Frauen, darunter Sophie Passmann, Palina Rojinski und Katrin Bauerfeind, haben auf ProSieben auf unterschiedliche Formen von sexualisierter Gewalt aufmerksam gemacht.

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Palina Rojisnki und Sophie Passmann laufen mehrere Wände ab, an denen zahlreiche weitere ungefragt zugeschickte Fotos von Penissen hängen. Screenshot: © Joko & Klaas / YouTube

Wenn die Moderatoren Joko Winterscheidt und Klaas Heufer-Umlauf in ihrer Spielshow Joko & Klaas gegen ProSieben gewinnen, bekommen sie 15 Minuten Sendezeit zur Primetime am Folgetag geschenkt. Diesen Teil können sie frei gestalten, ProSieben hat laut eigenen Angaben keinen Einfluss auf das Programm.

Am Mittwoch zeigte der Fernsehsender eine Führung durch eine Ausstellung. Ihr Titel: Männerwelten. Autorin Sophie Passmann führte durch Räume, in denen Frauen auf sexualisierte Gewalt durch Männer hinwiesen.

„Vielleicht ist es die gruseligste, aber auch nötigste Ausstellung der Welt“, sagt Passmann zu Beginn des Videos. „Vergessen Sie Körperwelten und das London Dungeon. Gegen das, was Sie hier gleich zu sehen bekommen, wirkt Saw 3 wie Lilo und Stitch.“

Triggerwarnung: Das folgende Video thematisiert sexualisierte Gewalt.

Im ersten Raum der Ausstellung enthüllt Moderatorin Palina Rojinski einen Bildschirm, auf dem ein Dickpic in Großaufnahme zu sehen ist. Rojinski und Passmann laufen mehrere Wände ab, an denen zahlreiche weitere ungefragt zugeschickte Fotos von Penissen hängen. Solche Bilder zugesendet zu bekommen, „grenzt an virtuellen Missbrauch“, kommentiert Rojinski. Sophie Passmann weist darauf hin, dass das Verschicken eines Dickpics nach Paragraph 184 des Strafgesetzbuches strafbar ist.

„Es gehört quasi zur Jobbeschreibung dazu, als Frau der Öffentlichkeit sowas ertragen zu müssen“, leitet Sophie Passmann zum nächsten Raum der Ausstellung über. Darin stellen die Moderatorinnen Jeannine Michaelsen, Visa Vie und Stefanie Giesinger diskriminierende Tweets vor, in denen männliche User sie beleidigen.

Wahrscheinlich müssen wir noch eine ganze Weile ertragen, dass diese Scheiße stattfindet. Wir müssen sie aber nicht akzeptieren.

Sophie Passmann

Im dritten Teil der Ausstellung geht es um Chatnachrichten, die Männer Frauen geschickt haben. Sie stammen vom Instagram-Account Antiflirting. Zwei Frauen aus Wien zeigen mit den Postings, dass sexuelle Belästigung online keine Seltenheit ist – wir haben die Arbeit der Aktivistinnen in diesem Artikel vorgestellt. In der Männerwelten-Ausstellung stellen die Moderatorinnen Collien Ulmen-Fernandes und Katrin Bauerfeind mehrere Verläufe nach.

„Sexuelle Belästigung ist etwas, das jede zweite Frau in Deutschland schon erlebt hat“, leitet Sophie Passmann zum nächsten Raum über. Darin stehen mehrere Frauen, an denen die Kamera vorbeifährt. Im Voiceover erzählen sie von Situationen, in denen sie sexualisierte Gewalt erlebt haben. Auf der Straße, im Taxi, im Restaurant, beim Besuch von Freunden, am Arbeitsplatz. „Wahrscheinlich müssen wir noch eine ganze Weile ertragen, dass diese Scheiße stattfindet“, sagt Passmann. „Wir müssen sie aber nicht akzeptieren. Wir können diese Dinge thematisieren, in die Öffentlichkeit tragen und zur Anzeige bringen.“

Die University of Cansas hat Kleidungsstücke gesammelt, die Frauen getragen haben, als sie vergewaltigt wurden. Im letzten Raum der Ausstellung sind die Kleidungsstücke zu sehen. „Wenn Frauen Vergewaltigungen erleben mussten, ist eine der häufigsten Fragen, die ihnen anschließend gestellt wird: Was hattest du an?“, sagt Passmann. „So als gäbe es eine Länge von Rock, die irgendwann eine Vergewaltigung erlaubt, als wäre die Tiefe eines Ausschnitts Schuld daran, dass Männer aufhören, Frauen zu respektieren.“

Am Ende des Videos erklärt ein Text, dass fast die Hälfte der Frauen in Deutschland bereits sexuell belästigt wurde und jede siebte Frau strafrechtlich relevante Formen von sexueller Gewalt erlebt hat. Und dass nur zehn Prozent der Vergewaltigungen zur Anzeige gebracht werden. Den Mitschnitt der Sendung hat ProSieben inzwischen auch auf YouTube veröffentlicht.

Viel Zuspruch, aber auch Kritik

Unmittelbar nach der Ausstrahlung trendete der Hashtag #Männerwelten auf Twitter. Viele Nutzer*innen äußerten sich positiv zu dem 15-minütigen Beitrag. Dass dieses wichtige Thema auf diese Weise in die Öffentlichkeit getragen werde, fanden viele gelungen.

Es gab aber auch Kritik an der Sendung. Einige Nutzer*innen, unter anderem die Journalistin Yasmine M’Barek, kritisierten die Entstehung des Beitrags in Kooperation mit Terre des Femmes. Der 1981 gegründete Verein steht in der Kritik, weil er keinen intersektionalen Feminismus vertrete. 2018 hatte der Verein beispielsweise eine Kampagne gegen das Tragen von Kopftüchern gestartet und viel Kritik erfahren.

Weiterhin wiesen Nutzer*innen, unter anderem die Rapperin Lady Bitch Ray, darauf hin, dass in der Sendung sowohl Women of Color als auch queere Menschen ausgeklammert worden wären.

Madita Oeming, Dozentin an der Universität Paderborn, schreibt in einem Twitter-Thread: „Ich weiß, ihr wollt euer Publikum abholen, aber ihr hättet ein paar Sätze jenen widmen können, die nicht Teil der Mehrheitsgesellschaft sind.“

Manche Nutzer*innen kritisieren zudem, dass das Thema sexualisierte Gewalt erst Aufmerksamkeit erfahre, wenn Männer wie das Duo Joko und Klaas es in die Primetime heben. Joko Winterscheidt und Klaas Heufer-Umlauf gerieten 2015 für eine übergriffige Aktion in die Schlagzeilen: Für ihre ZDF-Show neoParadise hatte Heufer-Umlauf Winterscheidt dazu aufgefordert, auf der Internationalen Funkausstellung in Berlin einer Messehostess an die Brüste oder den Po zu fassen. Die Moderatoren sowie das ZDF waren für die Aktion scharf kritisiert worden, woraufhin sich Heufer-Umlauf und Winterscheidt entschuldigten.

Außerdem auf ze.tt: „Antiflirting“ macht sexuelle Übergriffe im Internet sichtbar

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